Kay Kuntze inszenierte „Cavalleria rusticana“ und „Pagliacci“ in einem Rutsch
„Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni und „Pagliacci“ von Ruggero Leoncavallo – das erfolgreichste Opernduo der Welt. Es liegt nahe, diese beiden Einakter über Lust, Liebe, Eifersucht und die fragwürdige Vorstellung von Ehre zu einem Werk zusammenzufassen. Das klug gestaltete Programmheft des Theaters Altenburg Gera liefert viele überzeugende Gründe für ein solches Konzept. Die Umsetzung auf der Bühne und im Orchestergraben bestätigt diese Entscheidung.
Von Moritz Jähnig

Ein Bergdorf im Ausnahmezustand
Erzählt wird von Ereignissen in einem streng religiösen sizilianischen Bergdorf. Latente Spannungen unter den Dorfbewohnern drohen zu eskalieren. Da trifft eine reisende Theatertruppe im Ort ein. Sie sollen zum Osterfest Entspannung bringen. Doch auch in der Truppe brodelt es: Treue, Eifersucht und Männerehre stehen auch hier auf dem Spiel.
Als die Komödianten am Abend die von einer Straßenpartie erhitzten Dorfbewohner zur Vorstellung bitten, eskaliert die Situation. Realität und Fiktion verschmelzen mystisch. Alkohol und Affekte leisten ganze blutige Arbeit.
Überzeugende Dramaturgie und kluges Bühnenbild
Positiv hervorheben muss man bei dem neuen Stück, dass es an keiner Stelle dramaturgisch oder musikalisch klappert. Einen dramaturgischen Kunstgriff macht das Konzept notwendig: Die Figur des Jungbauern Silvio aus „Pagliacci“ wird mit Alfio verschmolzen.
Es beginnt mit dem Prolog aus „Pagliacci“, der ganz allgemein die Grundzüge des Theaters erklärt. Alles ist Spiel. Mit derb gemalten Requisiten wird der spielerische Charakter des Projektes zur Schau getragen.
Denn ansonsten lebt diese Aufführung von einer grandiosen Ausstattung (Bühne und Kostüme Martin Fischer; Beleuchtung Klaus Limmer). Wir blicken in eine sich nach dem Bühnenhintergrund verengende Gasse. Bühnenbreite Stufen führen schmaler werdend nach hinten oben, in die Kirche zur Ostermesse oder später zum Spielort der Komödianten.
Zeitlosigkeit der Tragödie
Turridus Mutter Lucia, Judith Christ-Küchenmeister, arbeitet als Bedienung in der Bar ihres Sohnes. Sie serviert Lola einen Espresso und Nedda ein Flasche Coke mit Strohhalm. Für die Party auf der Straße werden Holzbierkästen herangeschleppt.
Überzeugendes Spiel der Darsteller
Alle Partien bis zu den kleinen Aufgaben sind in Gera aus dem Ensemble heraus überzeugend besetzt. Alejandro Lárraga Schleske verkörpert einen starkwilligen und kampfbereiten Alejo. Im Duell mit Turridu beißt er seinem Wiedersache derb ins Ohr.
Franziska Weber gibt Lola als sinnlich-kokette Verführerin, die hinreißend singt und perfekt zwischen Leichtsinn und Berechnung balanciert.
Turiddu, Isaac Lee, ist nach seiner Rückkehr ins Dorf ein gefährlicher Mann geworden, der den Waffenrock nicht ablegen kann. Sein Verhalten gegenüber Santuzza, Camilla Riberto Souza, ist fordernd. Brutal verletzt er alle und jeden, besonders die von ihm abhängige Frau. Dringlich fordert sie Mitgefühl ein. Schließlich verflucht sie den Täter.
Besonders selbstbewusst tritt die Komödiantin Nedda auf. Wenn sie singt, zieht Anne Preuß alle Aufmerksamkeit auf sich.
Theater als Kompressor der Emotionen
Kay Kuntzes Inszenierung will wie ein Kompressor wirken. Sie verstärkt mit raffinierten Theatermitten die Affekte, die zu den dramatischen Situationen führen. Symbolisches Zerstechen des geschändeten Lakens, das dann zeichenhaft mit dem Dolch an die Bühnenrampe gepinnt wird, ist so ein dick aufgetragenes Bild.
Zum Glockenchor wird Lucia in einer Prozession als Heiligenfigur herangetragen, die sich dann in einem schier mythischen Moment erhebt und Santuzza von Frau zu Frau segnet. Das ist Kitsch hoch fünf, aber zu dieser Musik darf eine Verismo-Oper alles. Die Musik packt uns, wo immer sie uns erreichten kann.

