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Leipzig: Aus der Erde geboren, aus der Haut befreit

Leipzig: Aus der Erde geboren, aus der Haut befreit

Robert Ssempijja begeistert mit „Alienation III“ die euro-scene

In seinem Solotanzstück „Alienation III“ verwebt Robert Ssempijja unterschiedliche Ausdrucksformen zu einem komplexen, in sich stimmigen Ganzen von eindringlicher Wirkung.
Ssempijja, ein junger, international auftretender Tänzer und Choreograf aus Uganda, setzt Tanz, Performance, Videokunst, literarischen Ausdruck und Musik virtuos zur Erforschung und Kommunikation von Identität ein.

Von Moritz Jähnig

„Alienation III“

Der Raum als Bühne der Erinnerung

Der Tänzer drückt sich mit dem Bewegungsvokabular und in der Symbolik seiner Heimat aus, ohne in die folkloristische Exotik des „Afrikanischen“ zu verfallen. Den Sound liefern Percussion-Klänge, komponiert von Öz Kaveller, einer in Istanbul geboren und in Berlin lebenden Künstlerin. Auf den Großbildschirmen erscheinen, gezeichnete wie von Laienhand, Umrisse der Stadtteile von Ugandas Hauptstadt Kampala, dem „Hügel der Antilopen“, heute mit fast zwei Millionen Einwohnern.

Die Stadt, das Stadtbild, der Raum selbst, wird zum Theater.
Das Publikum sitzt auf einem beigen Teppichboden. Darauf sind braune Flecken verteilt, die aussehen die Urkontinente in der Hydrosphäre. Zwischen den Inseln schlängeln sich helle Bahnen: Wasser- oder Lebenswege.
Wenn das Licht im Theaterraum allmählich heller wird, sehen die Zuschauenden – oder besser: erahnen sie – den Tänzer. Fast nackt bewegt er sich bäuchlings auf diesen hellen Bahnen. Er kriecht, gleitet, kämpft sich auch stöhnend durch die Inselwelt, mitten durch der Zuschauerinnen und Zuschauer der euro-scene Leipzig, Spielort „Residenz“ in der Baumwollspinnerei. Die ist ihrerseits wieder ein historischer Resonanzraum: Ab 1884 wurde hier, in der größten Spinnerei des alten Kontinents, Baumwolle aus Ostafrika verarbeitet. Ein wirtschaftlicher Erfolg für Kaiser-Deutschland, geboren aus kolonialer Ausbeutung. Das Gelände dafür bereitete der Leipziger Immobilienentwickler Dr. Carl Heine.

„Alienation III“

Koloniale Linien und gebrochene Wege

In Uganda formte der britische Kolonialismus das Land entsprechend  seiner imperialen Bedürfnisse zur Ressourcenausbeutung um: neue Straßen, neue Häuser, neue Ordnungen.
Robert Ssempijja setzt den Tanz in einem weißen Overall fort, der bedruckt ist mit englischen Straßennamen wie King Charles Drive oder Princess Ann Park. Ein Sinnbild kolonialer Überformung. Mit seinem Körper und wegweisenden Straßenhinweisschildern zieht er neue Linien durch den Raum. Er schlägt symbolisch Straßen durch die natürlich gewachsenen Strukturen. Dafür muss das am Boden sitzende Publikum weichen und sich umsetzen. Die neuen „Kolonialstraßen“ trennen Gruppen, zerschneiden Gemeinschaft.
Auf den Monitoren laufen Szenen aus dem heutigen Kampala: chaotischer Straßenverkehr, Slums, offene Abwasserkanäle. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen zu einem unheilvollen Kontinuum. Dann schüttet der Tänzer rote afrikanische Erde in die Mitte des Raumes. Er bedeckt sich mit ihr, gräbt sich ein, begräbt schließlich sein industrielles europäisches Gewand, um nackt, verletzlich, aber frei seine Haut zu retten.

Architektur, Identität, Befreiung

Ssempijja verweist in seinem Stück auch auf den deutsch-jüdischen Architekten Ernst May, der im Auftrag der britischen Behörden in Kampala einen neuen Stadtteil entwarf – eine moderne Gartenstadt, in der noch heute die Eliten leben.
So verknüpft „Alienation III“ Körper, Raum und Geschichte zu einer poetischen, politischen Choreografie über Kolonialismus, Selbstbehauptung und die Möglichkeit von Heilung.

Dieses euro-scene-Gastspiel hält jeden, der es erlebt, noch lange fest und weist den Weg auch in den Leipziger Debatte um Dekolonialisierung.

Annotation

„Alienation III“. von Robert Ssempijja. Gastspiel innerhalb der euro-scene 2025 in der Residenz des Schauspiel Leipzig auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei.

Konzept + Performance Robert Ssempijja Musik + Sounddesign Öz Kaveller Dramaturgie Gert-Jan Stam Outside Eye Christoph Winkler, Israel Akpan Sunday Videobearbeitung Larissa Potapov Kostüm Kazibwe Nelson Produktionsmanager Niklaus Bein Künstlerische Zusammenarbeit Joseph Julius Kasozi Soundrecording Okiria Michael

Festivalprogramm

www.euro-scene.de

Credits

besuchte Vorstellung 06.11.2025; veröffentlicht 07.11.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Iona Dutz

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