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Dessau: Klangrausch und politisches Musiktheater

Dessau: Klangrausch und politisches Musiktheater

Brasilianische Oper „Alma“ von Claudio Santoro in europäischer Erstaufführung

Das Anhaltische Theater Dessau bringt zum Kurt-Weill-Fest 2026 eine brasilianische Oper von Cláudio Santoro (1919–1989) zur europäischen Erstaufführung, Regisseurin Christiane Iven verleiht dem Werk damit auch eine klar immanente politische Note.

Von Moritz Jähnig

Szene Alma, KS Iordanka Derilova mit ihrem Großvater Lucas, Michael Tews

Almas Weg in die Abhängigkeit

Claudio Santoros einzige, erst im hohen Alter vollendete Oper „Alma“ schildert das Leben einer Frau aus der unteren Mittelschicht von São Paulo in den 1920er Jahren. Selbst fast noch ein Kind lässt sie sich aus blinder Liebe zu dem gefühlskalten Mauro – die Romanvorlage etikettiert diesen Mann als Gigolo, hier nimmt er später in einer metaphorischen Szene, angetan mit indigener Federkrone, die Huldigungen der Frauen entgegen – von ihm zum Anschaffen in die besseren Kreise der Stadt treiben. Sie gerät völlig in seine Abhängigkeit. Zu Hause fügt sie sich den katholisch-patriarchalen Normen. Ihr Doppelleben als Prostituierte verheimlicht Alma sowohl ihrem Großvater Lucas als auch dem mittellosen Telegrafisten João do Carmo, hier ein Schriftsteller, der sie aufrichtig liebt.
Als sie ein erwartetes Kind von Mauro behalten will, flieht sie verzweifelt zu ihrem Großvater. Doch aus Angst vor gesellschaftlicher Schande weist er sie ab. João nimmt Alma auf und hofft, so ihr Herz gewinnen zu können. Doch ihre Vergangenheit lastet schwer auf beiden und bestimmt schließlich ihr tragisches Schicksal. Alma muss die Bindung zum Ingenieur Teles Melo, in dessen Haus sie so etwas wie gesellschaftlichen Halt erfährt, zerstören. João, der eine Beziehung zu dem Polizisten Dagoberto hat, kann sie nicht mehr auffangen.

Die literarische Vorlage

Das Libretto geht auf eine Romanvorlage des avantgardistischen Schriftstellers Oswald de Andrade (1890–1954) zurück, einer zentralen Figur der kulturellen Moderne in Brasilien, die sich 1922 mit der Semana de Arte Moderna (Woche der modernen Kunst) in São Paulo manifestierte.
Er forderte eine radikale Abkehr von europäischen ästhetischen Normen und eine eigenständige brasilianische kulturelle Identität. Dem auf Oswald de Andrades kompromisslosen Ideen fußenden, konsequent antikolonialen und matriarchal ausgerichteten Selbstbewusstsein begegnen deutsche Bundeskanzler ut patuit bei offiziellen Staatsbesuchen am Amazonas mit deutlicher Verständnislosigkeit.

Christiane Iven und ihre Handschrift

Die München verbundene Sängerin und Musikpädagogin Christiane Iven gab 2022 in Dessau mit „La Traviata“ ihr Regiedebüt, und allen erinnerlich ist ihr „Wozzeck“ zur Weill-Fest-Eröffnung 2025. Nun präsentiert sie, wieder im Rahmen des Kurt-Weill-Festes 2026, eine Inszenierung, die mit einer beinahe tropisch wuchernden Fülle an Ideen und Motiven aufwartet und deren starke Bildsprache den suggestiven Sog der Komposition Claudio Santoros eindrucksvoll verstärkt.

Der Zuschauer sitzt als Gast im legendären Pariser Kabarett „Le Bœuf sur le toit“, einer 1920 gegründeten Institution, die es noch heute gibt. In diesem Künstlertreff begegneten sich Pablo Picasso mit Diaghilew und Darius Milhaud der lothringisch-jüdischen Sängerin Marianne Lorraine, die hier Lieder von Kurt Weill vortrug.
Als Bühnenmusik spielt ein glitzerndes Salonorchester die neueste Ballettmusik von Darius Milhaud, „Le Bœuf sur le toit“, die dieser, inspiriert von seinem Brasilienaufenthalt, komponiert hatte.

Im Zentrum des Bildes ein Bett

Der Bühnenraum (Rifail Ajdarpasic, in genialer Verbindung mit der Kostümbildnerin Ariane Isabell Unfried und Guido Petzold, Lichtdesign) zitiert gestalterisch das Art-Déco-Interieur des Pariser Kabaretts. Theaterpublikum, Kabarettbesucher, Musiker und Tänzer sitzen in einer Arena. In deren Zentrum steht ein Bett. Sessel oder Tische werden zwecks Markierung anderer Handlungsorte beiläufig hereingetragen. Ist das noch ein Kabarett oder ein allumfassendes einziges Bordell, in dem Gewalt die Währung ist?

