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Semperoper: „Carmen“ als musikalisch-literarische Soirée

Semperoper: „Carmen“ als musikalisch-literarische Soirée

Neuinszenierung entkleidet Bizet-Oper aller Folklore

Schon der Name „Carmen“ weckt Assoziationen an rote Kleider mit Volant, gelbe Kassienblüten im dunklen Haar. Die „rassige Zigeunerin“. Alle Männer bringt sie um den Verstand und folgt doch allein nur dem Toréador. Seit 151 Jahren provoziert ihr „Tra lalalalalalalaa“ allerorten, von der Arena in Verona bis in die Konzertmuschel von Heringsdorf. In farbenfrohen, phantasievollen Kostümen natürlich.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Krzysztof Bączyk (Escamillo) und Eve-Maud Hubeaux (Carmen), Sächsischer Staatsopernchor
Dresden

Zwischen Realismus und Provokation
Lydia Leschkys Neuinszenierung des 1875 in Paris uraufgeführten Erfolgsstücks von Georges Bizet an der Semperoper Dresden erweist sich als düstere, nicht leicht zugängliche Angelegenheit. Dabei war diese Oper schon zur Zeit ihrer Entstehung ein Reizkörper. Mit ihrem radikalen Realismus sprengte sie die Konventionen des Genres: Statt idealisierter Figuren bevölkern plötzlich Arbeiterinnen die Bühne, die in ihrer Pause rauchend Soldaten anflirten. Inmitten der Industrialisierung weichen die Elfenreigen einem rauen Alltag, in dem Straßenkinder die Staatsmacht verhöhnen.

Freiheit als Abgrund
Wie in der Novelle von Prosper Mérimée, die dem Libretto zugrunde liegt, entfaltet sich die Mordgeschichte aus der Perspektive des Täters. Kurz vor seiner Hinrichtung legt Don José seine subjektive Wahrheit offen. Die Begegnung mit Carmen hat ihm – darauf deutet ein Maskenspiel im zweiten Akt –Kopf und Verstand verdreht und ihn aus jeder Bahn geworfen. Aufgewachsen unter der Obhut seiner Mutter in den Bergen Navarras, ist er einer Frau ausgeliefert, deren Lebensprinzip „Freiheit“ heißt. Doch ihre Freiheit kennt keine Grenzen: Sie erlaubt alles, was dem eigenen Willen dient. Carmen wird so zur Projektionsfigur eines radikalen, zerstörerischen Freiheitsbegriffs.

Am Rande sei hier kurz an die Leipziger Regisseurin Konstanze Lauterbach erinnert, die in ihrer Dresdner „Carmen“ zu Beginn des Jahrtausends alles Verführerische konsequent aus der Figur verbannte. Ein gescheiterter Zugriff, der hier leise nachhallt.

Erzählen und Singen
Schon zur Ouvertüre tritt Don José als sein sprechendes Double auf: dunkle Hose, weißes, blutbeflecktes Hemd. Pantomimisch scheint er die Gedanken der Musik zu verkörpern. Lasse Myhr rezitiert mit markanter, bisweilen forcierter Stimme Passagen aus Mérimées Novelle – keiner unbestrittenen Weltliteratur – sowie bedeutungsschwere Texte der Regisseurin. Auch Carmen erscheint sprechend. Ihre elektronisch verstärkten Textpassagen wirken jedoch im Kontrast zum übrigen Bühnensprechen eigentümlich künstlich.

Die alte Streitfrage, ob „Carmen“ mit gesprochenen Dialogen aufzuführen sei, beantwortet Leschky radikal: Sie streicht Dialoge und Rezitative vollständig. Stattdessen trägt ein neu geschriebener Text, vermittelt über das Alter Ego Don Josés, die Handlung. Wer an der originalen Dramaturgie hängt, dürfte daran Anstoß nehmen.

So folgt der Abend weniger einer klassischen Operndramaturgie als einer Art musikalisch-literarischer Montage: Die Abfolge der Komposition bleibt gewahrt, wird jedoch fortlaufend kommentiert und gebrochen.

Symbolik und Bühnenenge
Das Bühnenbild von Etienne Pluss dominiert eine hohe, dunkle Wand, die das Geschehen im ersten Teil bedrängend nah ans Publikum heranrückt. Wachen und Kinderchor drängen sich an die Rampe; ein farbiges, lebendiges Straßenbild, wie es das tradierte Libretto vorsieht, bleibt aus. Stattdessen herrscht eine gewisse Unübersichtlichkeit. Figuren wie Morales verschwinden beinahe in der Masse dunkler Mäntel.

