Andonis Foniadakis erzählt uns mit dem Staatsballett seinen „Ikarus ΊΚΑΡΟΣ“
Andonis Foniadakis, bekannt für seine körperlich intensiven und emotional aufgeladenen Arbeiten, setzt jetzt mit „Ikarus“ am Staatsballett Hannover neuerlich ein kraftvolles Zeichen. Der griechische Choreograf greift auf einen Mythos seiner Heimat zurück und verwandelt ihn – unterstützt von weiteren griechischstämmigen Künstlern – in ein Stück zeitgenössischer Tanzkunst von großer symbolischer Dichte.
Von Moritz Jähnig

Foniadakis’ Handschrift ist unverkennbar: Es gibt kein tastendes Heranführen – das Publikum wird unmittelbar in eine dichte, emotional aufgeladene, überlaute Welt geworfen. Seine choreografische Sprache, die sich durch einen hohen physischen Anspruch und expressive Dynamik auszeichnet, stellt den menschlichen Körper als zentrales Ausdrucksmittel in den Fokus und schafft so einen intensiven Sog.
Die Geschichte
Ikarus und sein Vater Daidalos wurden von König Minos in das Labyrinth gesperrt, weil Daidalos dem Theseus Hinweise zur Verwendung des Ariadnefadens gab.
Allerdings wusste der Erfindungsreiche Daidalos, wie er fliehen konnte und stellte aus Federn und Wachs Flügel her, mit denen er und sein Sohn davonfliegen sollten.
Ikarus aber, als die beiden schon weit über dem Meer in den Lüften waren, missachtete Daidalos‘ Warnung, nicht zu tief und zu hoch zu fliegen, und flog in seinem Übermut zu nah an den Sonnenwagen, sodass das Wachs schmolz und die Feder nicht mehr fest waren. Er stürzte ins Meer und starb.
Der trauernde Vater begrub ihn auf Ikaria.
Fragmentarische Erzählung – Die Geschichte von Ikarus und Daidalos
Die Erzählung von Daidalos und seinem Sohn Ikarus bildet das narrative Rückgrat der Inszenierung, wird jedoch nicht klassisch illustriert. Vielmehr wird sie in episodischen, oft rückwärts blickenden Momentaufnahmen erlebbar gemacht.
Der Tod des Ikarus steht bereits zu Beginn im Raum. Sein Absturz eröffnet das Geschehen und bleibt als bedrohlicher Schatten stets präsent. Im Verlauf entfaltet sich das Geschehen mit Bildern der Geburt, der Flucht aus dem Labyrinth und der wachsenden Sehnsucht nach Freiheit. Der Konflikt zwischen Rationalität und Übermut, Technik und Emotion, wird dabei durchgängig thematisiert. Daidalos verkörpert Planung und Maß, Ikarus das Streben nach Überschreitung. Visuelle Elemente wie geometrische Bühnenlinien, Kreis und Quadrat, oder das Bild einer leuchtenden, kristallinen Sonne intensivieren diese Gegensätze.

Klanglandschaft der Extreme – Die Musik von Julien Tarride
Die elektroakustische Komposition von Julien Tarride trägt zur Sogwirkung des Abends bei. Seine Musik mischt vorab produzierte orchestrale Passagen (Niedersächsischen Staatsorchester) mit elektronischen Klängen, die von verzerrtem Ticken bis zu flirrenden Dissonanzen reichen. Der Sound ist gleichzeitig organisch und synthetisch, sinnlich und verstörend. Man kann sich ihm nicht entziehen, sie lässt nicht locker, es sei denn, man liefe weg.
Besonders beeindruckend gelingt es Tarride, musikalisch das Spannungsfeld zwischen Technik und Gefühl zu umreißen – mechanische Impulse treffen auf elegische Melodien, Lichtblitze auf dunkle Klangflächen. Im Finale verwebt sich ein Gedicht Tarrides mit der Musik und verleiht dem Tanz eine zusätzliche philosophische Tiefe: Freiheit, so heißt es, liegt nicht im Erreichen der Höhe, sondern im Mut zum Aufstieg. Der Erkenntniswert dieser trivial-philosophischen Sentenz sei einmal dahingestellt. Die Komposition und der Sprachvortrag verstärken die metaphorische Lesart des Stücks und lassen die Musik als eigenständige Erzählerin wirken. Die Musik hat darüber hinaus eine unheimliche Dimension (das Verfolgende in ihr). Das ist, sagt es der Komponist im Programmheft, der Minotauros, die Gestalt des Bösen, die nicht mitchoreografiert wurde.

