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Chemnitz: Szenisch zutatenreich

Chemnitz: Szenisch zutatenreich

„La Traviata“ voll auserzählt – musikalisch sängerisch ein großes Erlebnis


„La Traviata“, Giuseppe Verdis erfolgreichste Oper, steht zwar auf Platz 3 der Bekanntheitsskala, wird in Deutschland aber statistisch doch nicht so oft aufgeführt, wie man meinen könnte. So rangiert „La Traviata“ nicht einmal zu den Top 20 der meistgespielten Opern. Am Theater Chemnitz erlebte das Werk 2009 eine Neuinszenierung durch Yona Kim (Bühne: David Hohmann). Diese Produktion unter der musikalischen Leitung von Domonkos Héja zeichnete sich durch eine schlanke Inszenierung mit intelligent zurückhaltendem Einsatz aus. Die Violetta sang Svetlana Katchour. Heute ist die russische Sopranistin als Konzertsängerin im italienischen Fach in Dresden zu erleben.  

Von Moritz Jähnig

Dunkle Gedanken lassen Violetta nicht los. Hier personifiziert durch Mitglieder der Opernkomparserie

Wer definiert ihren Weg? – Die zentrale Frage der Oper

Die zentrale Frage der Oper ist: Was macht diese Frau zur Traviata? Was lässt sie vom Wege abkommen? Vor allem: Was ist ihr Weg, und wer definiert ihn? Das Schicksal? Die Verhältnisse?

In der Lesart der Chemnitzer Neuinszenierung von 2025 ist Violetta eine starke, gebildete Frau, die sich in der Gesellschaft hochgearbeitet hat. Mitten im Leben stehend, erhält sie eine schlimme ärztliche Diagnose. Just in diesem Moment verliebt sie sich ehrlich in den jungen Alfredo, zieht sich mit ihm aus Land zurück und finanziert die kurze ihr noch verbleibende Zeit des Glücks. Dann spürt sie Alfredos Vater auf und nötigt sie mit unfairen manipulativen Mitteln zum persönlichen Verzicht. Denn eine Frau wie sie, so erklärt er, habe auf Grund ihres Metiers ohnehin keine Chance auf dauerhaftes, sozial eingebettetes Glück. Die Umstände sind günstig, die Manipulation funktioniert. Die anklagende Tragik liegt darin, dass ein Mensch sich überhaupt das Recht herausnimmt, sie am Glück zu hindern.

Das macht wütend. Insofern ist die Erzählung vom Ende der Kameliendame freilich zeitlos. In Chemnitz machen sich musikalische Interpretation und Regie gemeinsam daran, uns das zu zeigen. Beide wollen erzählen und haben auch viel zu erzählen.

Benjamin Reiners liest Verdi-Partitur als Erzählvorlage

Benjamin Reiners und der Robert-Schumann-Philharmonie sind meilenweit davon entfernt, lautstark aufzutrumpfen und „mit Verdi“ zu prunken. Man meint eher, der in Düsseldorf geborene designierte GMD habe die Partitur preußisch genau gelesen. Er holt alle Feinheiten und musikalischen Nebengedanken des Maestro ans Licht, gibt dem im Libretto Ungesagten Raum und erzählt die Partitur anschaulich und fassbar, ein  musikalisches Diorama gestaltend. Die Philharmonie folgt ihm, spielt beachtenswert plastisch – und die Musik prunkt selbstredend mitreißend! Die von Stefan Bilz vorbereiteten Chöre stehen erstklassig.

Inszenierte Zeitlosigkeit zwischen den Jahrhunderten

Auch die Regisseurin Anja Kühnhold ist mit großem Mitteilungsbedürfnis unterwegs. Die Handlung spielt in einem Zeitraum zwischen 19. und 21. Jahrhundert. Fummelige Abendgarderobe wird getragen, die Herren der Familie Germont scheinen im Dreiteiler auf (Kostüme Anna Sophia Blersch).

Das Vorspiel zeigt uns, wie Violetta in einem anthrazitfarbenen Kabinett einen Arzt konsultiert. Doktor Grenvil (Alexander Kiechle mit reifem Basston) konfrontiert sie mit ihrer letalen Diagnose, die sie nicht annehmen will. Doch ab jetzt verfolgen Violetta düstere Gedanken, personifiziert durch fünf dunkel gewandete stumme Gestalten, die sie nicht mehr loslassen. Die fünf Geistwesen mögen die lässlichste Erfindung dieses Erzählstils sein.

Violetta verpflichtet ihre Begleiterin Annina zum Schweigen über die Krankheit. Alle Trübnis wegscheuchend, springt sie wieder auf die gesellschaftliche Bühne: einem festlichen Raum mit Treppenstufen, Podest, Tür im Hintergrund, Leuchten und darunter eine gedeckte Tafel, auf der Violetta als Mittelpunkt tanzt, als gäbe es kein Morgen (Bühne und Choreografie Erika Hoppe).

Alfred will gar nicht so recht unter die ausgelassenen Kostümträger passen. Er hat etwas Ernsthaftes, ist aber viel zu verträumt und liebesberauscht, um ein Gefühl für die Realitäten im Raum entwickeln zu können.

