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Haptische Oper mit virtuellen Sounds

Haptische Oper mit virtuellen Sounds

Ludger Vollmers Vertonung von Dave Eggers‘ Bestseller “The Circle”am DNT Weimar.

Bei George Orwells Dystopie „1984“ dauerte es einige Jahrzehnte, bis die dargestellten Technologien für „Big Brother is watching you“ real werden konnten. Aldous Huxley beschrieb zwanzig Jahre nach der Erstausgabe in einem neuen Vorwort zu „Schöne Neue Welt“, wie viel sich aus seiner Fiktion über totalen Konsum und Genmanipulation bewahrheitet hatte.

von Roland H Dippel

Utopie oder Dystopie?

Im Fall von Dave Eggers‘ Roman „The Circle“, der bei seinem Erscheinen 2013 grobe Kritik für die als nebulös kritisierte Darstellung des Innenlebens großer Internet-Trusts erhielt, dauerte es nur sechs Jahre, bis beim Segment ‚Livestreaming‘ Science fiction zum Normalfall wurde.  James Ponsoldts Film bog 2017 das pessimistische Romanende sogar optimistisch um, indem er den Zwang zur totalen Transparenz auf die Bosse erweiterte und so als moralisch legitim wertete. Programmatisch konsequent brachte das Deutsche Nationaltheater Weimar im Rahmen seiner Themenstränge „Neuer Mensch“ und „Blühende Landschaften“ am 4. Mai die neue Oper von Ludger Vollmer (geb. 1961) in Anwesenheit des begeisterten Autors Dave Eggers zur Uraufführung. Der beeindruckende Großeinsatz gilt einem spannenden, bühnentechnisch ambitionierten und gerade durch seine ästhetische Labilität wichtigem Projekt.

Bemerkenswertes Resumé: Die Musik zu neuen medialen Genres und Online-Clips wie Werbespot, Livestream und Kurztipp ist nicht kompatibel mit dem haptischen Musiktheater alter Schule. Die schlicht „Oper“ genannte Vertonung von „The Circle“ fällt auseinander, weil Ludger Vollmer für jedes seiner Sujets eine spezifische Musikstruktur entwickelt. Vollmer ist ein Musiktheater-Könner – umso massiver trifft die bestechend und unterhaltsam ausagierte Schalheit dieser Uraufführung.

Humanoides Funktionsdesign

Andrea Moses tut fast nichts, um Motivationslücken der Figuren, die Tiina Hartmanns von der Regisseurin und Dramaturg Hans-Georg Wehner nachbereitetes Textbuch nur ansatzweise ausgleicht, zu schließen. Fast noch größere Bedeutung als die geradlinige Personenführung hat das Videodesign von René Liebert. Personenprofile, Firmenlogos, Posts liegen auf Wänden, Screens und Multichannels wie eine ergänzende polyphone Partitur über Vollmers Musik. Deren medienaffine Nichtpositionierung zeigt die Staatskapelle Weimar satt und flockig. Man vergisst die Präsenz dieses Firstclass-Liveorchesters im Flow des Geschehens. Um das zu verhindern, kommt auch der seine GMD-Jahre mit dieser Uraufführung finalisierende Kirill Karabits ab und an ins Video-Bild.

Mae (phänomenale Leistung der Weimarer Mezzo-Allrounderin Sayaka Shigeshima) schafft es durch ihre Freundin Annie aus einem für sie unzumutbaren Arbeitsverhältnis in den die Leistungen von Google, Facebook und Apple vereinenden Trust ‚The Circle‘. Dort macht sie eine beispiellose Karriere als betriebsinterne Influencerin, weil sie die Maxime „Privatsphäre ist Diebstahl“ authentisch und gewissenlos verinnerlicht. Als Trägerin einer immer auf Live geschalteten Kamera hat sie Myriaden von Followern.

Fummel-Sex im permanenten Livestream

Der Preis dafür ist Maes Kontaktverlust zu allen ‚echten‘ Personen – ihren Eltern (Chang-Hoon Lee, Anne-Kathrin Doormann), ihrem sich durch Selbstmord vor den ihn virtuell verfolgenden Massen rettenden Ex-Freund Mercer (Oleksandr Pushniak). Ohne dass es Mae bewusst wird, vereinzelt sie in ihrer Transparenz und neben ihrem an einer Livestream-kompatibel versteckten Ejaculatio praecox leidenden Lovers Frances (Jörn Eichler). „100%“ jubelt Frances über Maes gelogene Sympathiebekundung für ihn wie über einen Sechser im Lotto, sie freut sich über 1 Million Likes für den nicht vollzogenen Geschlechtsverkehr. Für die User an den Endgeräten ist Mae also transparent bis zu den Haarspitzen und Poren. Es wird zum inneren Höhepunkt der digitalen Handlung, wenn Mae zwischen acht Bildschirmen in Ekstase switcht und fast kollapiert – Hamster im Laufrad.