Strahlkraft und Gebrochenheit
Exemplarisch läuft natürlich der Gefühlskompressor auch in der Arie, deretwegen alle in die Vorstellung gekommen sind, „Lache, Bajazzo!“ Canio sitzt dabei am Schminktisch. Er blickt durch den Spiegel zum Publikum. Der Spiegel mutet wie einem Monitorrahmen an. Die Bildbotschaft wird verstärkt durch Videoprojektion auf einen Vorhang im Bühnenhintergrund. James Edgar Knight bewältigt diese Aufgabe souverän. Für den Canio legt in die tenorale Strahlkraft seiner Stimme eine verzweifelte Gebrochenheit, mit der die Aussagen zum Leid in seiner Arie Allgemeingültigkeit gewinnen. Knigt hat für die Partie beides: Leuchten und dramatischen Abgrund.
Über den erwarteten strahlenden Schmelz hinaus vermag Isaac Lee seiner Stimme in der Dramatik die Schärfe von Peitschenhieben zu geben. Er bietet so überzeugend einen nicht nur groben, sondern vielschichtigen Turridu an. Dieser seelisch verletzte Ex-Soldat, der Dorfkösus Alfio und auch der Tonio von Johannes Beck mit Eselsmaske und einem Rigoletto-Buckel sind nicht nur wahre Ekel. Sie kennen in ihrer Verzweiflung keine anderen Auswege als gesellschaftlich erlernte Raserei. Nebenbei legt die Inszenierung durch Ambivalenz die Tragik der Männlichkeit bloß, wenn man hinsieht.

Beeindruckendes Gesamtbild
Unter der Leitung von Thomas Wicklein entfaltet das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera die emotionale Kraft der Musik. Präzision, Leidenschaft und ein gutes Gespür für die Sänger prägte den Premierenabend. Nicht wenig turg der markant und klanschön auftretende Opernchor bei.
Die Aufführung der beiden Operneinakter als ein Gesamtkunstwerk überzeugt. Die Inszenierung im Verbund mit der Musik wirkt wie ein Kompressor auf die Dramatik und Relevanz der Themen, auch wenn sich die Aufführung in dieser Form sich nicht sofort durchsetzen dürfte. Immerhin: Die Vorlage von Calixto Bieito in Hannover 2005 brauchte 20 Jahre, um jetzt wieder erinnert zu werden.
Ein Nachgedanke
Die Botschaft der Inszenierung bleibt aktuell: In einer von Armut geprägten Welt, in der Ehre der einzige Besitz ist, eskalieren solche Dramen früher wie heute. Die Erinnerung an den „Ehrenmord“ von Hatun Sürücü im Jahr 2005, der sich zufällig am Premierentag jährte, verleiht dem Stück bedrückende Relevanz.
Annotation
“Cavalleria rusticana / Pagliacci”. Zwei Opern in einer Handlung. “Cavalleria rusticana”, Oper in einem Akt von Pietro Mascagni, Libretto von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci; „Pagliacci“, Oper in einem Prolog und zwei Akten von Ruggero Leoncavallo. Theater Altenburg Gera. Musikalische Leitung: Thomas Wicklein, Inszenierung: Kay Kuntze, Bühne, Kostüme Martin Fischer, Dramaturgie: Dr. Peter Larsen, Philharmonisches Orchester, Altenburg Gera, Opernchor und Kinder- und Jugendchor des Theaters Altenburg Gera, Statisterie
Besetzung
Turiddu: Isaac Lee, Santuzza: Camila Ribero Souza, Lucia: Judith Christ-Küchenmeister, Lola: Franziska Weber, Alio/Silvio: Alejandro Lárraga Schleske, Nedda: Anne Preuß, Canio: James Edgar Knight, Tonio: Johannes Beck, Peppe: Johannes Pietzonka, 1. Bauer: Juan Camillo Yepes Acevedo, 2. Bauer: Raoni Hybner de Barros
Premiere und besuchte Vorstellung 7.2.2025; veröffentlicht 9.2.2025
Credits
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Ronny Ristok
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