Gerd Natschinskis DDR-Operetten-Erfolg von 1960 badet in Beifallsstürmen
Anhaltender Jubel nach dem Finale des bemerkenswert frischen Auftritts einer 65jährigen Operette. Immer wieder brandete Zwischenapplaus auf; kein Couplet, kein rasantes Ensemble bliebt ohne herzlichen Beifall. Das Publikum der Repertoirevorstellung im ausverkauften Haus trug die Künstler förmlich durch die zweieinhalbstündige Aufführung. Ein solches Einvernehmen zwischen Bühne und Saal wie hier in Cottbus ist selten mitzuerleben.
Von Moritz Jähnig

VEB Berliner Chic – Betriebsamkeit zwischen Modeschau und Machtspiel
Da läuft so einiges schief im VEB Berliner Chic. Der Betriebsleiter und Chefdesigner möchte flott nach Paris, um sich für die neue Kollektion inspirieren zu lassen. Doch die übergeordnete Leitung zeigt sich misstrauisch: Devisen für diesen halblegalen „Seine-Urlaub“? Fehlanzeige. Flexibel wie immer schickt er seine Chefsekretärin Kulicke über die Grenze nach Westberlin – „Du, bring mir eine Modezeitschrift mit!“ Ein Plagiat soll’s richten. Währenddessen versinkt der Betrieb im Chaos: Retouren türmen sich, die Kundschaft ist unzufrieden, und für die bevorstehende Leipziger Messe muss dringend ein Verkaufsschlager her.
Die Rettung naht in Form des Entwurfs der jungen Modegestalterin Gisela: ein tragbares Kleid für die „Frau von heute“. Aber schüchtern und unbedarft, wie sie ist, läßt sich Gisela von Kuckuck ausbremsen. Da taucht Reporter Fred Funke von der NBI auf – undercover, versteht sich. Er recherchiert ein bisschen, indem er Gisela aushorcht, verliebt sich dabei in die Frau, die sich getäuscht und verletzt fühlt.
Doch die Belegschaft steht zusammen, sie produziert heimlich nach Arbeitsschluss Giselas Entwurf. Und unterstützt von der öffentlichen Meinung triumphiert am Ende in Leipzig das Modell „Gisela“ international. Während Kuckucks unpraktisches, nach westlichen Vorbildern gestaltetes Prunkstück „Melone“ im Spott versinkt. Der zieht sich halb freiwillig zurück, in die Arme der pragmatischen Werkstattleiterin Emma Puhlmann. Chefsekretärin Kulicke heiratet den eifrigen FDJ-Sekretär Stubnick. Gisela findet durch den Rückhalt ihrer Kolleginnen und Kollegen neues Selbstvertrauen und verzeiht dem Reporter. Alle sind unter der Haube. Nur Zuschneider Inge bleibt beim großen Happy-End unverkuppelt und tanzt dennoch mit.
Ein Schwank mit Substanz
Jo Schulz’ Libretto ist weit mehr als ein flotter Schwank. Es zeigt, wie sich das Gute mit Klugheit und Geschick durchsetzt, eingebettet in eine subtile Kritik an gesellschaftlichen Zuständen. Die Botschaft wirkt in dem sozialistischen Kontext ebenso wie aus heutiger Perspektive eine Spur weiter. Der Eulenspiegel-Autor aus Bautzen erhielt noch zu DDR-Zeiten den Goethepreis. Vielleicht etwas happig, aber von klassischer Zeitlosigkeit sind die Konflikte, die er verhandelt schon. Das zeigt die Neuinszenierung am Staatstheater Cottbus überzeugend.
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Ein Ensemble, das leuchtet
Regisseurin Katja Wolff kann sich dafür voll und ganz auf das hervorragend eingespielte Ensemble des operetten-erfahrenen Hauses verlassen. Julia Klotz– als wendige Chefsekretärin Kulicke – kreiert den agilen Mittelpunkt. Sie hat in Leipzig Schauspiel und Gesang studiert und entspricht auf den Punkt dem Typ der Musicaldarstellerin, den Natschinski mit einem eigens eingerichteten Studioausbildung für die Bühnen in Halle und Berlin in der DDR der 80er Jahre einzuführen bemüht gewesen war.

Mit der Klangschönheit ihres lyrischen Sopran kennzeichnet Anne Martha Schuitemaker den Grundcharakter der Titelpartie. Die beiden Tenöre, Hardy Brachmann als Reporter Fred Funke und Nies Stäfe als Gütekontrolleur Stubnik schmettern die Töne und gestalten beide glaubhafte Figuren fern komödiantischer Klischees.
Heiko Walter zeigt in der Rolle des Betriebsleiters Kuckuck genau die richtige Mischung aus Komik und wendigem Charakter. Gesine Forberger glänzt als verschmitzte Werkstattleiterin, die alles und vor allem ihren Chef charmant im Griff hat. Thorsten Coers Zuschneider Inge hält sich fern von aktuellen Genderdebatten und erinnert in Gestik und Ton überraschend an Gerd E. Schäfer, unvergessen. Dirk Kleinkes Priemchen ist eine liebevolle Hommage an den DDR-Fernsehkoch Kurt Drummer.

