Semyon Bychkov dirigierte zwei musikalisch elegante Ballettgesten von Strawinsky und Tschaikowski
Die Großen Concerte in der vergangenen Woche ließen Kompositionen von Igor Strawinsky und Peter Iljitsch Tschaikowski erklingen und wollten neben der Fortsetzung der Pflege russischer Kompositionen im Konzertprogramm einen kleinen Link – wie man sagt – zur Ballett- und Bühnentanzmusik ziehen. Die getroffene Auswahl ist interessant.
Von Moritz Jähnig
Zwischen Konzertsaal und Ballettbühne
Wobei noch interessanter zu wissen wäre, was ursprünglich intendiert war. Ergänzt Tschaikowskis 3. Sinfonie die berühmte „Pulcinella“-Musik von Strawinsky, oder suchte die Dramaturgie eher eine Aufwertung für den „Pulcinella“-Vortrag? Immerhin hatte die Ballettmusik erst- und letztmalig 2007 unter Riccardo Chailly Gewandhausehren erfahren. Es wurde also Zeit, wie dieser Abend unter dem dem Spiel hingegebenen Dirigat von Semyon Bychkov lehrte.
„Einfach“ – ein missverstandenes musikalisches Urteil
Wir meinen Letzteres, denn schon die Einführung vor Konzertbeginn klassifizierte die 1919 entstandene und uraufgeführte 40-minütige Komposition als „einfach“. Jede Sinn- und Hintersinnsuche sei müßig, weil zwecklos. Bei einem solchen Ansatz versteht sich die lehrbuchhaft konstruierte 3. Sinfonie dann eher als Aufwertung denn als inhaltliche Ergänzung.
Das schöne deutsche Wort „einfach“ geht auf „einfältig“ zurück und hatte ursprünglich nicht den abwertenden Klang, der heute häufig mitschwingt. „Einfältig“ meint „nur einmal gefaltet“, „aus einem Stück“. In diesem Sinne kann es durchaus ein Qualitätsmerkmal sein.
Commedia dell’arte in 19 musikalischen Szenen
Pulcinella gliedert sich in 19 Nummern – was auf Vorgaben des Theatermanagers Sergei Diaghilev zurückgeht, der die ganze Wiedererweckung sogenannter Original-Pergolesi-Musik finanzierte. Es handelt sich um Instrumentalsätze (Ouvertüre, Sinfonias), Arien und Ensemblesätze für Solisten (Sopran, Tenor, Bass) sowie weitere Tanz- oder Intermezzo-Sätze. Jede Nummer ist in sich abgeschlossen, folgt aber dramaturgisch der Commedia-dell’arte-Handlung der Vorlage.
Gerade dieser Welt gilt wohl zuvörderst das Verdikt „einfach“, meist in abwertendem Sinn gemeint. Doch ihre Dramen von Liebe, Eifersucht, Prahlsucht und Ranküne, die Figuren um Harlekin und Colombine, sind alles andere als simpel. Gerade deshalb sind sie unsterblich – und tauchen unvermittelt, etwa in Gestalt eines Il Dottore, bis heute in unserem Alltag auf.
Strawinskys neoklassizistische Verwandlung
Igor Strawinsky bereitete für die Ballets Russes diese Nummern neu auf und ordnete sie zu einem zusammenhängenden Konzertballett. Semyon Bychkov verlieh dem Werk in seiner Interpretation durch differenziertes Spiel, durch Betonung der wechselnden Tempi zwischen den Nummern und durch sorgfältige Dynamik eine spürbare Bewegung und fast szenische Handlung.
Die Damen und Herren mit solistischen Instrumenten traten dialogisch aus dem Ensemble hervor und wurden wieder in den Gesamtklang integriert. Das Gewandhausorchester musizierte dabei in Concerto-grosso-Besetzung und folgte damit genau den ästhetischen Ansprüchen Strawinskys.
In konzertanten Aufführungen zeigt sich die barocke, von Strawinsky weitgehend unangetastet belassene Struktur besonders deutlich. Concerto grosso bedeutet Bewegung, ständiges Hin und Her, musikalisches Spiel. Die in das Werk aufgenommenen Arien fügten sich – hier in einem unaufgeregten, jeweils bei sich bleibenden solistischen Vortrag – in den alles Bravouröse vermeidenden Aufführungsstil des Abends: weniger orchestrale Klangfülle als vielmehr ein transparentes, kammermusikalisch bewegliches Wechselspiel der Stimmen.
Ironische Brechungen in barocker Eleganz
Bychkovs Interpretation machte deutlich, wie stark Strawinsky im historischen barocken Modell verwurzelt bleibt und es zugleich verfremdet. Das Tändelnde des Rokoko tritt zurück, die Harmonien werden schärfer, die Rhythmik kantiger. Die scheinbar galante Oberfläche wird immer wieder von ironischen Brechungen durchzogen – darin liegt Strawinskys Meisterschaft.
Strawinsky war 37 Jahre alt und durch seine Ballette Feuervogel, Sacre du printemps und Petruschka bereits ein berühmter Mann. Im Schweizer Exil lebend und vom Zeitgefühl nach dem Ersten Weltkrieg geprägt, wandte er sich künstlerisch vom großen romantischen Orchesterwerk ab und griff auf die „klassische“ Vorlage Pergolesis zurück. Er deutete sie um – in jenem Stil, den wir heute neoklassizistisch nennen: neu, klar, bewusst reduziert.
Tschaikowskis Sinfonie als tänzerischer Gegenpol
Der Gesamteindruck des ersten Konzertteils war bei aller kammermusikalischen Beweglichkeit von Bescheidenheit geprägt. Danach rauschte Tschaikowskis selten zu hörende 3. Sinfonie über das Publikum hinweg. Sie wirkt nicht zufällig ungewöhnlich tänzerisch: Mit Walzer und Polonaise enthält sie gleich zwei klassische Tanzformen. Die rhythmische Bewegungsenergie der Sinfonie lässt bereits jenen choreografischen Instinkt erkennen, der zwei Jahre später im vollendeten Ballett Schwanensee zur Entfaltung kommt. So hörte man im Gewandhausorchester den Walzer im zweiten Satz klanglich deutlich akzentuiert.
Die mit Beifall gewürdigte Aufführung zeigte so ganz nebenbei die Bedeutung, die Strawinskys persönliche Reform damals im kunstquirligen Paris hatte – als Pablo Picasso das Bühnenbild für die Balletturaufführung von „Pulcinella“ entwarf und der große Tänzer Léonide Massine der Tanz- und Musikwelt die Choreografie schenkte.
Anerkennung für diesen Themenabend und Dank an Semyon Bychkov für diese Einsichten.
Credits
besuchtes Konzert 12.3.2026; veröffentlicht 13.3.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: PR Gewandhaus Leipzig / R_JENSGERBER_website
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