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Leipzig: Fantasie von der ewigen Jugend

Leipzig: Fantasie von der ewigen Jugend

Richard Strauss „Der Rosenkavalier“ erregend wie nie auf der Opernbühne am Augustusplatz zurück

Sich hier über die Neuinszenierung der Richard-Strauss-Oper „Der Rosenkavalier“ in Leipzig zu äußern, ist gar nicht so einfach. Es gibt zu viele Details zu loben, zu viele große Linien zu bedenken und zu viele schöne Stimmen zu würdigen, um das in gebotener Kürze hinzubekommen. Außerdem gibt es – selbstredend – einige wenige kritische Anmerkungen.

Von Moritz Jähnig

Solen Mainguené als Marie-Theres in einem im schönsten Jugendstil dekorierten Boudoir.

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben, unterstütz von Harry Graf Kessler, das Stück 1910 bühnenfertig gehabt. 1911 konnten sie endlich es mit zahlreichen von der Dresdner Zensur veranlassten Änderungen im Königlichen Opernhauses herausbringen.

Drei Jahre nach der Dresdner Uraufführung entbrannte der Erste Weltkrieg, der den Untergang der Donaumonarchie und der im Libretto kritisch dargestellten Gesellschaft brachte.

„Der Rosenkavalier“ sollte – nach den dramatischen Stoffen „Elektra“ und „Salome“ – eine „Komödie mit Musik“ sein. Seine Schöpfer werfen darin einen deutsch-österreichischer Blick auf die Verhältnisse und die Moralvorstellungen der Vorkriegszeit in den deutschsprachigen Monarchien.

Die Welt als realitätsnahe Phantasie

Durchgespielt und festgemacht wird das Spiel im Jahr 1840 in einer so nie existent gewesen, phantasievoll prallen und bunt ausgemalten Kaiserin-Maria-Theresia-Epoche. Vieles darin ist pure Dichtung und Kunst: das im Stück gesprochene „typische“ Wienerisch ist ein gedrechseltes Kunstprodukt, die glaubhaft-süße Mär vom Entsenden der Rosenkavaliere gab es nie, könnte es aber gegeben haben.

Neureiche Wirtschaftsmagnaten á la von Faninal, die ihre wohlerzogenen Töchter des Prestiges wegen an ruppige Vertreter des runtergekommenen Landadels zu verheiraten suchen, hat es im Österreich des alten Kaiser Franz Josef wohl nicht zu knapp geben. „Was erzürn ich mich denn“, kommentiert die Marschallin die herrschenden Zustände, „ist doch der Lauf der Welt“.

Szene mit Solen Mainguené (Marschallin) und Štĕpánka Pučálková (Octavian) v.l.

Hoch mögende Damen der Gesellschaft wie sie, die in gebotener Heimlichkeit Affairen mit sehr jungen Männern haben, ebenfalls. „Ist kein Geheimnis unter Personen von Stand“.

Genauso gab und gibt es immer abseitige Lokalitäten für Geschäft und sexuelle Abenteuer, wenn sich auch eine echt „Wiener Maskerad“ heute eine „besoffne Gschicht“ nennt.

„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“

Zum Heulen schön sind die Sentenzen der Marschallin als reifer Frau über die Macht der Zeit, der wir uns alle zu beugen haben. Hofmannstahls Libretto nimmt mehrfach das Thema Zeit auf. Das Leipziger Konzept untersucht an die Figuren des Lustspiel exempalisch die Wirkung von Zeit auf die Menschen. Im Libretto satirisch aufgespießten Zeiterscheinungen aus dem J und zuahr 1840 oder 1910 werden näher an uns herangerückt. Das funktioniert unterschiedlich gut. So passt das freche Betragen der von Lerchenauschen Livree glaubhaft im 2. Akt in die Zeit „vor dem Umbruch“ der 30er Jahre. Nicht überzeugen kann die Umbruchszeit der 80er Jahre (in der DDR) im 3. Akt. Aus dem Wiener Baisl wird eine irgendwie ungemütliche Absteige mit Münztelefon im Schlafzimmer und Badewanne im Alkoven, irgendwo im Nirgendwo.

Mathias Hausmann (Faninal) im 3. Akt

Sehr gelungen sind die sich verändernden Masken. Bei dieser Reise rieselt sie in den Gesichtern, bis auf die der Liebesleut. Denn die Liebe währet immerdar, wie jeder weiß.

Einfallsreiches Spielgeschehen

Den operettenhaften Lustspielcharakter des Stückes bedienend läßt das Regieteam Martin Schulz (Regie), Dirk Becker (Bühne) und Renée Listerdal (Kostüme) das Ensemble spielen. Während des Leve des Marschallin kann man links und rechts neben dem Schlafgemach in die Vorsäle und ins Stiegenhaus schauen, alles prachtvoll im Jugendstil möbliert und dekoriert. Für dieses Bühnenbild und gediegen schönen Kostüme darf man in unserem ausstattungsscheuen Theaterjahrzehnt dankbar sein. Sie machen, gemessen auch an der konventionellen Vorgängerinszenierung von Alfred Kirchner (1998), zum errregenden Erlebnis.