Szene Mitgliedern des Balletts in den fesselnden Choreografien von Marcos Vinicius dos Anjos

In dem großen Szenenbild gibt es keine Ruhepunkte, nichts irgendwie Festes, Statisches wird dem Zuschauer gegönnt. Die beflitterte Gesellschaft treibt es auf einer Jam Session, in Dauerbewegung; Almas und Joaos Lebensdramen sind Schicksale viele und scheinbar nicht der Rede wert.

Figuren und Ensembleleistung

Iven gelingt es, viele Assoziationen zu wecken und Anknüpfungspunkte zu künstlerischen Strömungen der Zeit und heute aufzuzeigen. Queer-theoretischen Ansätze in Andrades Konzept werden akzentuiert, so im angedeuteten Tanz Joaos mit hier seinem Lover Dagoberto. Die Regie holt den verborgenen Charakter menschlicher Beziehungen hervor und zeigt darstellerisch mehr über die Motive und Ziele der Menschen, als der pure Text des Librettos.

Die Oper heißt „Alma“ – portugiesisch: die Seele – doch gezeigt wird in zweieinhalb Stunden das traurige Schicksal von Alma und João, die nicht zueinanderfinden können und schreckliches erleiden müssen.
KS Iordanka Derilova (Alma) und Costa Latsos (hier der Schriftsteller João do Carmo) sind die seelenverwandten Fixsterne im Kosmos des sich voll in den Dienst dieser sensationellen Inszenierung stellenden, stimmlich großen Sängerensembles. Almas Großvater Lucas, Michael Tews, läßt sich von ihre die Füße waschen, aber setzt sie der Reputation wegen auf die Straße. Kay Stiefermann formt den gewissenslosen, unverstellt brutalen Macho Mauro, um den sich alles drehen muss. Teles Melo – Edilson Silva Junior erscheint anfangs als ein unbeteiligter, neutraler Egoist. Dann aber schlägt er gedeckt durch patriarchale Regeln zu. Schließlich die üble Polypentype Dagoberto, hier absolut cool und präzise Marcelo de Souza Felix, der nicht nur Frauen zu taxieren weiß, sondern auch den seine Homosexualität nicht lebenden Joao beherrscht.  

Fesselnde Gestaltungskraft: Costa Latsos in der Partie des mittellosen Schriftstellers João do Carmo

Der von Sebastian Kennerknecht vorbereitete und a cappella präzise in der portugiesischen Originalsprache modulierende Chorgesang, ein Ballettensemble, das immer wieder wie aus dem Nichts heraus auftritt, bis zur Obszönität tänzerisch strahlt und die Blicke fesselt – bis hin natürlich zu der all dies maßgeblich tragenden Anhaltischen Philharmonie unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Markus L. Frank. Unsere Bewunderung gilt dem sicheren Stilgefühl, mit sich der Klangkörper wieder einmal neues Terrain, brasilianische Oper erarbeitet. Sie finden darin Anklänge an Strauss und Schostakowisch. Santoro hatte in den 50er Jahren in Deutschland gearbeitet und europäische Musik erlebt.

Die Aufführung „Alma“ ist ein eine einzige Bereicherung sowie ein Geschenk an das Publikum und das Kurt-Weill-Fest.

Annotation

„Alma“. Oper in vier Akten von Claudio Santoro. Europäische Erstaufführung. Anhaltisches Theater Dessau/Kurt-Weill-Fest 2026. Musikalische Leitung: Markus L. Frank, Inszenierung: Christiane Iven, Bühne: Rifail Ajdarpasic, Lichtdesign: Guido Petzold, Kostüme: Ariane Isabell Unfried, Kostümbildassistenz: Marlene Schröder, Choreografie: Marcos Vinicius dos Anjos , Leitung Opernchor Sebastian Kennerknecht , Dramaturgie: Yuri Colossale

Besetzung

Alma: KS Iordanka Derilova, João do Carmo, ein Schriftsteller: Costa Latsos, Lucas, Almas Großvater: Michael Tews. Mauro, Almas Zuhälter: Kay Stiefermann, Teles Melo, ein reicher Ingenieur: Edilson Silva Junior, Lobão, ein Freund von João: Alexander Argirov, Dagoberto Lessa, ein Polizist: Marcelo de Souza Felix, Dona Rosaura, Bordellbesitzerin: Alyson Rosales; Camilla, eine Freundin von Alma: Alejandra Franco Vega; Eine blonde Frau: Lidia Luciano; Eine dicke Frau: Grazyna Fenger, Jagna J. Rotkiewicz , Pippermint: Anna Maria Kalka, Jieun Lee, Ein Arzt: Adam Fenger , Cezary C. Rotkiewicz, Ein Mann mit Brille: Murilo Sousa

Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau; Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau; Statisterie des Anhaltischen Theaters Dessau

Anhaltische Philharmonie Dessau

Credits

Besuchte Vorstellung Premiere 28.2.2026; veröffentlicht 1.3.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Foto: © Claudia Heysel

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