Ludger Vollmers Wismut-Oper „Rummelplatz“ zieht das Publikum weiter ungebrochen an
Von Moritz Jähnig

Bräunigs Roman-Fragment als Erinnerungslabor
Viele Momente wirken bei dieser Inszenierung zusammen und lassen sie zum „Gesamtkuntswerk“ werden. Grundlage ist Werner Bräunigs wuchtiger Wismut-Roman, jenes Werk, das 1965 auf dem 11. Plenum des ZK der SED in Bausch und Bogen verdammt wurde und dessen hochbegabter, hoffnungsvoller Verfasser in die innerer Emigration und den Alkohol getrieben wurde. Erst das posthume Erscheinen des „Rummelplatz“-Fragments 2007 offenbarte den poetischen Atem und die Wahrhaftigkeit dieses Panoramas aus Arbeit, Hoffnung, politischer Verhärtung und existenzieller Erschöpfung.
Erpenbecks Kunst der Verdichtung
Wer den Roman kennt, erkennt ihn wieder. Jenny Erpenbeck hat den über 600 Seiten starken Stoff mit bewundernswerter Deutlichkeit dramatisch destilliert. In straffen, prägnanten Szenen fängt sie Bräunigs philosophisch grundierten Erzählton ein und überführt ihn in raue Bühnenpoesie, die konzentriert und literarisch leuchtend ist.
Es ist ein anstrengendes, forderndes Libretto. Es bewahrt die literarische Atmosphäre über und unter Tage und schafft Raum für die komplexen sozialen und politischen Spannungen, ohne sich in allgemeine argumentative Breite zu verlieren. Dass sie 2024 den International Booker Prize erhielt, erscheint uns nach dieser Arbeit nur folgerichtig.
Vollmers klangsymbolische Partitur
Ludger Vollmer ist ein Komponist, der Theater atmet („Paul und Paula“). Mit sicherem Gespür verbindet er klangsymbolische Strukturen mit energischem Parlando, massiven Orchestereruptionen und zarten lyrischen Inseln. Die bergmännische Welt brodelt hörbar: Triolen flirren wie herabrieselndes Gestein, tiefe Blechschübe erinnern fern an Wagner, und doch bleibt alles unverkennbar Vollmer — zugänglich, packend, frei von modischer Verkrampfung. Seine Musik lässt die Figuren hervortreten und wird von ihnen geformt. Kurze Chöre gewinnen eine kollektive Wucht, Liebesszenen eine überraschende Wärme; Zitate und Anspielungen von deutschen Volksliedern bis zur sowjetisch-russischen Hymne sind voll bitterer Ironie. Es sei noch einmal wiederholt: diese Musik, diese Oper strengen an.

Orchester und Ensemble in Höchstform
Durch Benjamin Reiners geradezu charismatische Annäherung kommen die Härte und Verletzlichkeit einer Arbeitswelt zum Ausdruck und vermitteln sich die existenziellen Drehpunkte im Leben der handelnden Personen. Der Chemnitzer GMD führt die Robert-Schumann-Philharmonie mit kluger Präzision durch rhythmisch tückische und emotional weit gespreizte Klangfelder. Das Orchester spielt mit eruptiver Energie, die die musikalische Erzählkraft des Abends maßgeblich prägt.
Chöre und Solisten fügen sich zu einem Ensemble, das keine Schwachstelle kennt.
Inszenierung zwischen Realismus und Traumsequenz
Die Inszenierung — ein Geflecht aus Realismus und poetischer Überhöhung — öffnet den Abend mit choreographierter Zeitlupe: Bergleute, die mit Rucksäcken einziehen, wirken wie Schatten ihrer selbst. Prügeleien, exzessive Trink- und Tanzszenen, die gefährliche Überschlagschaukel des Rummelplatzes, Gerichtsszene und Untertagearbeit werden nicht naturalistisch ausgeformt, sondern als verdichtete Bilder einer Welt gezeigt, in der Hoffnung und Verzweiflung ununterscheidbar werden.
Die Figuren erscheinen als gezeichnete Menschen, deren Würde nie verraten wird.
Volker Thieles Bühne — verrußte Wände, leere Räume, plötzlich aufklaffende Schächte — erzeugt Beklemmung. Der Moment, in dem fünf Bergleute in ihren engen Stollenabschnitten sichtbar werden, gehört zu den stärksten des Abends. Nicht nur hier grandios mitspielend; das Lichtdesign von Holger Reinke.
Gabriele Rupprechts Kostüme setzen rasch fassbare Akzente: die glitzernde Künstlichkeit der „drei grellen Mädchen“, das nüchterne Arbeitszeug der Bergleute, die stilisierte Welt des Rummelplatzes. Alles ordnet sich zum Gesamtausdruck einer Welt, die zwischen Traum, Albtraum und harter Realität oszilliert.

