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Chemnitz: „Wieso ist die Nase blau?“

Chemnitz: „Wieso ist die Nase blau?“

Choreografie von Katarzyna Kozielska besticht mit Tanzkunst und Zeitrelevanz

Dass durch seine guten Ensembleleistungen und einfallsreichen Choreografien überregional bekannte Chemnitzer Ballett macht im Spielplan mit Premieren an ungewöhnlichen Spielorten und dem Festival TANZ | MODERNE | TANZ von sich reden. Aber auch Wiederaufnahmen interessanter Stücke zeichnen das Repertoire aus. Wir sahen „Wieso ist die Nase blau?“

Von Moritz Jähnig

Anna-Maria Maas (Emy Frisch), Kirill Kornilov (Karl Schmidt-Rottluff); Tänzer:innen des Balletts Chemnitz Szene Uraufführung 2022

Die Kraft der Liebe im Tanz

Der Ballettabend ist ein schwärmerisches Bekenntnis zur Kraft der Liebe. Die Liebe trägt zwei Menschen durchs Leben, hilft, Schicksalsschläge zu überstehen, Anfechtungen zu überwinden und Harmonie zu bewahren.

Tänzerisch herausragend transportieren die Chemnitzer Solisten Anna-Maria Maas (zart und sehr zurückhaltend) und Kirill Kornikov (durchgängig edel und wie verträumt) in den Partien Emmy und Karl Schmidt-Rottluff diese Botschaft. In beeindruckenden Pas de deux gleiten die Liebenden immer wieder aufeinander zu und strahlen im neoklassischen Stil Innigkeit und Kraft aus. Als Märchenprinz und Prinzessin zieht sich das Künstlerpaar immer wieder für Momente aus dem Chaos zurück, um weitermachen zu können. Liebe transzendiert alles Unheil – das ist die zentrale Botschaft. Mithin ein Märchen.

Szene aus dem ersten Teil des Tanzabends. „Erfolg und Ächtung“

Eine Wiederaufnahme mit historischer Tiefe

Es ist ein wunderbarer Gedanke, diese 2022 uraufgeführten Choreografie von Katarzyna Kozielska im Kulturstadtjahr wiederaufzunehmen.

Vor 80 Jahren, am 5. März, wurde Chemnitz bombardiert. Das „sächsische Manchester“ ging unter, Tausende starben. Der Maler Schmidt-Rottluff hatte bereits ein Jahr zuvor in Berlin seine Wohnung durch Bomben verloren und war danach nach in die Heimatstadt zurückgekehrt.

Kozielskas Uraufführung, die auf ein Konzept von Sabrina Sadowska zurück geht, hat sich vorgenommen, über die Geschichte zweier bedeutender Chemnitzer parabelhaft die deutsche Geschichte zu erzählen. Beginnend vor und nach dem Ersten Weltkrieg, über die faschistisch-totalitäre Machtergreifung, den Zweiten Weltkrieg, die Zerstörung, den späteren Mauerbau – bis hin zur Gegenwart.

Menschen, die Kriegszerstörung und die Entwertung ihres beruflichen Lebens erlebt haben, werden die Botschaft des Balletts vom Kraftquell Liebe bestätigen. Das Triviale ist hier so lebenswahr. Herzlicher Beifall für das Mosaik aus verständlich gestalteten Szenen in dieser Mittwochabend-Repertoirevorstellung im Opernhaus, das noch mehr Publikum hätte aufnehmen können.

Ausdrucksstarkes Ensemble und mythische Erzählebene

Die Atmosphäre unter den Zuschauern war unangestrengt und frei von Pathos. Die Jugend diskutierten in der Pause im Foyer über die Figuren „Der Tod“ und „Nirriti“. Mit beiden wird von der Choreografie eine mythische Erzählebene eingeführt.

Die Charaktere fielen aber auch auf Grund ihrer expressiven Darstellung auf. In den großbogigen Bewegungen des Ausdruckstanzes verkörpert Ballettmeisterin Sabrina Sadowska Nirriti, den guten Geist des Lebens, als Gegenpart zum Tod. Diesen tanzte Miguel Eugênio einmalig ausdrucksstark.