Giorgio Germont als moderner Machtmensch
Der Auftritt seines Vaters im Landhaus: Die Szene zeigt einen aschefarbenen Raum. Der Gärtner rückt Kübel mit mickrigen Kamelien-Stöcken auf die Terrasse. Alles Grün ist längst vertrocknet. Von der Decke hängt trockenes pflanzliches Gelumpe herab. Vernachlässigter kann der Raum für Violettas und Alfreds Liebe nicht sein, über dem ein Unwetter hereinbricht…

Szene mit Thomas Essl (Giorgio Germont) und Helena Böse (als seine Tochter Blanche)

Giorgio Germont ist kein alter Herr mit steifem Hut und überholten Wertvorstellungen, sondern ein eleganter Unhold, der weiß, was er will, und wie er es erreicht. Thomas Essl tritt selbstbewusst auf, gestaltet einen tatkräftigen Unternehmertyp und verfügt dafür über einen wunderbar männlichen, wohlklingenden Bassbariton.

Giorgio Germont hat sein zu baldiger Verheiratung stehendes Töchterchen Blanche gleich mitgebracht, um sein Ziel bei Violetta so noch zielführender erreichen zu können. Helena Böse schlägt sich in der pantomimischen Rolle interessant und glaubhaft. Was bringt die zusätzliche Figur der Opernhandlung? Sie dämonisiert den Vater ein Stück mehr und rückt Violetta in die Sphäre der Schicksalsgenossenschaft.

Auch Annina bekommt mehr Spielzeit und darstellerische Aufgaben. Sängerisch hat sie nur wenige Einsätze – darin imponiert Kurumi Sueyoshi mit ihrem jungen, hellen Sopran.

Nebenrollen mit überraschend viel Spielraum
Andere Nebenrollen wie Gärtner Giuseppe (Tomasz Garbarczyk), ein Gast in Floras Salon (Matthias Repovs) oder ein Bote (Stephan Hönig) werden ebenfalls für ihren Moment ins volle Licht gerückt und erhalten bewusst Raum und Zeit für ihre Erzählungen. Die Personen der guten Gesellschaft erscheinen lediglich plakatiert: Gastone, Vicomte de Letorières (Ervin Ahmeti), Baron Douphol (Jakob Ewert), Marquis d’Obigny (Felix Rohleder). Als Flora überzeugt Marlene Bieber wohlklingend und mit menschlicher Wärme im Ausdruck.

Szene aus „La Traviata“ mit Athanasia Zöhrer (Violetta) und Seungwoo Simon Yang (Alfredo)

Starke Hauptrollen: Alfredo und Violetta

Der in Hamburg fest engagierte koreanische Tenor Seungwoo Simon Yang rückt mittlerweile zu den Besten seines Fachs auf. In der In der erlebten Vorstellung meisterte er alle Lagen der anspruchsvollen Partie des Alfredo und kletterte scheinbar mühelos in die höchsten Töne, denen er dann anhaltend Glanz gibt.

Das Beste zuletzt: Athanasia Zöhrer als Violetta beeindruckt stark. Ihr Sopran hat Dominanz, frei von jeglichem Vibrato. Sie singt diese schwere Aufgabe ohne jede hörbare Anstrengung – aufsehenerregend. Wenn die junge Sängerin Gas gibt – und sie gibt oft Gas – kennt sie kein Halten. Von der Sanftheit, zu der sie findet und ihren flirrenden Pianissimi wünscht man sich mehr.

Giuseppe Verdi ist ein Meister der musikdramatischen Erzählkunst. Mit „La Traviata“ hat er uns ein Werk mit so vielen Farben, Nuancen und Feinheiten hinterlassen – ein Geschenk, das sowohl Sinn wie Unsinn standhält.

Annotation

“La Traviata”. Oper von Giuseppe Verdi, Libretto von Francesco Maria Piave. Theater Chemnitz. Musikalische Leitung: Benjamin Reiners, Inszenierung: Anja Kühnhold, Bühne und Choreografie: Erika Hoppe, Kostüme: Anna Sophia Blersch, Chor: Stefan Bilz,  Dramaturgie: Carla Neppl 

Besetzung

Violetta Valéry: Athanasia Zöhrer /Akiho Tsujii, Flora Bervoix: Marlen Bieber / Paula Meisinger, Annina: Kurumi Sueyoshi / Xinmeng Liu, Alfredo Germont: Seungwoo Simon Yang / Daniel Pataky, Giorgio Germont, Alfredos Vater: Thomas Essl, Gastone, Vicomte de Letorières: Ervin Ahmeti / David Sitka, Baron Douphol: Jakob Ewert, Marquis d’Obigny, Felix Rohleder / Jonathan Koch, Doktor Grenvil: Alexander Kiechle, Giuseppe, Gärtner bei Violetta: Tomasz Garbarczyk / Tommaso Randazzo, Ein Gast bei Flora: Matthias Repovs / Jörg Kersten, Ein Bote: Stephan Hönig, Blanche, Alfredos Schwester: Helena Böse / Pauline Mickelthwate, Opernchor der Theater Chemnitz, Musiktheaterstatisterie, Robert-Schumann-Philharmonie

Credits

Premiere 31.5.2025; besuchte Vorstellung 11.06.2025; veröffentlicht 12.06.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Foto: (c) Nasser Haschemi

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