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Das Eismädchen irrt

Das Eismädchen irrt

„Eriopis – Medeas überlebende Tochter erzählt alles“ im Schauspiel Leipzig.

Die Schlagzeile versteht sich: Die Schwester der ermordeten Zwillingsjungen spricht im TV und anderswo. Das bringt Quote, Auflage und Theaterzuschauer. Natürlich übertreibt der Drama-Titel – von einem Mythos ist niemals alles erzählt. Und Medea, die Monstermutter ist ein solcher Mythos zweifellos.

von Henner Kotte

Jahrtausende haben sich Künstlerphantasien an ihm entzündet und Diskussionen losgetreten: Christa Wolf und Heiner Müller, Corneille, Grillparzer und Jean Anouilh, Delacroix, Cezanne und William Turner, Euripides, Ovid und Seneca. Auch Emilia Pöyhönen hat dieser Mordsstoff beschäftigt. Sie fügt ihm unterm Namen E.L. Korhu (im Auftrage des Schauspiels Leipzig) Dramatisches hinzu. In Finnland zählt die Autorin zu den maßgeblichen Stimmen ihrer Generation. Stücke der 38jährigen wurden in Schweden, Russland, Kanada und Australien erfolgreich inszeniert. Am Schauspielhaus in Leipzig erlebte Prinzessin Hamlet 2017seine deutsche Erstaufführung.

Eriopis? Die gängigen Szenarien des Medea-Mythos verzichten auf die Nennung dieses Namens. Nur der im zweiten Jahrhundert lebende Historiker Pausianus gibt ihn nebenbei an. E.L. Korhu denkt sich in Eriopis` Gefühle und verlegt deren einsame Geschichte in die Eiseskälte des hohen europäischen Nordens. Nach der Scheidung führt Medea in Lappland erfolgreich ein Tourismus-Unternehmen und vermietet Hundeschlitten. Eriopis kümmert sich mütterlich um ihre Zwillingsgeschwister. Derweil die Mutter die Feriengäste ausführt. Die Hunde bellen. Plötzlich aber ist Eriopis ganz allein. Furchtbares ist vorauszusehen. Ist die Mutter zum Morde fähig? Da muss sich die Tochter sagen: „Ich liebe die Mörderin, doch die Mörderin liebt mich nicht.“  Denn trotz Angst und Schrecken buhlt Eriopis um der Mutter Liebe. Aber diese ist im Hass verfangen und überdenkt, wie sie sich an Jason, dem Mann, der sie verließ, brutalst möglich rächen kann. Die Hunde bellen, und Medea bringt ihre süßen Zwillingsbuben um. Eriopis, die ältere Tochter, aber muss weiterleben und beim unbekannten Vater neue Heimat finden. Zerrüttete Familie, Gewalt und scheinbar ausweglose Zukunft – genügend Stoff auch für unsere Gegenwart.

E.L. Korhus Text setzt in der Phase nach den Morden ein. Verzweifelt windet sich Eriopis im Hotel und Mutterhaus, um das Gewaltgeschehen zu begreifen. Ansprechpartner ist das Kind sich selbst. Oder sind es Journalisten, die von ihren Gefühlen wissen wollen, um daraus Profit zu schlagen? „We would like you to tell your story now. We will tell it for you, if you don`t.” Die Zerrissenheit und Zweifel macht eine doppelte Eriopis deutlich. Julia Berke bewältigt die Unmasse des (fast) Monologs grandios und wandlungsfähig. Yuka Yanagihara ist zunächst der stumme Gegenpart – bis Vater Jason Michael Wilhelmi in die Tasten greift und Eriopis Sopran die Mauern sprengt. Fortan changiert die Kindstragödie zwischen großer Oper, Tagebuch und hinterhältig geführtem Interview. Mit einfachen Mitteln wechselt die Szenerie. Monsterablätter verdeutlichen den Dschungel der Beziehungen. Videobilder vervielfältigen die Suche nach dem eignen Ich und stehen manchmal starr. Wilhelmi, bekannt als Musiker in Grenzbereichen, untermalt mit Tastenschlägen, Saitenzupfen und Vaterworten die Qualen seines Kindes. Yanagiharas Opernstimme weist über die Medea-Tragödie weit hinaus. Das ist Theater aller Sparten. Hier wird mit uns und unseren Gefühlen gespielt. Toll!

Anna-Sophie Mahlers Regie vermag den anspruchsvollen Text wirkungsvoll und unverkopft dem Publikum zu offerieren. Das Bühnenbild von Katrin Connan ist spartanisch und bietet überraschend viele Möglichkeiten, es ist Gefängniszelle, Kinoleinwand und Vorhof zum Licht. Was als Monolog beginnt wird zum Ereignis. Man sieht der Regisseurin ihre Erfahrungen im Musik- und Dokumentartheater an. Die Darsteller agieren mit Engagement und großer Spiellaune und bringen uns eine uralte und unbegreifbare Geschichte erstaunlich nah. Theater am Puls von Vergangenheit und Gegenwart. Diese Inszenierung hat all das, was man letztens in der Spielstätte der Diskothek beim Experimentalstück Brennende Erde schmerzlich vermisste.

Auch die Blätter der Monstera erklären sich letztlich: „Hochgewölbte Blätterkronen, / Baldachine aus Smaragd, / Kinder ihr aus fernen Zonen, / Saget mir, warum ihr klagt?“ dichtete Mathilde Wesendonk, die Muse Richard Wagners … Aber das ist ein anderer Mythos, und von solchen ist niemals alles erzählt. Wie gesagt, da irrt Eriopis im Untertitel ihres eigenen Dramas.

Annotation

“Eriopis, Medeas überlebende Tochter erzählt alles”, von E. L. Karhu, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Uraufführung, besuchte Vorstellung, am 06. März 2020; Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

veröffentlicht 14.4.2020

Foto: © Ralf Arnold

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