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Leipzig: Maybe This Time

Leipzig: Maybe This Time

Musikalisch mitreißende Inszenierung von John Kanders Musical „Cabaret“ am Schauspiel Leipzig

Derzeit tut sich ungeheuer viel im Musiktheater Leipzigs. Fast will man sich die Augen reiben. Das Opernhaus nutzt sein gerade ausgeräumtes Parkett für zwei inszenatorisch genial gemache zeitgenössische Operneinakter und das Schauspiel trumpft mit einem englischen Musical prall voll Gesang und Tanz auf, dass der traditionsstolze Messestädter erst einmal in der von allen heiß geliebten Muko erwarten würde.

Von Moritz Jähnig

„Cabaret“ in Leipzig bereits zweimal in der Dreilindenstraße Triumpfe: 1977 in der Regie von Jörg Kaehler mit dem singenden Schauspieler Karl Zugowski als mephistophelischem Conférencier, der vor dem Hintergrund einer die Beine in sagenhafte Höhe werfende Kit-Cat-Girl-Strecke das Grauen an sich personifizierte.

Anders die Inszenierung von Wolfgang Lachnitt 2009, die kein diabolisches Fatum, sondern, weit gefühliger, die tragische Liebe von Fräulein Schneider und Herrn Schulz (Karl Zugowski) in den Mittelpunkt rückte.

Erinnert man sich außerdem an den Film von 1972 mit Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles wird klar, in welche großen Fußstapfen jede Neuinszenierung in Leipzig steigt.

Ganz schlichte Geschichten

„Cabaret“ ist ein Musical von Joe Masteroff, das auf dem Drama „I Am a Camera“ von John van Druten basiert. Die Handlung spielt im Berlin der späten 1920er Jahre. Sie dreht sich um das Schicksal von Sally Bowles (Anna Maria Sturm), einer exzentrischen und verführerischen Tänzerin, die im „Kit-Kat-Club“ arbeitet. Sally hat eine Beziehung mit Cliff Bradshaw (Thomas Braungardt), einem jungen amerikanischen Schriftsteller, der nach Berlin kommt, um Inspiration für sein Schreiben zu finden.

Während sich die Beziehung zwischen Sally und Cliff entwickelt, erleben die beiden Ausländer die heraufsteigende nationalsozialistische Bedrohung in Deutschland. Der Kit-Kat-Club bietet ihnen einen Fluchtpunkt vor der gefährlichen Realität. Der Conférencier des Klubs (Dirk Lange), eine faszinierende und provokative Figur, fungiert als Erzähler und steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. In Netzstrumpfhosen heißt er alle willkommen, knutscht jedermann-frau und hat schon die Unform für die Zeitenwende im Koffer. Dabei mitzutun hält er nach anfänglichem Widersterben für seine nationale Pflicht. Genauso wie

wie das Fräulein Koste (Sonja Isemer) und ältliche Pensionswirtin Fräulein Schneider (Julia Berke). Vor die Entscheidung zwischen spätem Glück und Anpassung gestellt, gibt sie dem jüdischen Gemüsehändler Herrn Schultz (sehr differenziert Christoph Müller) den Laufpass. Schließlich hält auch die Liebe zwischen Sally und Cliff der autoritären Gewalt nicht stand. 

Wo Masteroff und Christopher Isherwood über Ereignisse zwischen den Weltkriegen erzählen, zieht die Regie von Hubert Wild (Dramaturgie Georg Mellert) die Aufmerksamkeitslinie hin zum Hier und Heute. Es geht um Entscheidungen, bis wie weit man aus persönlicher Not Handlanger einer autoritären Gewalt sein kann, bis wie weit man mitmacht oder Konsequenzen zieht und geht.

Musik dominiert die Aufführung

Hubert Wild ist ein Musical-erfahrener Regisseur, er hat „Lazarus“ von David Bowie am Schauspiel Leipzig zu einem Knaller macht. Das im Verein mit dem Komponisten und Musiker Stefan König am Piano, der auch diesmal den Abend schwungvoll und wirkungssicher musikalisch leitet. König und seine neun Musiker rollen einen jazzigen Klangteppich aus. Ihre Theatermusik agiert als selbstständige Größe.