Körper gewordene Metaphern – Die tänzerischen Leistungen
In der Rolle des Ikarus brilliert der junge, sehr groß gewachsene Tänzer Floris Puts mit hoher Expressivität. Seine Darstellung changiert zwischen tastender Suche, jugendlichem Leichtsinn und ekstatischer Befreiungstat. Besonders in den Soli gelingt es ihm, das innere Ringen zwischen Angst und Aufbruch mit packender Körperlichkeit darzustellen. Jamal Uhlmann als Daidalos bildet dazu einen ruhenden, technisch überlegenen Gegenpol. Seine Bewegungen wirken kontrolliert, sind in Stein gehauene Gesetzestafeln. Zwischen den beiden entspinnt sich ein spannungsvoller Dialog: Aufstieg und Erdung, Empfindung und Gehorsam.
Das gesamte Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Trotz der komplexen Choreografie und der enormen körperlichen Anforderungen bleiben Tänzerinnen und Tänzer individuell stets erkennbar. Klassische Synchronizität wird zugunsten eines fein abgestimmten Nebeneinanders von Einzelfiguren aufgelöst. In den Gruppenpassagen entfaltet sich eine mitreißende Wucht, die dennoch Raum für poetische Einzelmomente lässt, beständig fließend, immer wieder überraschend.
Sinnbild und Sinnlichkeit – Bühne, Licht, Kostüm
Das visuelle Konzept – Bühne und Licht von Sakis Birbilis sowie Kostüme von Anastasios Sofroniou – unterstützt die emotionale Vielschichtigkeit der Inszenierung. Die Bühne erinnert mit ihrer runden, podestartigen Form an eine Arena. Oder einen Start- und Landepunkt für Helikopter. Ein Wort, das auf altgriechische „Flügel“ zurück geht und das Schicksal von Ikarus mitdenkt.
Flackernde Lichtgewitter, pulsierende Leuchtkreise und wandernde Lichtpunkte erschaffen Räume zwischen Vision und Realität. Im zweiten Teil des Abends dominiert das Bühnenbild die Sonne als Lichtskulptur und wird zum übermächtigen Symbol der Sehnsucht und Gefahr.

Auch die Kostüme tragen zur Charakterzeichnung bei: Ikarus in rot – weich, verletzlich, menschlich, vom Schnitt ist das Kostüm an die Karyatiden auf der Akropolis angelehnt. Alle die Rot tragen sind jung und Ikarus. Sie bedürfen unserer Hilfe auf der Suche nach dem eigenen Weg.
Daidalos im silbrigen Panzer der Raumflieger – rational, technisch, distanziert. Das Ensemble trägt Variationen in der Farbe Flugzeuggrau und übersetzt seinerseits die inneren Spannungen der Figurenwelt ins Äußere. Dieser belehrende Farbcode war als Zutat überflüssig.
Fazit – Länger ginge nicht
Mit „Ikarus“ gelingt dem Team um Andonis Foniadakis eine dichte, packende und zutiefst berührende Tanzproduktion. Der Abend verzichtet auf narrative Klarheit und lineare Erzählweise zugunsten einer emotional verdichteten Bewegungssprache von physischer Intensität. Er nähert sich dem Stoff über psychologische und visuelle Assoziationen. Musik, Bühne, Licht und Tanz verschmelzen zu einem Gesamtkunstwerk, das den Mythos als Spiegel gegenwärtiger Sehnsüchte und Gefahren lesbar macht.
Die Spieldauer von einer Stunde ist perfekt gewählt – nicht ein Moment wirkt redundant. Länger ginge aber auch nicht.
Annotation
“Ikarus ΊΚΑΡΟΣ”. Ballett von Andonis Foniadakis, Musik von Julien Tarride; Bühne, Licht: Sakis Birbilis, Kostüme: Anastasios Sofroniou, Xchange: Bettina Stieler
Uraufführung, ein Auftragswerk der Staatstheater Hannover
Besetzung
Ikarus: Fioris Puts, Daidalos: Jamal Uhlmann
Staatsballett Hannover
Credits
Premiere 7.3.2025; besuchte Vorstellung 1.5.2025; veröffentlicht 2.5.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig; Herausgeber Kunst und Technik Magazin
Fotos: © Carlos Quezada
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
