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Annaberg-Buchholz: Eine außergewöhnliche Opernerfahrung

Annaberg-Buchholz: Eine außergewöhnliche Opernerfahrung

Albena Petrovic Radio-Oper „Das blaue Klavier“ in einer szenischen Uraufführung

Wer das Glück hat, im oberen Erzgebirge zu leben, der ist hinsichtlich Theaterkunst eine große Vielfalt gewohnt. Werden doch hier viele Dinge erprobt oder wiederentdeckt, welche man an großen Häusern vergeblich sucht. Die szenische Uraufführung einer modernen Oper hat aber auch im Gebirge Seltenheitswert.

Von Rainer Nebel

v.l.n.r.: Bettina Grothkopf (Sopran), László Varga (Bass), Maria Rüssel (Mezzosopran), Bewegungsensemble und Mira Sanjana Sharma (Schauspielerin 1).

Mit dem Schreiben einer Rezension zu beginnen, fällt oft schwer. In diesem besonderen Fall besteht die Schwierigkeit darin, dem Leser etwas zu beschreiben, was sich kaum adäquat in Worte fassen lässt. Haben Sie, geneigter Leser, schon einmal eine moderne Oper gesehen oder gehört? Falls nicht: Mit einer klassischen Oper, mit Melodien, mit Schönheit, ja selbst mit Verständlichkeit, muss ein modernes Werk des Musiktheaters nicht unbedingt etwas zu tun haben. So ist es auch bei der szenischen Uraufführung der Oper „Das blaue Klavier“ geschehen. Wobei die Vorstellung trotzdem nicht uninteressant war.
Aber der Reihe nach.

Eine ungewöhnliche Komposition

Die Komponistin des Werkes ist Albena Petrovic, eine luxemburgische Komponistin bulgarischer Herkunft, welche schon mehrere Opern vertont hat. Die Musik des Werkes ist derart, dass man sich zunächst sträubt, überhaupt den Begriff Musik zu verwenden. Gelegentlich trifft es Klang oder Geräusche besser. Der Eindruck ist ein höchst fremdartiger. Beständig bleibt der Klang unerwartet, unbequem, unmelodisch, jedoch nicht dissonant, aber mitunter nah dran.
Der Librettist und das Kulturraumgesetz

Verblüfft registriert man den Librettisten, Herrn Matthias Theodor Vogt, denn der Mann ist eigentlich für Anderes berühmt. Allen im Kulturbereich in Sachsen tätigen Menschen sei gesagt: Diesem Herrn verdanken viele von Ihnen ihren Arbeitsplatz. Ohne Herrn Vogt und das sächsische Kulturraumgesetz gäbe es die ganzen Mehrspartentheater im ländlichen Raum, wie etwa Annaberg-Buchholz, Döbeln oder Plauen, wahrscheinlich längst nicht mehr. Auch etliche nichtstaatliche Museen, Bibliotheken und Musikschulen stemmen heute einen Teil ihres Haushaltes über den Kulturraumzuschuss. Wem das Kulturraumgesetz überhaupt nichts sagt: Googeln lohnt sich!

Inhalt und Besetzung
Der Titel „Das blaue Klavier“ nimmt Bezug auf das Gedicht „Mein blaues Klavier“ von Else Lasker-Schüler. Als Kammeroper kommt das Werk mit sechs Personen im Instrumentalensemble aus. Es werden auch „Instrumente“ genutzt, die man im ersten Moment eher bei Kindern erwartet, Quietscheentchen etwa. Weiterhin gibt es je eine Partie für Sopran, Mezzosopran und in dieser Inszenierung noch eine für Bass/Bariton. In der Inszenierung in Annaberg-Buchholz kommen außerdem noch zwei Schauspielerinnen und ein Bewegungsensemble aus fünf Frauen hinzu.

v.l.n.r.: Bewegungsensemble, Maria Rüssel (Mezzosopran), Mira Sanjana Sharma (Schauspielerin 1), László Varga (Bass), Bettina Grothkopf (Sopran) und Bewegungsensemble

Die Inszenierung und ihre Herausforderungen
Die Oper erzählt in groben Zügen und mit großen Sprüngen die realen Lebensgeschichten zweier Pianistinnen: Alice Herz-Sommer (1903–2014) und Vera Lautard-Schewtschenko (1901–1982). Beide Frauen kommen ins Konzentrationslager beziehungsweise in den Gulag. Und beide überleben dank ihrer Musik. Die Biografien sind schwer beeindruckend, auch ohne Oper. Die Inszenierung übernahm Ingolf Huhn, der vorherige Intendant des Wintersteintheaters.

Er hat sich dankenswerterweise vor allem darum gekümmert, dass das Publikum überhaupt eine Chance bekam, die Oper zu verstehen. Vor der Aufführung war mit einigem Nachdruck auf die halbstündige Einführung zum Werk hingewiesen worden, welche Herr Huhn in gewinnender und unterhaltsamer Weise hielt. Dadurch bekam der Zuschauer zunächst einen Rahmen geboten, sodass man während des Stückes nicht den Faden verlor, auch wenn man kurz vom Weg abkam.

