Home | Theater/Musik | Das Wabenrätsel – Puccinis Oper „Turandot“ in Leipzig
Das Wabenrätsel  –  Puccinis Oper „Turandot“ in Leipzig
Neuinszenierung von Puccinis "Turandot" in Leipzig. Ping (Jonathan Michie), Pang (Keith Boldt) & Pong (Sergei Pisarev) © Tom Schulze

Das Wabenrätsel – Puccinis Oper „Turandot“ in Leipzig

Es ist ein altvertrautes Publikumsspiel nach einer jeden Premiere in einem jedem Stadttheater: Auf dem Weg zur Garderobe nehmen die Theaterfreunde Kontakt zu bekannten Gesichtern auf. Die Mine des anderen wird gemustert und ihm per Blick oder kurzem Wort mitgeteilt, was „man“ von dieser Inszenierung zu halten habe.

Falls mich jemand gekannt oder gemustert haben sollte: Ich habe mir Mühe gegeben, mein Gefallen an dem eben Erlebten auszudrücken. Musikalisch war die Premierenvorstellung der Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper „Turandot“ unter dem Dirigat von Matthias Foremny eine schöne und akzeptable Leistung. Wobei sicher die einzelnen SängerInnen differenziert zu betrachten sein werden. Lautstärke ersetzt nicht Wohlklang.

Oper Leipzig am 20.10.2016 GP "Turandot"

Turandot (Jennifer Wilson) © Tom Schulze

Die Inszenierung beschenkte uns mit einem zweistündigen spannenden Theaterabend, der keinen Moment langweilig wird. Wenn überhaupt, dann leidet er unter einem Zu-viel-des-Guten. Die Regie beglückt das Publikum auch mit unfertigen Ideen, die sich, mir jedenfalls, nicht erschließen. Bei der szenischen Bündelung seiner vielen Geistesfunken konnte sich Balázs Kovalik auf einen präzise mitwirkenden Chor des Hauses verlassen, den Alessandro Zuppardo musikalisch zuverlässig vorbereitet hat. Die Chöre und Komparsen stellten klare, überzeugende Bilder.

Wobei „stellen“ das falsche Wort ist. Der Eindruck der Bilder entsteht durch die Bewegung. Im Umfeld der großen Arien, auf die das Publikum einer „Turandot“-Aufführung wartet, hielt der Bewegungsstrom hielt inne und ließ Puccini und der Gesangskunst den Vortritt. Das fand ich schon einmal sehr ausgewogen und halte es auch als Plus für die Opernregie hervorhebenswert.

Die Geschichte der ihre Freier mordenden Prinzessin Turandot spielt in der Inszenierung am Augustusplatz mitnichten im alten China. Zwar ist der Wind eisig, der durchs Land weht, eisig die Stimmung in der Palastanlage, irgendwie eisig kalt auch die unnahbare Prinzessin Turandot. Aber gibt keine Folklorebilder aus der Opern-Märchenwelt. Die Bühne geht auf und wir stehen unvermittelt mitten in uns bis zum Überdruss medial bekannt gemachten Auseinandersetzungen der Zeit. Wir stehen innerhalb eines bösen, autoritären Schurkenstaates. Oder ist sind wir überhaupt so weit weg, irgendwo in einem asiatischen Land? Sind es nicht Bilder, die jetzt oder in absehbarer Zeit auf europäischen Straßen zu erleben sind?

Mit einem übermannsgroßen goldenen Führerstandbild wird die Handlung irgendwo in Asien verortet. Aber neben so konkreten Bildhinweisen bekomme ich auch abstrakte Zeichen angeboten, wie einen riesigen, bleichen Mühlen-Mond, in dem eine gold-rot strahlende Geniusfigur, im Programmheft genannt „Der junge Prinz von Persien“, geopfert wird. Fragezeichen.

Der unbekannte Prinz, Calaf (Leonardo Caimi), Kaiser Altoum (Martin Petzold), Chor & Komparsen der Oper Leipzig © Tom Schulze

Der unbekannte Prinz, Calaf (Leonardo Caimi), Kaiser Altoum (Martin Petzold), Chor & Komparsen der Oper Leipzig © Tom Schulze

Es ist nicht verwerflich, dass für den insgesamt  gelungenen Bühnenraum Fritz Lang und „Metropolis“ Pate standen. Die Szene wird von einem weißen Waben-Bau gebildet, der einerseits an die DDR-Architektur mit konsument oder Kunst

im öffentlichen Raum, Stadtteilgestaltung Leipzig Grünau WK 8 erinnert. Überhöht gedacht versinnbildlichen diese sechseckigen Formen das Wabenrätsel, das wir vom Theater aufgegeben bekommen.

Oper Leipzig am 12.10.2016 HP1 "Turandot"

Der unbekannte Prinz, Calaf (Leonardo Caimi) & Turandot (Jennifer Wilson) © Tom Schulze

Unter den sängerischen Leistungen gefielen Olena Tokar als Sklavin Liù und vornehmlich im zweiten Teil, in und nach seiner großen Arie, der Tenor Leonardo Calimi als Calaf. Jennifer Wilson steht die Titelpartie durchgängig auf Kraft bauend bravourös durch. Der Ton wurde in der Premiere oft in der Höhe zu schrill, um als Wohlklang empfunden zu werden.

Das Fazit dieser Zeilen soll eine Empfehlung sein, sowohl für die aktuelle „Turandot“-Inszenierung wie für die Oper Leipzig selbst. Mit „Turandot“ bringt das Haus wie schon beispielsweise mit „Frau ohne Schatten“ oder dem Leipziger „Ring“ ganz eigene Interpretationen auf die Bühne, die im Rahmen der Möglichkeiten gelungen sind und Erfolg haben.

Moritz Jähnig

 Annotation

„Turandot“, Dramma lirico in drei Akten von Giacomo Puccini, Premiere: 22. 0ktober 2016, Musikalische Leitung: Matthias Foremny, Inszenierung: Balázs Kovalik, Bühne: Heike Scheele, Kostüme: Sebastian Ellrich, Licht: Michael Röger, Dramaturgie: Christian Geltinger, Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo, Kinderchor: Sophie Bauer, Gewandhausorchester

Besetzung: Turandot, eine chinesische Prinzessin: Jennifer Wilson, Altoum, Kaiser von China: Martin Petzold, Timur, entthronter König der Tataren: Randall Jakobsh, Calaf, der unbekannte Prinz: Leonardo Caimi, Liù, eine junge Sklavin: Olena Tokar, Ping, Kanzler: Jonathan Michie, Pang, Marschall: Keith Boldt, Pong, Küchenmeister: Sergei Pisarev, Ein Mandarin: Sejong Chang, Der junge Prinz von Persien: Hans Müller

 

 

Scroll To Top