Gedanken zu Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“
Bereits 2022 feierte die Inszenierung „Dialogues des Carmélites“ von Jetske Mijnssen eine international beachtete Premiere. Jetzt ist sie an die Semperoper Dresden übernommen worden. Für die besuchte Repertoirevorstellung wären noch Karten zu bekommen gewesen. Auf jeden Fall sei das bedeutende Werk zu einem Besuch empfohlen.
Von Moritz Jähnig

Historischer Hintergrund und literarische Herkunft
Die 1957 in Mailand uraufgeführte Oper „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc ist als Ganzes ein Werk ohne stilistische Geschwister. Die Opernhandlung geht auf eine Briefnovelle der religiösen Schriftstellerin Gertrud von le Fort (1876–1971) zurück, die – wie in vielen ihrer Dichtungen – eine Episode der Realgeschichte zur Entfaltung ihrer Glaubensvorstellungen nutzt. Leser sprechen auch von religoösem Kitsch.
Während des La Terreur 1794 wählte eine Gruppe Karmeliterschwestern den Märtyrertod auf dem Schafott, um nicht von ihren Überzeugungen zu lassen. Das Libretto dient zur Diskussion existenzieller Fragen und theologischen Katechese in Reinkultur.
Angst als zentrales Lebensmotiv
Im Mittelpunkt steht die Adelstochter Blanche de la Force – das literarische Ich der Autorin – die unter einer frühkindlichen Angststörung leidet.
Sprachlich kommt das Gefühl, das wir mit dem Wort Angst benennen, von Einengen und Abschnüren. Dieses Gefühl machen die Musik von Francis Poulenc und die Inszenierung von Jetske Mijnssen an der Dresdner Semperoper auf eindringliche Weise fassbar.
Zweimal werden die Zuschauer mit dem Tod unmittelbar konfrontiert. Die Hinrichtung der Schwestern findet musikalisch hörbar hinter der Szene statt. Vor dem Tod löschen die Schwestern ihre an die Wand geschriebenen Namenszüge selbst aus. Wenn „Die letzte am Schafott“ gegangen ist, bleibt nichts. Ihr Tod ist sinnlos.
Anders jedoch der Blick auf ein anderes Sterben.
Der Tod der Priorin: ein erschütternder Kernmoment
Der Tod der alten Priorin ereignet sich in einem kargen, beunruhigend entrückten Raum: hohe, grauweiße, fensterlose Wände, kein Blick nach draußen, die Welt scheint stillzustehen. In der Mitte ein überhöhtes Krankenlager, mehr Podest als Bett, auf dem die Sterbende wie auf einen Thron gehoben liegt. Unruhig wirft sie sich hin und her, droht herabzugleiten, gefangen in einem Körper, der keine Ruhe mehr kennt.
Die Schwestern sitzen schweigend, ratlos, im stummen Gebet. Sie sind Zeuginnen eines Glaubens, der keinen Schutz mehr bietet, während die Priorin in ihrer Verzweiflung ins Gotteslästerliche abgleitet.
Die wandlungsfähige Mezzosopranistin Evelyn Herlitzius, die auch in der Zürcher Erstaufführung dieser Regie mitwirkte, gestaltet den Todeskampf als erschütternde Einheit aus körperlicher Zerrüttung und seelischem Aufruhr. Ihre Stimme, scharf fordernd, aggressiv und im nächsten Moment weich zurückgenommen, spannt ein vibrierendes Spektrum von Angst, Zorn, Trotz und Erschöpfung, bis hin zur Regression ins Kindliche.
Jede Phrase wirkt aus dem Innersten herausgerissen, jede Geste Ausdruck eines Kampfes, der längst verloren scheint und dennoch weiterbrennt.
Was Evelyn Herlitzius hier zeigt, ist weit mehr als pure Rollengestaltung: eine schonungslose, wahrhaftige Studie des Sterbens. Ihre Präsenz bindet den Blick, bis der Klang in den rohen Laut kippt. Der Widerstand dieser Sterbenden wird zum erschütternden Zentrum eines Abends, der nicht an dramatischen Höhepunkten spart.
Bühnenraum, musikalische Deutung und offene Fragen
Die Szenenbilder von Ben Baur fügen sich in einen weiß-grauen, total klaustrophobischen Raum, winklig auf der Bühne stehend, sodass auch die Zuschauer sich als Teil dieses Gefüges wiederfinden.
Schmale französische Fenster oder ein langgestreckter, vertikal betonter Durchgang eines Rokoko-Schlosses deuten die wechselnden Handlungsorte an.
Die Kostüme von Gideon Davey sind von größter Sorgfalt und handwerklicher Präzision: tanzende Paare, die Herren im Redingote, die Schwestern im Gegensatz nahezu im Originalhabit.

Die Staatskapelle gestaltet die Komposition klanglich durchsichtig. Marie Jacquot vermeidet jeden Pathos, so sehr er dem Werk innewohnt. Die vielen Rollen mit ihren differenzierten Anforderungen sind an einem Opernhaus dieses Ranges selbstverständlich erstklassig besetzt.
Doch Fragen und ein gewisses Unwohlsein sollen nicht verschwiegen bleiben. Als Musiktheaterliteratur verhandelt „Dialogues des Carmélites“ Glaubensdinge. Das ist nicht für jeden zugänglich. Nachgespräche sollten obligatorisch sein; in Schauspielhäusern wäre dies selbstverständlich.
Die Mode der oft albernen Triggerwarnungen – hier wäre eine solche ausnahmsweise angemessen. Kunst und Musik können emotional so unmittelbar treffen, dass Angstgefühle unvermeidlich werden. Darauf muss das Publikum vorbereitet sein.
Annotation
“Dialogues des Carmélites”. Oper in drei Akten von Francis Poulenc. Libretto vom Komponisten nach dem Drama von Georges Bernanos. Semper Oper Dresden. Musikalische Leitung: Marie Jacquot, Inszenierung: Jetske Mijnssen, Bühnenbild: Ben Baur, Kostüme: Gideon Davey, , Choreografie: Lillian Stillwell, Licht: Franck Evin, Choreinstudierung: Jan Hoffmann, Dramaturgie: Kathrin Brunner, Dorothee Harpain. Sächsischer Staatsopernchor Dresden. Sächsische Staatskapelle Dresden
Kostüme und Ausstattung mit freundlicher Genehmigung von Opernhaus Zürich
Besetzung
Le Marquis de la Force: Michael Kraus, Blanche, seine Tochter: Marjukka Tepponen, Le Chevalier, sein Sohn: Julien Dran, Madame de Croissy: Evelyn Herlitzius, Madame Lidoine Sinéad: Campbell Wallace, Mère Marie: Julie Boulianne, Sœur Constance: Rosalia Cid, Mère Jeanne Michal: Doron, Sœur Mathilde Nicole: Chirka, Beichtvater: Simeon Esper, Erster Kommissar: Jürgen Müller, Zweiter Kommissar: Vladyslav Buialskyi, Kerkermeister: Martin-Jan Nijhof, Offizier; Anton Beliaev, Thierry Yu He
Credits
Premiere 31.1.2026, besuchte Vorstellung 12.2.2026, veröffentlicht 13.2.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Semperoper Dresden/Jochen Quast
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