„Der Weg, die Wahrheit und das Leben“ an jedem Wochenende bis Oktober
Alle sechs Jahre finden sie statt – die Passionsspiele von Erl, deren erste Erwähnung auf das Jahr 1613 zurückgeht. In jedem Spielzyklus gelangt eine neue Textfassung zur Aufführung, dieses Jahr von dem Tiroler Theatermann Martin Leutgeb und dem für Film, Oper, Schlager bestens qualifizierten Burgenländer Erfolgskomponisten Christian Kolonovits. Rund 650 Bewohnerinnen und Bewohner der heute international bekannten und als Festspielort unter der künstlerischen Leitung von Jonas Kaufmann stehenden Tiroler Gemeinde agieren auf der Bühne im 1963 eröffneten Passionsspielhaus.
Von Roland H. Dippel

Gemeinschaftsprojekt mit großer Strahlkraft
Zunächst tanzt und feiert die Gemeinschaft um Jesus – doch ihre Euphorie währt nur kurz. Selbst nach der brutalen Kreuzigung lodert ein seltsam heller Optimismus in den Augen der Zurückgebliebenen, allen voran in denen seiner Mutter Maria. In einem besonders eindrucksvollen Moment – während Jesus, der „König der Juden“, sein schweres Kreuz auf gekrümmtem Rücken durch die Reihen trägt – intoniert Maria das Magnificat, jenen Lobgesang aus dem Lukas-Evangelium, der ursprünglich vor Jesu Geburt steht. Solche dramaturgisch gewagten, zugleich sinnhaft gesetzten Freiheiten gehören zu den spannendsten Elementen der diesjährigen Erler Passionsspiele.
Die Inszenierung, die von Ende Mai bis Anfang Oktober an den Wochenenden zu sehen ist, trägt als Titel ein Evangeliums-Zitat: „Der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In gut dreieinhalb Stunden (inklusive 25-minütiger Pause) entfaltet sich ein monumentales Totaltheater – ein spirituelles Melodram, wie man es nennen darf: mit Recht und Respekt.
Musik, Chor und ein Hauch von Rockoper
Der riesige Chor der Passionsspiele, auch das hinter den von Neon umrandeten, variabel schwebenden Projektionsflächen sitzende Orchester unter der musikalischen Leitung von Anton Pfisterer und die vielen stummen Mitwirkenden versteht Christian Kolonovits so in begeisterten Bann zu schlagen wie das Publikum im zu jeder Vorstellung gut gefüllten Passionsspielhaus. Einzig die arg süßliche Schlussmusik zur Auferstehung stellt die zuvor als stabiles Kolorit entwickelte Differenzierung von Text, Bühne und Komposition etwas infrage. Da scheint eine gesuchte oder zufällige Nähe zum – zugegebenermaßen übermächtigen – Vorbild von Andrew Lloyd Webbers Rockoper „Jesus Christ Superstar“ spürbar.
Verständliche Dramaturgie und zeitgemäße Perspektiven
Die maßvolle Aktualisierung Martin Leutgebs erweist sich als vollauf gelungen und verständlich auch für weniger bibelfestes Publikum. Die Positionen der dogmatischen Splittergruppen von Leviten, Sadduzäern und Pharisäern arbeitete Leutgeb deutlich heraus. Wie in Oberammergau erfolgte auch in Erl während der letzten Jahrzehnte die nachhaltige Reinigung von allen nach 1900 aus den Texten lesbaren antisemitischen Akzenten über die zugeschriebene Schuld der Juden am Kreuztod Jesus’. Dafür implantierte Leutgeb in seine dramatische Konzentration eine Auswahl von Evangelien-Zitaten und evozierte so für die sich spaltende Gesellschaft eine essenzielle Frage: Kann man nur nach genauem Faktencheck verstehen oder genügt ein prägnant ins Herz dringender Satz aus direkter Menschlichkeit? Unaufdringlich spiegeln sich in den dargestellten Politikern Judäas, dem römischen Statthalter Pilatus, den opponierenden Kindern und der bis zur Gefangennahme Jesus’ mit sonnigem Gemüt auftretenden Jüngerschaft die gegenwärtigen Tendenzen von Polarisierung und gewaltbereiter Erbosung. Dadurch wird die Erler Passion durchaus moralische Anstalt und Spiegel der Welt – mit Ansätzen von Inntaler Dialekt und der Kunstsprache von Tiroler Volksschauspielen.

Bildmächtige Gestaltung und starke Frauenfiguren
Auch in der ersten Wiederholung – gleichzeitig die Premiere der Besetzung „Schwarz“, die wir besuchten – entfaltet sich das letzte Kapitel im Leben Jesu eindrucksvoll: im wuchtigen Betonportal des Passionsspielhauses und auf den über 40 Stufen von Hartmut Schörghofers monumentaler, weiß strahlender Treppe, inszeniert mit gendergerechter Präzision und symbolischen Archetypen in Anlehnung an C. G. Jung.
Juliane Herold setzt dazu visuelle Akzente mit klar codierten Farbstoffen: ein intrigantes Gelb für die Hebräer, Sandtöne für die Anhänger Jesu und ein kühles Taubenblau für die römischen Legionäre. Maria Magdalena erscheint in neuer Lesart – befreit vom Bild der reuigen Sünderin, das jahrhundertelang die katholische Vorstellung dominierte. Stattdessen tritt sie als schweigende Liebende und Förderin des charismatischen Wanderpredigers in Erscheinung. Ihre finanzielle Unterstützung sichert der idealistischen Gemeinschaft um Jesus eine gewisse ökonomische Autonomie – getragen von einer fast utopischen Vorstellung asexueller Solidarität.
Die Szene der Geißelung Jesu gerät auch in Erl zum kollektiven Ausbruch eines entfesselten Volkszorns, während die Kreuzigung in ihrer Darstellung bewusst jede vordergründige Grausamkeit meidet – und gerade dadurch beklemmende Wirkung entfaltet.
Selbst beim düster-ironischen Auftritt des Ehepaars Herodes und Herodias – einem Abgrund aus Lastern, Lüsten und latenter Gewalt – bleibt das Orchester stumm. Dieses Schweigen, das Raum für Verstörung lässt, unterstreicht die Vielschichtigkeit der Inszenierung.
Fazit
Was die Erler Passionsspiele 2025 am Ende so bemerkenswert macht, ist das spannungsreiche Zusammenspiel von Pathos und Intellekt, von emotionaler Wucht und erzählerischer Klarheit. Es ist ein Gesamtkunstwerk, das seine religiösen, gesellschaftlichen und ästhetischen Ebenen zu einem eindrucksvollen Theaterereignis vereint – fordernd, zugänglich, und voller Energie.
Credits
besuchte Vorstellung 31.5.2025; veröffentlicht 13.6.2025
Text: Roland H. Dippel, freier Theaterkritiker Leipzig/München
Foto: © Xiomara Bender
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