Gleichzeitig öffnen sich immer wieder kleine Spielräume: schmale Türen in der Wand, aus denen – fast wie in einer Commedia dell’arte – rot behandschuhte Arme hervorlugen. Rote Treppen führen auf Podeste, wenn sich die Wand einen Spalt weit öffnet und den Blick auf Heimatberge freigibt, die später zum Bild eines toten Stieres kippen.

Für die Begegnung zwischen José und Micaëla verwandelt sich die Wand in eine Kapelle. Neben dem erwachsenen José stehen sein Alter Ego und eine kindliche Version seiner selbst auf der Bühne. Micaëla trägt ein gerahmtes Foto vor sich her, als suche sie einen Vermissten; der überbrachte Kuss der Mutter gerät zu einem fast groben, demonstrativen Zeichen.

Trotz der Vielzahl an Zeichen zerfasert der Handlungsfaden nicht wirklich. Hoch oben öffnet sich ein schmales Fenster, in dem eine Carmen-Figur wie eine Ikone erscheint, während zugleich von der Seite Eve-Maud Hubeaux auftritt und die Habanera anstimmt. Die Frauenfiguren tragen Hosen; die Kostüme von Irina Speckelmeyer mischen Anklänge an spanischen Faschismus mit der ironischen Note eines sächsischen Hochschulfaschings.

Nach Carmens Befreiung und Josés öffentlicher Degradierung erfolgt ein jäher Umschlag: Aus den uniformierten Soldaten lösen sich die Schmuggler heraus – ein Moment der abrupten Entlarvung.

Szene mit Eve-Maud Hubeaux (Carmen), Lasse Myhr (Alter Ego Don José

Musikalischer Glanz im düsteren Konzept
Schließt man die Augen, prägen die traumschönen Stimmen der Sängerinnen und Sänger die Erinnerung an die Premiere. So gelingt Attilio Glaser – in Leipzig noch präsent als Konzertsänger beim Mahler-Festival 2023 – in der Partie des Don José eine eindrucksvolle Entwicklung: von der sanft und auf präzisen Legatobögen geführten, mit Applaus aufgenommenen Blumenarie bis zur hochdramatisch auftrumpfenden Schlussphase, in der er sich stimmig mit der ausgewogene, sängerfreundliche Klangkultur der Staatskapelle unter der Leitung von Lorenzo Passerini vereint.

Eve-Maud Hubeaux überzeugt als Carmen vor allem mit ihrer warmen, tragfähigen Mittellage. In der Ausgestaltung ließe sich hier und da mehr rhythmische Schärfe und tänzerischer Impuls denken – etwa in Habanera und Seguidilla –, doch fügt sich die statuarische Anlage durchaus in das Gesamtkonzept.

Galina Cheplakova beeindruckt als Micaëla mit müheloser Höhe, Krzysztof Bączyk als Escamillo mit einem volltönenden, resonanzreichen Bariton. Gemeinsam mit Chor und Kinderchor entsteht ein gesangliches Niveau, das streckenweise an eine hochwertige Studioaufnahme erinnert.

So bringt die Musik inmitten der düsteren Deutung immer wieder leuchtende Höhepunkte hervor, jene Musik, deretwegen das Publikum für ein ausverkauftes Haus sorgt. Der Abend, im Kern auch eine literarisch-musikalische Versuchsanordnung, wird entsprechend gefeiert. Ob diese düstere Lesart neue Einsichten in die Motive des Eifersuchtsmordes eröffnet, bleibt letztlich der Wahrnehmung jedes Einzelnen überlassen.

Annotation

„Carmen“. Oper in drei Akten von Georges Bizet, Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée. Staatsoper Dresden. Musikalische Leitung: Lorenzo Passerini, Inszenierung: Nadja Loschky, Bühnenbild: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Spreckelmeyer, Choreografie: Thomas Wilhelm, Licht: Fabio Antoci, Chor: Jonathan Becker, Kinderchor: Claudia Sebastian-Bertsch, Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Benedikt Stampfli

Besetzung

Carmen: Eve-Maud Hubeaux, Don José: Attilio Glaser, Micaëla: Galina Cheplakova, Escamillo: Krzysztof Bączyk, Zuniga: Vladyslav Buialskyi, Moralès: Anton Beliaev, Frasquita: Jasmin Delfs, Mercédès: Nicole Chirka, Dancaïro: Simeon Esper, Remendado: Jin Yu, Alter Ego Don José: Lasse Myhr

Sächsischer Staatsopernchor Dresden, Kinderchor der Semperoper Dresden, Sächsische Staatskapelle Dresden

Credits

Besuchte Vorstellung Premiere 1.5.2026; veröffentlicht 3.5.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig,

Fotos: © Monika Rittershaus, Semperoper Dresden.

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