Musikalische und szenische Umsetzung
„Das blaue Klavier“ ist ursprünglich als Radio-Oper konzipiert gewesen, also als rein akustisches Werk. Durch das Hinzunehmen des Bewegungsensembles wird die Akustik optisch übersetzt, in Tanz, Pose und Bewegung im weitesten Sinne. Im Libretto sind Texte auf Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch vorgesehen. Die zwei Schauspielerinnen sprechen einen Teil der fremdsprachigen Texte vorab auf Deutsch und verlesen Originaldokumente, wie etwa das geheime Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes. Zusätzlich werden diese Dokumente oder weitere Fotos auch mittels Projektion eingeblendet. Durch diese Maßnahmen wird die Oper wesentlich verständlicher und damit zugänglicher.

Auch beim gelungenen Bühnenbild und passender Ausstattung (Tilo Staudte) geht es vorrangig um Klarheit. Ersteres sieht aus wie einer frühen Lehrschrift für expressives Theater entnommen und lässt der Fantasie Raum.
Eine detaillierte Einschätzung der drei Sänger ist aufgrund der dargebotenen Klänge nur bedingt möglich. László Varga absolvierte seinen Part so solide und professionell, wie man es seit Jahren von ihm gewohnt ist. Sein gleichbleibend hohes Niveau bei allen Partien ist eine große Stärke. Frau Bettina Grothkopf verfügt über sehr viel Erfahrung und große Ausdruckskraft. Frau Maria Rüssel punktet mit klarer, technisch schöner Stimme.

Szene im Hintergrund: Bewegungsensemble und Mira Sanjana Sharma (Schauspielerin 1). im Vordergrund: Maria Rüssel (Mezzosopran), László Varga (Bass) und Bettina Grothkopf (Sopran)


Die musikalische Leitung lag bei Karl Friedrich Winter und ist gewiss nicht einfach gewesen. Die Klänge kamen alle sauber und passend, brachten das Expressive des Werkes auch akustisch zur Geltung. Mitunter schienen selbst die Bewegungsabläufe der Musiker Teil der Inszenierung zu sein. Ein besonderes Lob geht an das Bewegungsensemble. Diese Oper dürfte für die fünf Frauen (Bianca Arnold, Jessica Böhlmann, Antona Koleva, Lindsay Liedtke, Marie Schurtz) harte und konzentrierte Arbeit gewesen sein. Die Aufführung wurde dadurch sehr bereichert.

Ein denkwürdiges Erlebnis
Das Publikum war außergewöhnlich jung. Man erblickte viele unbekannte Gesichter im nicht ganz ausverkauften Haus. Die ganze Aufführung über saßen fast alle Anwesenden gespannt und mit so großer Aufmerksamkeit da, wie ich es überhaupt nie zuvor erlebt habe. Ein Moment der Unachtsamkeit und man wäre vielleicht nicht mehr mitgekommen. Am Ende gab es Jubel und reichlich Beifall. Das Publikum und insbesondere der Rezensent dieser Zeilen fühlten sich rechtschaffen erschöpft. Die Ohren klangen und das Hirn summte und flirrte.

Es gibt sehr seltene Aufführungen, an welche man sich noch lange erinnern kann, ohne das Bedürfnis zu verspüren, sie noch einmal zu erleben. Ich denke „Das blaue Klavier“ ist so ein Fall. Einige moderne Kunstrichtungen haben das Problem, dass ihnen die Verständlichkeit durch das Publikum nachrangig erscheint. Andere setzen beim Publikum sehr viel Vorbildung, teilweise Spezialwissen voraus. Beide Probleme sehe ich beim „Blauen Klavier“.

Nichtsdestotrotz war es ein interessantes, eindrucksvolles, berührendes Erlebnis. Ein Erlebnis, bei welchem man sich ganz auf ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Gesang, Raum, Sprache, Farbe und Bildern einlassen musste. Voraussichtlich wird es bei dieser einen erfolgten Aufführung in Annaberg-Buchholz bleiben. Im Gebirge wäre es vermutlich eine immense Herausforderung, das Haus mit einem solchen Werk noch einmal zu füllen.

Annotation

“Das blaue Klavier”. Radio-Oper von Albena Petrovic, Libretto von Matthias Theodor Vogt, Moderne szenische Uraufführung, Erzgebirgische Theater- und Orchester GmbH, Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz. Musikalische Leipzig: Karl Friedrich Winter, Inszenierung: Ingolf Huhn, Ausstattung: Tilo Staudte, Choreographie: Susi Žani?, Dramaturgie Lür Jaenike
Besetzung
Sopran: Bettina Grothkopf, Mezzosopran: Maria Rüssel, Eine Stimme: László Varga, Schauspielerin 1: Mira Sanjana Sharma, Schauspielerin 2: Lisa Kümmerling; Bewegungsensemble: Bianca Arnold / Jessica Böhlmann / Antona Koleva / Lindsay Liedtke / Marie Schurtz

Premiere 20.4.2024, Kulturhaus Aue; 5.5.2024, Theater Annaberg-Buchholz; besuchte Vorstellung 05.05.2024, Theater Annaberg-Buchholz; veröffentlicht 27.5.2024

Credits
Text: Rainer Nebel, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

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