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Annaberg-Buchholz: Die Unverwüstlichen mit der Kühltruhe

Annaberg-Buchholz: Die Unverwüstlichen mit der Kühltruhe

Johann Strauß‘ Operette „Die Fledermaus“ inszeniert von Andreas Rosar

Intendant Moritz Gogg war gut beraten, angesichts des derzeitigen Weltgeschehens mit der unverwüstlichen „Fledermaus“ von Johann Strauß kurzfristig seinen eigentlich angedachten Spielplan am Annaberger Winterstein-Theater durch ein Werk mit Entspannungs- und Frohseineffekten aufzulockern. In seinen Begrüßungsworten am Premierenabend brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, dass dieses Konzept aufgeht und die „Fledermaus“ wie so oft ein „Dauerbrenner“ wird. Angesichts des Schlussapplauses dürfte die gelungen sein. 

von Frieder Krause

Szene mit Bettina Grothkopf (Rosalinde). Im Hintergrund v.l.n.r.: Heike Schlott (Chor), Jinsei Park (Dr. Falke), Maria Rüssel (Prinz Orlofsky), Juliane Prucha (Chor), Stephanie Ritter (Ida) und Jason-Nandor Tomory (Gabriel von Eisenstein)

Regisseur Andreas Rosar setzt in seiner Inszenierung auf viel Bewegung und verlangt seinen Protagonisten somit viel ab. Dieser zum Teil überzogene Aktionismus fordert ab und an seinen Tribut bei den gesanglichen Leistungen einzelner Ensemblemitglieder. Dennoch: Ein sehens- wie hörenswerter Abend!

Das opulente werkgerechte Bühnenbild von Martin Scherm wird gut ergänzt durch die passenden Kostüme von Brigitte Golbs. Unerwartet kommt einer Kühltruhe eine zentrale Rolle im Spielgeschehen zu. Als Versteck für Alfred im ersten Akt ein genialer Einfall. Im festlichen Ambiente des Balles stört sie, wenn auch als Champagnerkühler, etwas. Im dritten Akt mutiert sie zum Schreibtisch des Direktors. Überhaupt geht es dort dank weiterer Kühlschränke als Zellen oder Türen kühl zu, wie Wärter Frosch treffend feststellt. Seinen allgemein bekannten Text hat Rosar durch passende Ansipielungen auf das Heutige, z. B. den Klimawandel, ergänzt. Gewagter sind solche auf die russische Oligarchie, auch bei Orlofsky.

Die geniale Musik des Johann Strauß ist bei der Erzgebirgischen Philharmonie in guten Händen. GMD Jens Georg Bachmann führt fordernd und mit klarer Gestik durch selbige. Eine szenische Untermalung während der Ouvertüre ist durchaus vertretbar und hier mit dem Erscheinen der Fledermaus oder den Reinigungstipps von Adele durchaus reizend – eine Unterbrechung dieses Kunstwerkes der Musikliteratur durch Worte (seitens der Regie) sollte man aber lassen. Ebenso bei Adeles Preisungen ihrer Talente im Dritten Akt.

Jason-Nandor Tomory kann regiebedingt den adligen Rentier nicht ganz glaubwürdig vermitteln. Trotz des bekannten Eisensteinschen Temperaments wird da zu sehr „gehampelt“ bzw. am Boden gelegen. Das schlägt sich ab und an auf seinen schönen Bariton. Schade für den von mir geschätzten Sänger.

Maria Rüssel als Prinz Orlofsky kann die Langeweile des 18jährigen Adelssprößlings glaubwürdig vermitteln. Stimmlich fehlt es ihr noch am Mezzo mit Durchschlagskraft. Richard Glöckner als Alfred ist für diese Rolle doch noch zu jungenhaft, kommt jedoch als bereits verehrter Publikumsliebling  symphatisch daher. So ist das nun einmal bei den Möglicheiten eines kleinen Ensembles. Seine Indisponiertheit war kaum spürbar.

Madelaine Vogt als Adele und Jinsei Park ficht im Spiel das alles nicht an. Ihre Koleraturen und sein kräftiger Bass sind eine wahre Freude.

Über alles erhaben ist wie erwartet Bettina Grothkopf. Ihre Rosalinde ist das Ereignis des Abends, ihre große Arie voller stimmlichen Glanz. Das Annaberger Theater kann sich glücklich schätzen, eine Sängerin dieses Formats im Ensemble zu haben. Man wünscht ihr wieder einmal eine große Opernpartie.

Laszolo Varga (Frank), Lukas Simonov (Dr. Blind) und Stephanie Ritter (Ida) agierten an diesem Abend rollengerecht, Varga dabei stimmlich überzeugend. Und nicht zuletzt! Leander de Marel als Frosch. Der Publikumsliebling des Erzgebirges ließ  in dieser, seiner Rolle, nichts anbrennen und gab ohne Übertreibung seinem Affen Zucker.

Den Hut ganz tief sollte man vor dem Chor des Wintersteins-Theater ziehen. Selbst Polka können sie! (Choreographie Hannah Kelly) und all die von der Regie geforderte Beweglichkeit. Erstaunlich die Klangfülle dieses kleinen Chores (Leitung: Danielo Pilato).

Annotation

„Die Fledermaus“, Operette von Johann Strauß, Libretto von Carl Hafner und Richard Genee. Muskalische Leitung: GMD Jens Georg Bachmann/Dieter Klug, Inszenierung: Andreas Rosar, Bühne: Martin Scherm, Kostüme: Brigitte Golbs, Choreographie. Hannah Kelly, Dramaturgie: Lür Jaenike

Besetzung: Gabriel von Eisenstein: Jason-Nandor Tomory; Rosalinde: Bettina Grothkopf; Frank: Laszlo Varga; Prinz Orlofsky: Maria Rüssel; Alfred: Richard Glöckner; Dr. Falke: Jinsei Park; Dr. Blind: Yuta Kimura/Lukas Simonov; Adele: Madelaine Vogt; Ida: Agostina Migoni/Stephanie Ritter; Frosch: Leander de Marel

Besuchte Vorstellung Premiere 22.04.2023; veröffentlicht 26.04.2023; Folgevorstellungen  

Samstag, 29.04., 19.30 Uhr; Sonntag, 14.05., 19.30 Uhr; und natürlich in der Spielzeit 2023/2024

Credits

Text: Frieder Krause, freier Theaterkritiker Gera/Altenburg

Foto (4): © Dirk Rückschloß / Pixore Photography

Szenenbilder

Leander de Marel als Gefängniswärter Frosch.

Links u.a. Madelaine Voigt (Adele) und Bettina Grothkopf (Rosalinde). Rechts: Jason-Nandor Tomory als Gabriel von Eisenstein
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