Starke Bilder und musikalische Vielfalt

Zu Beginn sitzt der Maler mit seinem Modell Emmy links auf der Bühne in seinem Atelier. Die Szene: eine Vernissage. Großformatige Bilder, angedeutet durch Keilrahmen, hängen im Raum, werden betrachtet, besprochen und schließlich erfolgreich an gut gekleidete Bürger verkauft. Der Künstler zweifelt zwar, aber er hat Erfolg.

Szene Uraufführung 2022. Die Zeitenwende, das Böse zieht auf.

Dann folgt eine Zeitenwende. Kriechend schiebt sich im Marschtritt das schwarze Unheil heran. Die eben noch gefeierten Gemälde werden zerstört. Der Tod trampelt auf ihnen herum. Seine Finger krabbeln schmierig an Schmidt-Rottluffs Körper empor. Miguel Eugênio stärkster Moment, wenn dabei eine Schreckensmaske mimt. Der international erfahrene Solist bringt aus seiner brasilianischen Heimat Körpersprache aus dem Candomblé mit.

Tod und Nirriti, Emmy und Karl, Rosa Schapira (Valeria Gambino) und Hanna Bekker vom Rath (Emily Grishaber) traten aus der ausgeglichen gut tanzenden Truppe besonders hervor.

Mit der Szenerie für „Wieso ist die Nase blau?“ setzte Gastbühnenbildner Tomas Mika seine Arbeit für das Chemnitzer Ballett nach seiner Ausstattung für „Schwanensee“ 2019, weiter fort. Er verzichtet auf malerische Opulenz und konzentriert sich auf klare Tanzbilder.

Das Programmheft listet 17 musikalische Quellen auf. Jeder Stimmungswandel wird von einem anderen Klang begleitet. Das hat seine Reize, zerfasert aber den Stückfluss letztendlich erheblich.

Annotation

„Wieso ist die Nase blau?“. Tanzabend von Katarzyna Kozielska zu Leben und Werk des expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff; Uraufführung; Theater Chemnitz, Chemnitzer Ballett. Choreografie und Inszenierung: Katarzyna Kozielska, Konzeption: Sabrina Sadowska und Katarzyna Kozielska, Bühne und Kostüme: Thomas Mika, Dramaturgie: Dirk Elwert,

Besetzung

Karl Schmidt-Rottluff: Jean-Blaise Druenne / Kirill Kornilov, Emy Leonie Schmidt-Rottluff, geb. Frisch, seine Frau: Natalia Krekou / Anna-Maria Maas, Rosa Schapire, Kunsthistorikerin: Soo-Mi Oh / Valeria Gambino, Hanna Bekker vom Rath, Mäzenin: Lívia Pinheiro / Emily Grieshaber, Künstlergruppe „Die Brücke“ – Ernst Ludwig Kirchner: Jeremey Zotov, Fritz Bleyl: Igor Genovesi *, Erich Heckel: Tiziano Botteri *, Karl Schmidt-Rottluff: Alexander Gore, Der Tod: Koh Yoshitake / Miguel Eugênio, Nirriti: Sabrina Sadowska, Vier Paare: Benjamin Kirkman, Kirill Kornilov, Alexander Gore, Aleksandr Solovei, Victoria Dorodna, Anna Solovei, Emily Grieshaber, Soo-Mi Oh, Sechs Damen: Lívia Pinheiro, Valeria Gambino, Ella Puurtinen, Margaux Pagès, Adéla Marešová *, Irisa van Niekerk *, Sechs Soldaten: Miguel Eugênio, Koh Yoshitake, Tim Hutsch, Alexander Gore, Jeremey Zotov, Tiziano Botteri *, Igor Genovesi *, Farben: Valeria Gambino, Margaux Pagès, Victoria Dorodna, Soo-Mi Oh, Lívia Pinheiro, Aleksandr Solovei, Benjamin Kirkman, Dávid Janik, Kirill Kornilov, Alexander Gore, Miguel Eugênio, Koh Yoshitake, Schatten: Anna Solovei, Emily Grieshaber, Ella Puurtinen, Adéla Marešová *, Irisa van Niekerk *, Tim Hutsch, Jeremey Zotov, Tiziano Botteri *, Igor Genovesi *. * Praktikant:in der Ballettschule des HAMBURG BALLETT John Neumeier

Robert-Schumann-Philharmonie

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber

Fotos: © Ida Zenna

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