Home | Theater/Musik | ESP für Zugereiste
ESP für Zugereiste

ESP für Zugereiste

Im Schauspielhaus erklärt sich ein Team den Leipziger Südraum und scheitert.

Da gab es einst im Schulsystem der DDR das Fach ESP, was Oberschüler in die Sozialistische Produktion einführte. Es erklärte, wie welches Produkt entsteht. Wer davon den Nutzen hat. Wer ausgebeutet wird oder eben nicht.

 Von Henner Kotte

Auch das Braunkohlerevier um Leipzig stellte solcher Unterricht damals vor: „Als nach 1900 die Entwicklung der Industrie in den heutigen Bezirken Halle und Leipzig einsetzte, herrschten noch kapitalistische Verhältnisse. Die Unternehmer waren nur an hohen Profiten interessiert. Das hatte schwerwiegende Folgen. Abgase verunreinigten die Luft. Abwässer der chemischen Industrie wurden ungereinigt in die Flüsse geleitet. Pflanzen und Tiere starben. Die Umwelt wurde zunehmend verschmutzt und in ihrer Entwicklung gestört. Die Arbeiter litten am härtesten unter dem Profitstreben der kapitalistischen Besitzer.“ Auch um die Zukunft machten sich Pädagogen ihre Gedanken: „Der sozialistische Staat verbessert planmäßig die Arbeits- und Lebensbedingungen in den Ballungsgebieten. Die Umwelt wird auf gesetzlicher Grundlage im Interesse der Menschen gestaltet.“ Nun denn, die Hiesigen kennen die Lügen und den Ausgang der Geschichte. Sie waren dabei, sind es noch.

Regisseur Hans-Werner Kroesinger machte auf sich aufmerksam mit Inszenierungen zur Zeit, Regisseurin Regine Dura mit Dokfilmen und innovativen Bühnenspielen. Man bezeichnet sie als herausragende Vertreter des gegenwärtigen Dokumentartheaters. Nun weiß ich nicht, wie beide aufs Thema Brennende Erde im Südraum von Leipzig kamen, doch wie sie berichten, haben sie eifrig recherchiert, was war, was war, was war, was ist und kommen soll. Dann haben sie ihre Interviews mit Stasi-Protokollen, Eingaben der Bevölkerung, Lehrbuchtexten, Zeitungsmeldungen, Agitprop und Statistiken gemixt und lassen sie weitgehend chronologisch hersagen. Die sechs Vortragenden (geschlechtsparitätisch besetzt mit Alina-Katharin Heipe, Daniela Keckeis, Marie Rathscheck, Andreas Keller, Markus Lerch und Brian Völker) mühen sich redlich, die Pamphlete über die Rampe zu bringen, allein, niemals springt ein Funke über.

Beginnend im Tertiär zählen die Sprecher all die Bäume auf, die da versanken: Palmen, Magnolien, Linden, Linden, Eichen und Linden und Palmen usf. Meine Fresse, denke ich im Publikum, biste nicht im Schauspielhaus, sondern im Geografieunterricht Klasse 6. Nee doch, ich sitze tatsächlich in der Diskothek, der kleinen Bühne vom Schauspiel Leipzig. Und weiter geht es im Text mit der Kohle in den Jahrzehnten – 1900: Kapitalismus, Energie und Dreck. Dann Aufbau Ost der Fünfziger: Sozialismus, Energie und Dreck und Parteiinitiativen. Siebziger: Umweltschäden, Pseudokrupp, Beschwerden, Stasi, strenger Winter 78, Soldaten im Einsatz. Achtziger: Sozialismus, Energie und Dreck, Devastierungen und Neuansiedlung, illegale Umweltgruppen, Stasi-Protokolle, General Hummitzsch – so ein Schwein! Wende und Aufbau Ost der Neunziger: Energie, Dreck und beginnende Rekultivierung. Schön, aber blöde Nebenwirkung: der Grundwasserspiegel sinkt, wächst nix. Und das Heute: ein neues Unternehmen hat übernommen. Worum geht’s ihm? Ah ja, Profit, Subventionen und Energie, bleibt Dreck. Aber mal ehrlich: All das wussten wir schon. Wir haben‘s erlebt und mitgemacht. Und jetzt alles nochmal auf die Bühne geholt mit furchtbar schlechten Texten: Ach, nee!

