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„Anders ist immer der Andere“

Fassbinders Gesellschaftskritik auf der Leipziger Bühne.

Im Mai fand ein renommiertes Drehbuch von Rainer Werner Fassbinder den Weg auf die Bühne des Leipziger Schauspielhauses. Einige werden sich noch an den Film »Angst essen Seele auf« aus dem Jahre 1974 erinnern. Die großartige Brigitte Mira als Emmi spielte sich damals, an der Seite von El Hedi ben Salem als Ali, in die Seelen der Zuschauer. Wenn es nicht der Film ist, an den man sich erinnert, so ist es der Filmtitel, der sich ins kollektive Gedächtnis der alten Bundesrepublik bis heute eingebrannt hat.

Von Petra Kießling

 Die Geschichte wurde in einer Zeit der Bundesrepublik auf die Leinwand gebracht, in der das Wort „Integration“ in keinem politischen Programm zu finden war. Ausländer waren damals vorwiegend Gastarbeiter, die wie das Wort schon sagt, am besten gleich nach ihrer geleisteten Arbeit, wenn ihre Arbeitskraft nicht mehr benötigt würde, in ihre Heimat zurück gehen sollten. Doch wie so oft fand das Wissen über die menschliche Natur keinerlei Beachtung im monetär agierenden Kapitalismus. Und diese Denkweise konnte im westlichen Nachkriegsdeutschland auf einer gewissen Tradition aufbauen. Wurden doch viele Gastarbeiter in der Vorkriegszeit und in den ersten Kriegsjahren einfach in den Status der Zwangsarbeiter überführt. Und warum das geschah? Sicher nicht nur weil ihre Herkunftsländer zu Feindesländern wurden.

Zurück in die Gegenwart. Zurück auf die Leipziger Bühne. Nuran David Calis führte, bereits zum dritten Mal, Regie am Leipziger Schauspiel. Mit diesem Abend ist ihm, dem Team und den Schauspielerinnen und Schauspielern gelungen, die zentrale Aussage Fassbinders in die heutige Zeit zu transkribieren. Die beiden Hauptfiguren und ihre Liebe werden aus ihrem, durch die gesellschaftlichen Vorverurteilungen erzeugten, Außenseiterdasein in eine Normalität gespielt. Bettina Schmidt spielt sich glaubhaft in die schwierige Rolle der Emmi. Eine ältere Frau, die, bis sie auf Ali trifft, nicht mal eine Ahnung von ihrer eigenen Sehnsucht nach Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit hatte.

Und Ali, verkörpert von Roman Kanonik, wer ist er? Kanonik befreit die Figur ohne jede Sentimentalität aus ihrem tristen Alltag, dem Alltag eines Gastarbeiters, eines Flüchtlings, eines Migranten. Und die Menschen, die sie zu Außenseitern machten, werden zu einer Art Zombies, treten als gescheiterte und abgewrackte Figuren auf die Bühne. Das Spiel mit der Sympathie gelingt hervorragend.

Die visuelle und dramaturgische Umkehrung der Klischees irritiert und ist ein kontinuierliches künstlerisches Mittel des Regisseurs. Bereits in der Inszenierung des „Baal“ von Bertold Brecht benutzte er dieses Spiel mit Metaphern und Metamorphosen. Im Gegensatz zu dieser Verwandlung von Brechts Stück, ist es in der neuen Inszenierung des Fassbinderstoffes gut gelungen, die Fragen nach Gut und Böse, richtig oder falsch im Leben ansatzweise zu beantworten. Das Durchlaufen von Metamorphosen betrifft uns alle und wir alle sind nicht frei von Vorurteilen und kennen die Situation, besonders wenn diese auf uns selbst zur Anwendung kommen. Das Bühnenbild von Irina Schicketanz ist ein imaginärer weißer Raum, der perspektivisch in den Hintergrund der Bühne deutet. Wie ein Versuchslabor mit einer Kontrollebene im Hintergrund. Wir Zuschauer nehmen allerdings eine ähnliche Position ein. Ein Eingreifen ist unmöglich. Der Hintergrund dient als Projektionsfläche der erzählerischen Dimensionen. Videoeinspielungen von Adrian Figueroa und die Kostüme von Amélie von Bülow unterstreichen bzw. unterstützen das inhaltliche Konzept.

 

Annotation

Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder. Besetzung: Bettina Schmidt als Emmi; Roman Kanonik als Salem; Timo Fakhravar als Frau Ellis, Albert, Vorarbeiter; Andreas Herrmann als Frieda, Händlerin, Arzt Dirk Lange als Barbara; Michael Pempelforth als Eugen; Yolanda, Polizist; Denis Petković als Herr Gruber; Händler, Kellner; Julia Preuß als Frau Karges; Krista Annett Sawallisch als Katharina; Hedwig Ismail Deniz als Paula. Regie: Nuran David Calis; Bühne: Irina Schicketanz; Kostüme: Amélie von Bülow; Musik: Vivan Bhatti; Video: Adrian Figueroa; Dramaturgie: Clara Probst; Licht: Ralf Riechert

 

Credits:

Fotos: © Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

 

 

 

Aufführung: So, 10.06., 16 Uhr

mit Kinderbetreuung ab 15:30 Uhr

Große Bühne

 

Einführung im Rangfoyer

Fr, 22.06., 19 Uhr

Aufführung: 19.30 Uhr

Große Bühne

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