„Orpheus in der Unterwelt“ fand beim Publikum Beifall
Endlich: Der Name Offenbach steht wieder auf dem Spielplan der Musikalischen Komödie Leipzig. Die Welt ist nicht so beschaffen, dass pausenlos „Hello, again“, wahlweise „Don’t Cry for Me Argentina“ gerufen werden könnte. Leider. Unsere gesellschaftliche Realität heute ist nicht weniger verlogen als die vor 167 Jahren in Frankreich, die Jacques Offenbach satirisch nachzeichnete und dem Lachen preisgab.
Von Moritz Jähnig

Es ist Zeit für Offenbach
„Orpheus in der Unterwelt“ begründete den Ruhm des Meisters. Das Neue, das er schuf, nannte der Komponist „Opéra bouffe“ – was keine Operette ist, wie die MuKo es übersetzt, sondern eine gesungene und getanzte Parodie und Travestie auf die verlogene Gesellschaft des Dritten Kaiserreichs.
Sich als junger deutscher Migrant in Frankreich über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse lustig zu machen, darf man rückblickend mutig oder zumindest risikofreudig nennen. Napoleon III. hatte 1858 ein Attentat vor der Grand Opéra überlebt und daraufhin eilends „Gesetze der öffentlichen Sicherheit“ eingeführt. Sie verstärkten die Zensur und erleichterten die Ausweisung von Ausländern.
Die „Öffentliche Meinung“ – genial erfunden
Das Publikum kam in Scharen. Neben den frechen, geistvollen Witzen und den furiosen Balletten trug eine Innovation zum Erfolg des „Orpheus in der Unterwelt“ bei: Offenbach führte die Figur der „Öffentlichen Meinung“ ein. Im antiken Drama mahnt der Chor die Helden zu moralischem Handeln. Die „Öffentliche Meinung“ kennt nur Doppelmoral und mahnt zur Heuchelei.
Ältere Zuschauer erinnern sich vielleicht an eine DEFA-Verfilmung „Orpheus in der Unterwelt“ von 1974. Da spielte Gerry Wolff diesen wichtigen Part in der Gestalt des Offenbach selbst.
Die Figur „Die öffentliche Meinung“ ist eine zentrale satirische Erfindung, mit der Offenbach das moralische Korsett der Gesellschaft, die Zensur sowie die Doppelmoral der bürgerlichen Welt karikiert. Sie macht in jeder gesellschaftlichen Konstellation den gesellschaftskritischen Kern seiner „Opéra bouffe“ deutlich. Unter der Oberfläche des komischen Mythenspiels verbirgt sich ein scharfer Kommentar zur politischen und sozialen Lage.

Große Zustimmung des Publikums
Im Haus Dreilinden ist die „Öffentliche Meinung“ schlank, trägt pinken Hosenanzug, und das blonde Haar ist ordentlich zum Dutt gesteckt. Sie ist eine total schicke, nette Nachbarin.
Stephanie Theiß a. G. tobt ihren Auftritt aus den Publikumsreihen heraus auf die Bühne. Sie übt sich in der hohen Kunst der Improvisation und der direkten Publikumsansprache. Das gelang nicht total locker und perfekt, wurde vom Zuschauer aber sofort verstanden und mühelos aufgenommen.
Später fallen im Götterhimmel einige Sprüche nahe der Tagesaktualität. Es gibt ein paar Gags, es fehlt Esprit. Die Regie reibt sich an einer äußerlichen Spießerwelt: Handy-Witze, Zierrasen mit Klo und Super-Grill.
Höllisch sind nur die Treppen am olympischen Göttersitz oder in Plutos Meeresfrüchtewelt. Was sich das Regieteam Maria Viktoria Linke (Inszenierung) und Annika Lu (Bühne und Kostüme) gedacht haben, bleibt schwer ergründlich. Die breite Zustimmung des Publikums im ausverkauften Haus soll nicht verschwiegen sein.

Diana (Nora Lentner), Venus (Olivia Delauré, ganz rechts),
Mars (Michael Raschle, oben mit Maske), Merkur (Sandro Hähnel, links unten),
Bacchus (Kyle Fearon-Wilson, links neben Jupiter)
Ensemble-Leistung und Musik
An den beteiligten Künstlern hätte mutmaßlich auch Jacques Offenbach seine Freude gehabt. Die Musikalische Komödie bietet ihr Ensemble aus „Könnenden“ auf, das textliche und interpretatorische Schwächen als große Trümpfe auszuspielen versteht. Es zieht bei dem vom Orchester unter der Leitung von Michael Nündel vorgegebenen Tempo mit. Gespielt wird die bearbeitete erste zweiaktige Fassung des Stückes.
Jeffery Krueger Orpheus erinnert in Aufmachung und Motorik an einen TV-bekannten, musizierenden Allroundkünstler. Friederike Meinck als Eurydike singt in ihrem mutig getragenen Kostüm mit dominantem Koloratursopran alles um sich nieder. Viel Applaus.
Ebenso für die Komik von Milko Milev (Jupiter) und Sabine Töpfer (Juno), für den charmanten Pluto von Björn Christian Kuhn a. G. und für die göttlichen Wesen Cupido (Da-yung Cho), Diana (Nora Lentner) und Venus (Olivia Delauré). Sie strahlten gesanglich auf und hatten jeweils ein kleines Extra bereit.

So auch Kyle Fearon-Wilson a. G. als Bacchus, Michael Raschle als Mars, Sandro Hähnel a. G. als der stets zu Diensten stehende Merkur. Andreas Rainer ist der Styx dieser Inszenierung, wobei die große Ausdruckskraft dieses Künstlers, wie zuletzt als Dr. Blind in der „Fledermaus“, nicht voll abgerufen wurde.
Alle Solisten passen sich singend und tanzend in die Gruppen mit Chor (Vorbereitung: Mathias Drechsler) und Ballett (Choreografie: Mirko Mahr) ein. Natürlich wird beim Höllenball strapsgestärkt Can-Can getanzt – die Herren natürlich im Rüschenkleid.
Offenbach steht in Leipzig wieder auf dem Zettel – als eine Operette in MuKo-Qualität.
Annotation
“Orpheus in der Unterwelt”. Operette von Jacques Offenbach | Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy (mit Einlagen aus der Fassung von 1874) | Deutsch von Ludwig Kalisch mit Ergänzungen von Frank Harders-Wuthenow; Musikalische Leitung:Michael Nündel / Tobias Engeli, Inszenierung: Maria Viktoria Linke, Choreographie: Mirko Mahr, Bühne und Kostüme: Annika Lu, Dramaturgie: Inken Meents, Choreinstudierung: Mathias Drechsler
Besetzung
Eurydike: Friederike Meinke / Mirjam Neururer, Orpheus: Jeffery Krueger, Die öffentliche Meinung: Stephanie Theiß a.G., Aristeus / Pluto: Björn Christian Kuhn a.G., Jupiter: Milko Milev, Cupido: Da-yung Cho, Diana: Nora Lentner, Venus: Olivia Delauré, Juno: Sabine Töpfer, Mars: Michael Raschle, Hans Styx: Andreas Rainer, Merkur: Sandro Hähnel a.G., Bacchus: Kyle Fearon-Wilson a.G., Chor und Extrachor der Musikalischen Komödie, Ballett der Musikalischen Komödie, Orchester der Musikalischen Komödie
Credits:
Premiere 23.5.2025; besuchte Vorstellung 25.5.2025; veröffentlicht 28.5.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin
Fotos: © Kirsten Nijhof
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