Auch die Inszenierung bietet nichts, was einen fesseln könnte. Die sechs Gestalten in weißen Overalls wirken wie Stalker (1979) in der unbekannten Zone. Überhaupt: Keine Bewegung von ihnen, die dramaturgisch einen Sinn ergäbe Da werden Loren hin- und hergeschoben. Sonnenschirme aufgestellt. Briketts gecurlt und zu Domino-Reihen aufgestellt, doch die Kettenreaktion, die sie fallen ließe, bleibt aus. Dann schippen sie Luft, dann malen sie Transparente: Pödelwitz darf nicht abgebaggert werden! Lasen wir auch schon in der Zeitung. Dann sprechen sie im Chor. Dann singen sie Kohlelieder, die wir besser vom Gundermann (2018) hörten – Warum tun die das nur? Dann rezitieren sie die Aussagen von Umgesiedelten in kalter Sprache – ja, wo sind wir denn hier? Im Leipziger Südraum spricht keiner so. Apropos: Im Schauhaus beim Faust sprachen die Betroffenen selber, da hörten wir zu und sahen sie nicht. Im Projekt Brennende Erde bleibt alles steril, wirkliche Emotionen zeigt keiner. Und trotz allen Kohledrecks bleibt der Anzug der Darsteller weiß wie der Schnee. In der Kohle können die nicht gewesen sein. Da wird man dreckig, säuft und raucht wirklich.

Was den Heimischen ärgert, ist, dass es zum Thema gute, beeindruckende, lebendige Texte und Protokolle schon gibt. Wolfgang Hilbig, Helmut Richter, Joachim Nowotny haben den Raubbau beschrieben. Helmut Bez ließ Zwiesprache halten (1976): „Hör zu, Gustav: Unsere Energieversorgung beruht doch zu 85 Prozent auf der Braunkohle. 85 Prozent, Gustav! Wir können sie darum nicht mit Füßen treten. Das heißt: Nur weil zufällig ein Dorf hier steht, können wir nicht auf 250 Millionen Tonnen verzichten.“ In der Eingabe von Lisa Kircheis aus Mölbis hieß es 1987: „Man sagt, in Auschwitz sei es nur schneller gegangen!“ Bei Patrick Hofmann meinte Die letzte Sau (2009): „Die Kunst, sich blind zu stellen, was die Kohle in der Region und der näheren Umgebung anging, erlernte Albrecht Schlegel natürlich nicht als Einziger und auf einen Schlag. Die Muckauer wussten seit Mitte der fünfziger Jahre, dass ihr Dorf Anfang der Neunziger dran sein sollte.“ Ekkehard Schulreich Bleibt nichts vom Kohleland (1997): „vom kohlenland, der scholle, die wegbrach unter dem fuß, die nicht mehr auffindbar ist in dem staub, beraubt der kontur, lebendigkeit. was jahrmillionen wuchs, jahrhunderte trug, es ist vergangen mit einer anderen endgültigkeit als mit der, in der die königsfarben wechseln.“

Was also, fragt sich der Rezensent, soll dieses Schauhaus-Projekt? Eine kohlestaubtrockene Geschichtserzählung, die jedes Lehrbuch den Nichtwissenden als Phänomen besser erklärt. Eine hörenswerte Rezitation? Mitnichten, bei den trögen Texten musste oftmals die Souffleuse einspringen. Wozu also das ganze Theater? Es hat weder einen Schau- noch einen Mehrwert. Solch Brennende Erde kann man keinem echten Leipziger empfehlen. Verzichtet auf diese Kohle, sie wärmt keinem das Herz! Zugereiste haben Beifall geklatscht. Die haben vielleicht was Neues erfahren, zumindest bekamen sie all ihre Vorurteile über die DDR und den Leipziger Südraum spaßfrei und absolut sauber serviert.

Annonation

Brennende Erde, Projekt von Regine Dura & Hans-Werner Kroesinger, Uraufführung am 17. Januar 2020

Besetzung: Alina-Katharin Heipe, Daniela Keckeis, Andreas Keller, Markus Lerch, Marie Rathscheck, Brian Völkner Team: Regie Hans-Werner Kroesinger, Regine Dura; Ausstattung Hugo Gretler; Musik Paul Brody; Dramaturgie Benjamin Große, Marleen Ilg; Licht Thomas Kalz

 

Was noch?

Die nächsten Termine: Di, 21.01., 20:00; Sa, 25.1.,20:00 Uhr; Do.06.02., 20:00 Uhr

 

Credits

Besuchte Vorstellung 17.1.2020; veröffentlicht 18.1.2020

Fotos: © Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

Scroll To Top