Musik, Bewegung und Ausstattung
Der Chor, von Christian Möbius bestens vorbereitet, strahlt ohne zu forcieren vokal ganz groß auf. Im Besonderen übt er sich aber in der hohen Kunst der tänzerisch durchchoreografierten Bewegung, die Thomas Helmut Heep einbringt. Seine Schrittfolgen und Bewegungslinien bedienen Operettenseligkeit, Swing, große Revue und zitieren DDR-Folkoreensemble.
Das Philharmonische Orchester unter seinem Kapellmeister Johannes Zurl schwingt sich zum Showklang auf und gibt sich mit hörbarem Vergnügen den vielen parodistischen Zitaten hin, die Gerd Natschiskis Bühnenkompositionen meisterlich würzen.
Die Sänger und Tänzer wirbeln in ausgesprochen attraktiven Kostümen von Saskia Wunsch vor Bühnenwänden, die wie mit DDR-Geschenkpapier beklebt sind. Im zweiten Akt, der in Leipzig spielt, zitiert Cary Gayler in seinem Bühnenbild die Originalgestaltung des Messestands einer privaten Cottbuser Tuchweberei aus den 1950er-Jahren.
Ohne Berliner Erklärbär bühnentauglich
Das Cottbusser Theater war 1960 die erste Bühne, die wagemutig „Messeschlager Gisela“ nachspielte. Wohl auch unter dem Aspekt, der Cottbus damals noch mitbeherrschenden Textilbranche, zu der sein Publikum in vielfacher Beziehung stand. Riskant, denn die satirischen Züge der Handlung machten sie damals grenzwertig. Die Cottbuser Aufführung bahnte dem Stück den erfolgreichen Weg auf andere Bühnen.
2024 könnte mit einer Neufassung von Axel Ranisch an der Komischen Oper Berlin die Renaissance des abservierten DDR-Stücks begonnen haben. Cottbus zieht auch jetzt sofort wieder mutig nach und zeigt die ungebrochene Bühnentauglichkeit der Natschinski-Schulz Unterhaltungsstücks. Es knüpft geschickt an regionale Geschichten an, bedarf keines Staraufgebots und spart sich besserwisserische Bosheiten gegen den zurecht untergegangenen DDR-Staat. Der noch präsent ist, aber das befreite Lachen erlaubt.
Annotation
“Messeschlager Gisela”. Operette in einem Vorspiel und drei Akten (1960) von Gerd Natschinski, Libretto von Jo Schulz, Fassung von Axel Ranisch (2024). Staatstheater Cottbus. Musikalische Leitung: Johannes Zurl, Regie: Katja Wolff, Bühne: Cary Gayler, Kostüm: Saskia Wunsch, Choreografie: Thomas Helmut Heep, Choreografische Assistenz/Dancecaptain: Florentine Beyer, Choreinstudierung: Christian Möbius, Dramaturgie: Corinna Jarosch.
Besetzung
Gisela Claus, junge Modegestalterin: Anne Martha Schuitemaker; Inge, Zuschneider: Thorsten Coers; Emma Puhlmann, Werkstattleiterin: Gesine Forberger; Robert Kuckuck, Leiter des VEB Berliner Chic: Heiko Walter; Marghueritta Kulicke, seine Sekretärin: Julia Klotz; Heinz Stubnick, Gütekontrolleur: Nils Stäfe; Fred Funke, Journalist: Hardy Brachmann; Priemchen: Dirk Kleinke; Eine Reporterin: Angela Budich / Katharina Kopetzky; Tänzerinnen: Florentine Beyer, Judith Urban, Pia Wäbs, Anna-Friederike Wolf, Martina Vinazza; Tänzerin (Swing): Madeline Ferricks-Rosevear; Damen und Herren des Opernchores; Das Philharmonische Orchester
Credits
Premiere 18.10.2025; besuchte Vorstellung 13.11.2025; veröffentlicht 16.11.2025
Text: Moritz Jähnig; freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Bernd Schönberger
Bild oben: Szenenfoto mit (vorn) Julia Klotz (Marghueritta Kulicke), (hinten links) Dirk Kleinke (Priemchen), (hinten Mitte) Gesine Forberger (Emma Puhlmann), (rechts) Thorsten Coers (Inge) sowie Tänzerinnen
Foto: © Bernd Schönberger
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