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Leipzig: Schonungslos berührend

Leipzig: Schonungslos berührend

Wiederaufnahme von Pucchinis „Madame Butterfly“

Aron Stiehls Inszenierung zeigt das Seelendrama der Cio-Cio-San als unausweichliche Tragödie, getragen von einer intensiven Ekaterina Sannikova, einem kraftvollen Carlos Cardoso und einem klanglich differenzierten Gewandhausorchester unter Christoph Gedschold.

Von Moritz Jähnig

Eine Inszenierung von anhaltender Wucht

Die glänzende Inszenierung von Aron Stiehl (Bühne: Frank Philipp Schlößmann, Kostüme: Sven Bindseil) aus dem Jahr 2024, die das jede und jeden traurig zurücklassende Seelendrama der Cio-Cio-San als sozial determiniertes Verhängnis von existenzieller Zwangsläufigkeit erzählt, erweist sich weiterhin als kraftvolles Musiktheater.

Manche Regiearbeiten steuern gegen die rührseligen Momente des tragischen Finale an. So etwa Angelika Zacek 2023 in Dessau, die Cio-Cio-San (dort kongenial besetzt mit Iordanka Derilova) gemeinsam mit Suzuki und dem Kind in eine offene Zukunft aufbrechen ließ. Aron Stiehl lässt alle Traurigkeit und den Zuschauer im Raum stehn. Die erlebte Vorstellung an einem Freitag war sehr gut besucht, wobei die Zuschauer überwiegend der Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren gehört haben.

Ekaterina Sannikova: Eine Butterfly von innerer Wahrhaftigkeit

Ekaterina Sannikova gestaltet in der Wiederaufnahme in Leipzig die Cio-Cio-San als in sich geschlossene Figur, deren Entwicklung vom träumerischen Mädchen zur gebrochenen Frau mit großer innerer Konsequenz nachvollziehbar wird. Ihr Spiel vermeidet vordergründige Sentimentalität und setzt stattdessen auf eine ruhige, fast introvertierte Präsenz, die der Figur Würde und Ernsthaftigkeit verleiht.

Stimmlich überzeugt die in St. Petersburg ausgebildete junge Künstlerin mit einem klar fokussierten lyrischen Sopran, dessen Timbre von einer zarten, bisweilen silbrig durchwirkten Klangfarbe geprägt ist. Die Stimme wird geschmeidig geführt und bewahrt auch in exponierten Höhenlagen Stabilität und Reinheit.

In den leisen Momenten entfaltet Sannikova eine eindringliche Intensität, die das Publikum unmittelbar in den seelischen Kosmos dieser Frau hineinzieht. In den dramatisch exponierten Phrasen setzt sie gezielt Akzente und vermeidet auch hier jede Überzeichnung. So entsteht eine Cio-Cio-San, die weniger durch opernhafte Geste als durch klangliche Feinkultur und emotionale Glaubwürdigkeit überzeugt.

Carlos Cardoso: Ein impulsiver Pinkerton

Ebenfalls noch jung ist der portugiesische Tenor Carlos Cardoso. Er zeichnet den Pinkerton der kommenden Aufführungen in Leipzig als impulsiven, von jugendlicher Selbstgewissheit getragenen Charakter. Ein großspuriger Draufgänger, der allen zeigt, was er kann. Die Gefühle für das junge japanische Mädchen, das er sich mit vielen Dollarscheinen geleistet hat, krempeln ihn für den Moment um und machen ihn zu einem naiv-ehrlichen Liebhaber, der nicht erkennt, wie rücksichtslos zerstörerisch sein Handeln ist.

Seine Darstellung besticht durch eine körperlich präsente, unmittelbar wirkende Spielfreude. Stimmlich verfügt der international gefragte Tenor über eine höhensichere, bisweilen metallisch aufglänzende Stimme mit lyrischem Kern, die sich in dramatischen Zuspitzungen zu bemerkenswerter Durchschlagskraft entfaltet und selbst in den exponierten Passagen mühelos über das voll aufspielende Gewandhausorchester trägt. Dabei wahrt er stets eine klare Linienführung. Seine eher direkte, zuweilen stürmische Tongebung unterstreicht die Charakterisierung des ungestümen Offiziers, geht jedoch gelegentlich auf Kosten feinerer Differenzierung.

Chor und Orchester: Klanglicher Reichtum von Gedschold gehoben

Der Opernchor der Oper Leipzig erweist sich auch in dieser Wiederaufnahme als verlässlicher Garant für klangliche Geschlossenheit und stilistische Sicherheit. Puccinis fein gearbeitete Chorszenen, insbesondere der berühmte „Summchor“, gelingen mit beeindruckender Homogenität und sensibel austarierter Dynamik.

Das Gewandhausorchester entfaltete in der erlebten Aufführung unter der Leitung von Christoph Gedschold eine differenziert ausgehörte, detailreiche Lesart der Partitur, die Puccinis raffinierte Instrumentation in all ihren Facetten zur Geltung bringt. Die Streicher zeichnen weite, geschmeidige Bögen und verleihen der Musik ihre charakteristische Wärme, während Holzbläser und Harfe mit feinen Farbakzenten die exotisch grundierte Klangwelt präzise konturieren.

In den dramatischen Höhepunkten gewinnt das Orchester an Volumen und Nachdruck, ohne je die Sänger zu überdecken – ein Zeichen für die umsichtige, sängerfreundliche Führung des Dirigenten.

Blick nach Halle

Abschließend sei angemerkt, dass an der Oper Halle am 23. April 2026 „Madama Butterfly“ in der Inszenierung von Patric Seibert wiederaufgenommen wird. In der Titelpartie ist Barbara Senator zu erleben, die musikalische Leitung liegt bei Fabrice Bollon.

Annotation

„Madama Butterfly“, Japanische Tragödie in drei Aufzügen von Giacomo Puccini, Libretto Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Oper Leipzig. Musikalische Leitung Christoph Gedschold, Inszenierung Aron Stiehl, Bühne Frank Philipp Schlößmann, Kostüme Sven Bindseil, Licht Raoul Brosch

Besetzung

Cio-Cio-San: Ekaterina Sannikova, Suzuki: Martiniana Antonie, Kate: Katharina von Hassel , Pinkerton: Carlos Cardoso, Sharpless: Jonathan Michie, Goro: Daniel Arnaldos, Yamadori: Jonas Böhm, Onkel Bonzo: Sejong Chang, Yakusidé: Jinsu Kim, Kaiserlicher Kommissar: Markus Auerbach, Standesbeamter: Tae Hee Kwon, Mutter: Catrin von Rhein, Cousine: Hitomi Sakamoto, Tante: Eliza Albert. Chor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Weitere Vorstellungen

28. März, 19 Uhr

5. April, 17 Uhr

20. April, 19.30 Uhr

Credits

Premiere 27.9.2024; besuchte Vorstellung Wiederaufnahme 20.3.2026; veröffentlicht 21.3.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Foto: © Tom Schulz / Web

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