Matthias Engel und 4 Musiker gestaltet klassisches Versepos als zirzensisches Figurentheater
Die verdienstvolle Gastspielreihe „puppe ab 18“ des Anhaltischen Theaters Dessau bot im November als Kennenlernangebot Johann Wolfgang von Goethes Versepos „Reineke Fuchs“ in der Fassung des bekannten Magdeburger Puppenspielers und Allround-Mimen Matthias Engel. Das Alte Theater war ausverkauft.
Von Moritz Jähnig

Vieles ist möglich
„puppe ab 18“ richtet sich an Freundinnen und Freunde des Puppenspiels, die dem Kindesalter entwachsen sind. Der Soloauftritt von Frank Engel, geboren 1965 in Pasewalk, lief vor total ausverkauftem Haus, wobei sich die Mehrzahl des Publikums in derselben Altersgruppe wie der Darsteller selbst wiederfand.
Eine Gruppe also, der das TIP – Theater im Palast (der Republik) zumindest vom Hörensagen noch ein Begriff sein dürfte. Dort feierte – das kleine Extempore sei erlaubt – ab 1982 der Leipzig/Berliner Schauspieler Eberhard Esche mit einem Vortrag von Goethes „Reineke Fuchs“ große Erfolge. Die Betonung lag dabei auf *Vortrag*. Wundersamerweise ist dieser Abend im Internet zu finden: Esche, nobel daherschreitend, in einem eleganten schwarzen Frack mit wehenden Schößen, in seinem Auftritt immer wie um einen Schritt zurückgenommen, ausdrucks- und sprachstark, aber distanziert.
Ein Auftritt voller Nähe und Energie
Frank A. Engels Auftritt strahlt dagegen etwas Zupackendes und Publikumszugewandtes aus. In engen, dunkelblauen Samthosen, Schnallenschuhen aus rotem Lackleder und einem breitrandigen roten Hut, wie ihn der Dichterfürst weiland für seine Italienbildern trug, so betritt der Schauspieler den schwarz abgehängten Bühnenraum und leuchtet förmlich auf. Jovial beginnt er mit dem Publikum zu plaudern und scherzt mit den Musikern. Zwischen ihn und seine Gäste passt kein Blatt. Er lässt die Leute aufstehen und mitsingen, verteilt Requisiten und holt Zuschauerinnen und Zuschauer zu wundervollen kleinen Improvisationen auf die Bühne.

Musiker als Mitspieler
Seine vier Musiker, die gleich zu Beginn als wichtige Mitakteure vorgestellt werden, sitzen ebenfalls in ausgesprochen phantasievollen Kostümen im Bühnenraum, spielen verschiedenste Instrumente, sprechen, summen und übernehmen unter anderem die Aufgabe, dramaturgische Einschnitte zu markieren – etwa wenn die Pause eingeläutet werden soll. Gespielt werden interessante, situationskennzeichnende Kompositionen von Marius Moritz.
Zwischen seinen Spielszenen setzt sich Engel immer wieder links an sein improvisiertes Lesepult, blättert hektisch in seinen Manuskripten und jongliert mit dem roten Hut.
Bühne, Wandschirm und Zirkusarena
Auf der Szene steht hinten ein fünfteiliger, mannshoher Wandschirm: auf der einen Seite mit einer Baumsilhouette für Reisesituationen, auf der Rückseite mit dem Hof König Nobels, des Löwen, mit Bildern, Telefon und dem Abbild des Herrschers selbst. Diesen spricht Engel – pantomimisch, wie in allem hoch artifiziell – vom Publikum abgewandt an.
Wenn er in die Rollen der einzelnen Fabeltiere schlüpft, setzt er Maskenkappen auf, die auf Ständern an zwei niedrigen Leporellos hängen. (Die Tierkopfmasken und Kostüme entwarf Kersin Dathe) Leporelloständer begrenzen die Spielarena nach links und rechts und zeigen (nicht auf den ersten Blick erkennbar) Ausschnitte aus Wilhelm von Kaulbachs Illustrationen für die Erstausgabe von Goethes Versen von 1793 (Bühnenbild Therese Thomaschke).
Es ist eine gedachte Arena, ein Zirkus, in dem Engel mit den Fabeltieren auftritt und aus dem heraus er nach allen Seiten – mit Königsbild, Musikern und Publikum – agiert.

Goethes politische Hexameter
Goethe hat für seine Bearbeitung des Prosatextes die feierliche Form der Hexameter gewählt und in der würdevollen, höfisch-politisch korrekten Rede deftige bis zotige Volkstümlichkeiten verpackt.
Etwa in der Szene, in der Reineke die Wölfin Gieremund, die sich in einer Mauerritze eingeklemmt hat, von hinten nötigt, oder in den plastischen Klagegesängen der Hähne um die von Reineke gefressene Legehenne. Ebenso in der schönen Geschichte, wie Reineke es einfädelt, dass Zimmermann Rüsteviel und die Dorfleute den Bären schlagen oder die Pfarrersköchin Frau Jutte vor dem Ertrinken retten, weil der Pfarrer dafür Bier und Ablass verspricht.
Engels Spielweise setzt der sich aus dieser Reibung ergebenden Ironie zusätzlich etwas Zirkushaften auf.
Eindrucksvoll – aber sprachlich fordernd
An diesem über 120 Minuten dauernden Theaterabend ereignet sich viel. Das Publikum folgt Spiel, Musik und Sprache – wobei Letztere in der Verständlichkeit Probleme bereitete: Goethe und die Hexameter.
Der volle Reichtum der Szenen und ihre böse These, dass sich Gewalt im Leben durchsetzt, erschließen sich nicht in atemlosem Tempo. Das politisch Aufrührerische und leider zeitlos Scheinende geht unter dem zirzensischen Drumherum fast unter.
Annotation
„Reinecke Fuchs“. Versepos von Johann Wolfgang Goethe; Engeltheater; Regie: Anton Kurt Krause; Komposition: Marius Moritz; Masken: Kerstin Date; Bühnenbild: Therese Thomaschke
Besetzung
Matthias Engel
Jonatha Strauch: Saxophon, Klarinette, Querflöte, Markus Hensel: Posaune, Moho Buschendorf: Kontrabass, Gören Eggert: Marimbaphon, Schlagzeug, Trompete
Credits
Premiere Forum Gestaltung Magedeburg 23.10.2024; erlebte Vorstellung Altes Theater Dessau 22.11.2025; veröffentlicht 23.11.2025;
nächste Vorstellung Gesellschaftshaus Magdeburg 23.11.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: Anhaltisches Theater und Autor
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