Ihre auf Happiness programmierten, mit ihren Jobs total verwachsenen Kolleg*innen, die immer mehr zum Mob degenerieren, sind Datenfutter: Bodywatch, Konsumentenbefragungen, Kundenbewertungen und amüsante Entertainmentevents löschen Individualitäten aus. Menschen werden zur manipulierten Herde. Für das Nervenzentrum des Trusts, den Wirtschaftstycoon Tom Stenton (Sebastian Kowski) und den flockigen Demagogen Eamon Bailey (Daeyoung Kim), gibt es wie für die vielen Episodenfiguren und die vom Opernchor des DNT in angemessener Neutralität dargestellten Niemands passgenaue Rollenvertreter. Raimund Bauers Bühne springt zwischen Bürodesign und haptischer Folklore. Viele Details von Svenja Gassens Kostümen signalisieren, dass die Identifikation für viele in der großen „The-Circle“-Familie neuen Halt und Verbesserung ihres Lebens bedeutet. Doch diese differenzierte Visualisierung bemerkt man erst im Verlauf der 150 Spielminuten.

 

Oper contra Online-Dramaturgie

Melodienstrom und instrumentales Fluidum nicht-digitaler Kommunikation sind auf wenige Szenen begrenzt, wirken wie Relikte einer aussterbenden Kultur. Vollmer drängt Heike Porstein und ihren dramatischen Koloratursopran aus dem in der traditionellen Oper selbstverständlichen Primadonnen-Status auf das Nebengleis der wichtigsten Nebenrolle: Annie, Maes Freundin und Kollegin, flieht am Ende ins Koma. Ty, der als einziger des Boss-Trumvirats noch humane Gesinnung zeigt und Mae in einem magischen Moment glücklich macht, ist ein zwar glanzloser, doch echter Countertenor (Ray Chenez).

Drei synthetische Glockentöne als lockender „The Circle“-Jingle, gefolgt von dunklem Paukengrollen aus den Eingeweiden der Datenbank. In vielen gesprochenen Dialogen und musikalisch ausgezehrten Szenen vereist diese Oper. Vollmers Partitur folgt mit Ausnahme weniger emotionaler Krisenherde genau den als effizient gerühmten Verkürzungsstrategien für Social Media und Business. Ablehnung als Selbstschutz: Nach der Pause war das DNT etwas leerer, weil man diese ästhetisch-formale Herausforderung als mangelhafte Kreativität verstand. Denn Vollmer zeigt auch den Sieg des schleichend Antihumanen und des uniformen Durchschnitts ohne verklärende oder Widerspruch herausfordernde musikalische Transformation. Dafür braucht man als User vor allem funktionstüchtige Abwehrmechanismen.

 

Annotation:

Besuchte Vorstellung: Fr 10.05.2019, 19:30 Uhr; veröffentlicht 15.5.2019;  Deutsches Nationaltheater Weimar (Premiere: 04.05.2019): The Circle (UA). Kompositionsauftrag des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Wieder am 24.05./19:30, 09.06./18:0, 20.06./19:30 und in der Spielzeit 2019/20 am 27.09./19:30, 05.10./19:30, 20.10./16:00, 16.11./19:30, 06.12./19:30 – www.nationaltheater-weimar.de

Musikalische Leitung: Kirill Karabits, Inszenierung: Andrea Moses, Bühne: Raimund Bauer, Kostüm: Svenja Gassen, Video: René Liebert, Chor: Stellario Fagone – Sayaka Shigeshima (Mae), Heike Porstein (Annie), Oleksandr Pushniak (Mercer), Jörn Eichler (Francis), Ray Chenez (Kalden / Ty), Daeyoung Kim (Eamon Bailey), Sebastian Kowski (Tom Stenton), Heain Youn (Dr. Villalobos), Gisela Boigk (Senatorin Santos), Jens Schmiedeke (Dan), Chang-Hoon Lee (Maes Vater), Anne-Kathrin Doormann (Maes Mutter), Annegret Schodlok / Tatjana Winn (zwei Cherokee-Frauen), Xiaoyu Wei (Alistair), Soyoung Park / N.N. (Denise), Chong Ken Kim (Josiah), Silvia Schneider / Soyoung Park (Helena), Susann Günther (Gretchen Karapcek), Klaus Wegener (Theologe), Karine Minasyan (Kundin 1), Rita Feuerherdt (Kundin 2), Taehwan Kim (Kunde 1), Jong-Kwueol Lee (Kunde 2), Walter Farmer Hart (Jasper), Opernchor des DNT, Herren des Extrachors aus Studierenden der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Staatskapelle Weimar, Statisterie des DNT

 

Was noch:

Im Spielplan: A Clockwork Orange nach Anthony Burgess mit Songs der Gruppe Rammstein

 

Credits:

alle Fotos: © DNT

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