Ständig wuseln die Komparserie und der spiellaunige Chor (vorbereitet von Thomas Eitler-de Lint) mit abseitigen kleinen Dramen beschäftig durch die Szene und gestalten den mit viereinhalb Stunden langen Abend theatralisch unterhaltsam und schön. Im Hause Faninal richten kurz vor Auftreten des Bräutigams die Handwerker sorgfältigst ein Drehpodest ein, auf dem Sophie als Braut wie eine Ware nofferiert wird. Diese grausamen Moment kippt die Regie in die Farce. Der Haushofmeister kommt mit der Bedienung nicht klar und die Technik spielt verrückt.

Tobias Schabel als Ochs zu Lerchenau

Der sich schwer verletzt gebende Baron Ochs wird vom herbeigerufenen Doktor nur mit einem klitzekleinen Pflaster versorgt. Anerkennung an dieser Stelle für den spielerisch wie gesanglich bestens vorbereiteten Kinder- und Jugendchor der Leipziger Oper (Sophie Bauer). Ebenso für den Mohamed (Fritz Rösch), der viele kleine Auftritte bekommt.

Bewunderswerter Schönklang

Eine Vorstellung einer Richard-Strauss-Oper steht und fällt mit der Besetzung. Die junge Marschallin, Solen Mainguené, der auch überwältigend darstellender Octavian, Štĕpánka Pučálková und die junge, silbern-klar singende Sophie, Olga Jelínková, strahlen am Augustusplatz nicht nur gemeinsam in dem berühmten Terzett 3. Akt, sondern jede für sich in bewundernswertem Schönklang. Zu dieser sängerischen Ausgeglichenheit passt der nassforsche und als Greis später fast zu bedauernde Baron Ochs, Tobias Schabel, hier in Leipzig als spielgewandter Bassbuffo mit dunklem Fundament. Mathias Hausmann verleit den eigentlich von den gesellschaftlichen Anforderungen überforderten Faninal baritonale Würde. In Erinnerung bleiben wird unbedingt das mit tadellosem Tenor abgelieferte darstellerische Kabinettstück, das Piotr Buszewski als Sänger zum komödiantischen Gesamteindruck beiträgt. Viele weitere exzellente Einzelleistungen im Ensemble und Chor.

In der von uns besuchten zweiten Vorstellungen mischten sich in den Schlussapplaus vereinzelte matte Buhs für das Gewandhausorchester unter der animierten Stabführung von Christoph Gedschold, der an diesem Abend in bewährter Weise für eine ausgeglichene Klanglichkeit und Transparenz stand. Vom ersten Takt der Ouvertüre an legte er Tempo vor. Ein Versinken im Ungewissen, das möglicherweise erwartete geschmeidige Einswerden im Dreivierteltakt war nicht gewollt. Zur Bühne hin gab der Musikdirektor von Leipzigs Oper auch in den quirligsten Aufmärschen der Szene musikalische Struktur und den Solisten Halt.   

Annotation

“Der Rosenkavalier”, Oper von Richard Strauss, Libretto Hugo von Hofmannsthal. Oper Leipzig. Musikalische Leitung Christoph Gedschold, Inszenierung Michael Schulz, Bühne Dirk Becker, Kostüme Renée Listerdal, Licht-Design Susanne Reinhardt, Dramaturgie Kara McKechnie, Choreinstudierung Thomas Eitler-de Lint, Einstudierung Kinderchor / Jugendchor Sophie Bauer, Chor und Kinderchor der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig,  Gewandhausorchester

Besetzung

Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Solen Mainguené, Der Baron Ochs auf Lerchenau: Tobias Schabel / Yorck Felix Speer, Octavian, genannt Quinquin: Štĕpánka Pučálková / Gabrielė Kupšytė, Herr von Faninal: Mathias Hausmann, Sophie: Olga Jelínková / Samantha Gaul, Jungfer Marianne Leitmetzerin: Caroline Stein, Valzacchi: Álvaro Zambrano / Paul Kaufmann, Annina: Ulrike Schneider, Ein Sänger: Piotr Buszewski, Ein Polizeikommissar: Peter Dolinšek, Der Haushofmeister der Feldmarschallin: Ervin Ahmeti, Der Haushofmeister bei Faninal: Gregor Reinhold, Ein Notar: Roland Schubert, Ein Wirt: Dan Karlström, Adlige Waise: Itto Bakir, Adlige Waise: Rachel Ridout, Adlige Waise: Lena Herrmann, Eine Modistin: Carmen Boatella, Ein Tierhändler: Ruben Olivares, Lakai: Jin Young Jang / Hunyoung Choi, Lakai: Máté Gál / Tae Hee Kwon, Lakai: Vincent Turregano / Marian Müller, Lakai: Klaus Bernewitz / Frank Wernstedt, Kellner: Michael Chu / Jin Young Jang, Kellner: Ruben Olivares / Máté Gál, Kellner: Marian Müller / Vincent Turregano, Kellner: Frank Wernstedt / Kwangmin Seo, Hausknecht: Frank Wernstedt / Klaus Bernewitz, Leopold: Niklas Sievers / Johannes Gransee, Mohammed: Fritz Rösch / Leopold Görmar

Premiere 30.3.2024; besuchte Vorstellung 6.4.2024; veröffentlicht 7.4.2024; aktualisiert 8.4.2024, 11:00 Uhr

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker und Herausgeber, Leipzig

Fotos: ©  Kirstin Nihjof

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