Starke Solisten, starke Figuren
Stellvertretend für das vorzüglich agierende Solistenensemble und den Chor seien hier erwähnt: Thomas Essl, er gestaltet die Figur des Peter Loose mit kraftvollem Bariton und beeindruckender darstellerischer Präsenz. Ein Sängerdarsteller von Format, der die innere Zerrissenheit dieser Figur unmittelbar erfahrbar macht. Etienne Walch glänzt als Christian mit leuchtender, technisch souveräner Countertenor-Stimme und verleiht dem sensiblen Intellektuellen eine berührende Mischung aus Verletzlichkeit und Konsequenz.
Jacob Venter überzeugt als aufrechter Altkommunist Hermann Fischer mit scheinbar müheloser Bewältigung der extremen Tonsprünge und einer darstellerischen Ruhe, die dieser moralischen Instanz des Stücks große Tiefe verleiht. Marlen Bieber zeichnet Ingrid mit warmem Timbre und unprätentiöser Natürlichkeit, wodurch die Figur eine eindrucksvolle menschliche Nähe und Authentizität gewinnt.
Elisabeth Dopheide gestaltet Ruth mit jugendlicher Kraft und klarer, berührender Linienführung — besonders im Epilog trifft sie auch in der Darstellung den emotionalen Kern der Oper auf eine Weise, die nachhallt.

Ein Werk, das weiterwirken sollte
Es ist außergewöhnlich, mit welcher Selbstverständlichkeit ein zeitgenössisches Musiktheaterwerk von einem Publikum angenommen wird, das sich in den dargestellten Konflikten und Brüchen seines eigenen DDR-Alltags wiedererkennt. Die Inszenierung des Romanfragments legt die Wurzeln und Bedingungen eines Lebens offen, das vielen Zuschauerinnen und Zuschauern selbst nur als Fragment geblieben ist. „Rummelplatz“ kennt die persönlichen Illusionen und Visionen, die einst getragen haben und sich dann doch als unbrauchbar erwiesen. Auch jene, für die man sich schämt und die nach dreißig Jahren nun überraschend ehrlich auf die Bühne kommen.
Ein Vorschlag, der naheliegt
Als Beitrag zum Chemnitzer Kulturhauptstadtjahr 2025 geplant und präsentiert, besitzt „Rummelplatz“ Potenzial weit über diesen Anlass hinaus. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Karten und die spürbare Neugier auf dieses Werk sollten Anlass sein, das Stück nicht als einmaliges Ereignis zu betrachten, sondern als möglichen Grundstein für ein regelmäßiges Format. Das muss nicht gleich ein jährliches Festival sein. Aber doch ein wiederkehrendes Markenzeichen der Chemnitzer Oper in den kommenden Spielplänen.
Annotation
„Rummelplatz“. Oper von Ludger Vollmer, Libretto Jenny Erpenbeck, nach einem Roman von Werner Bräunig. Uraufführung am Theater Chemnitz. Musikalische Leitung: Benjamin Reiners, Inszenierung: Frank Hilbrich, Bühne: Volker Thiele, Kostüme: Gabriele Rupprecht, Video: Stefan Bischoff, Chor: Stefan Bilz , Einstudierung Kinderchor: Konrad Schöbel, Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf,
Besetzung
Peter Loose – Thomas Essl, Christian Kleinschmidt – Etienne Walch, Ingrid – Marlen Bieber / Xinmeng Liu Ruth Fischer – Menna Cazel / Elisabeth Dopheide , Hermann Fischer – Jaco Venter, Polotnikow / Richter – Felix Rohleder, Nickel – Tommaso Randazzo, Spiess / Ein Bote – Daniel Pastewski, Drei grelle Mädchen – Tea Trifković, Maraike Schröter, Paula Meisinger, Drei Riesen – Stephan Hönig, Lukasz Wieloch, Jann Schröde, Ein Bergmann / Ein Bote – Jonathan Koch, Heidewitzka / Ein Bote – David Sitka, Ein Bergmann / Lagerverwalter – Johann Kalvelage, Ein Bergmann / Staatsanwalt – Thomas Kiechle, Jungandres / Vertei diger – Jakob Ewert, Vater Kleinschmidt – Matthias Winter
Opernchor sowie Kinder- und Jugendchor der Theater Chemnitz, Musiktheaterstatisterie der Theater Chemnitz, Robert-Schumann-Philharmonie
Credits
Premiere 20.9.2025; besuchte Vorstellung 15.2.2026; veröffentlicht 16.2.206
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Nasser Hashemi
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