John Kanders Hit-Folge in „Cabaret“ hat per se etwas Soghaftes. Das verstärkt König nicht über Gebühr. Die Interpretation will kein Publikum aus den Sitzen reißen und rhythmisch mitklatschen lassen – höchstens in Maßen. Die musikalische Interpretation eröffnet Räume und bietet Atmosphären an. Bei den manchmal schnellen Szenenwechseln und Brüchen verbindet sie helfend.

Auch der Bühnenbau mit dem sich drehen Gestell unten dem die Musiker in irre bunten Kostümen sitzen und einer großen Showtreppe erinnern an die „Lazarus“-Inszenierung von Wilde (Susanne Münzner). Warum nicht. Überraschende Lichtkegel überhöhen manche Songs oder alles wird in gedimmter Intimität nahe ans Publikum gerückt (Licht Veit-Rüdiger Griess). Ob es bei „Vaterland, Vaterland…“, frösteln machend gesungen von Joshua Dahmen, zusätzlicher Videoprojektion so beliebiger Bilder aus der europäischen Tierwelt oder später von Meereswogen Not tat, sei dahingestellt. Der Stil der Ausstattung versetzt alles in eine knallig bunte, theatrale Welt. José Lunas Kostüme sind reizvolle Pappmachè-Erotik, Nacktheit für den Kindergeburtstag. Das genügt.

Aber dann vertraut die Regie der Pappe doch wieder nicht wirklich und holt sich Unterstützung aus einer anderen Sparte der Unterhaltungshaltungsindustrie. Als Einlage wird eine perfekte Burlesquetanz-Nummer geboten, der allen Bekanntschaft mit Mama Ulita beschert, der sie noch nicht in ihren eigenen Programmen erlebt hat. 

Gelungen ist ein schwungvoller, unterhaltsamer Theaterabend, der nicht kalt lässt und wie seine genannten Vorgänger in Erinnerung bleibt.

Weitere Vorstellungen: 17.11., 07.12., 31.12.

Annotation

„Cabaret“. Musical von Joe Masteroff, John Kander und Fred Ebb, nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood. Schauspiel Leipzig

Musikalische Leitung: Stephan König, Regie: Hubert Wild, Bühne: Susanne Münzner, Kostüme: José Luna, Choreographie: Sommer Ulrickson, Choreografische Mitarbeit: Melanie Rainer, Korrepetition: Sarolta Boros-Gyevi, Vocal Coaching: John Lehman, Dramaturgie: Georg Mellert, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Videotechnik: Robert Gotthardt, Ton: André Rauch, Udo Schulze, Heribert Weitz, Video: Heta Multanen. Orchester Klavier: Stephan König, Reed I: Georgios Kontomichalis, Reed II: Lukas Diller, Reed III: Johannes Moritz, Trompete: Konrad Schreiter / Luke Strange, Posaune und Tuba: Matthias Büttner / Hans-Martin Schlegel, Schlagzeug: Dominique Ehlert / Andreas Schwaiger, Percussion: Pierre Langrand, Gitarre & Banjo: Rüdiger Krause / Patrick Schanze, Kontrabass: Maximilian Müller / Luca Genze; Besetzung Dirk Lange als Conférencier, Anna Maria Sturm als Sally Bowles, Thomas Braungardt als Clifford Bradshaw, Wenzel Banneyer als Ernst Ludwig, Julia Berke als Fräulein Schneider, Christoph Müller als Herr Schultz, Sonja Isemer als Fräulein Kost, Bruno Akkan als Bobby, Joshua Dahmen als Victor, Paula Winteler als Deutscher Zollbeamter, Bruno Akkan, Louise Sophie Arnold, Joshua Dahmen, Friederike Kury, Lilly Ketelsen, Emmeline Puntsch, Sonya Sytnyk, Maciej Sado (Dance Captain), Paula Winteler als Kit-Kat-Girls- und Boys, Miltiadis Tzimourtos als Clubgast, Mama Ulita als Burlesquetänzerin

Credits

Premiere und besuchte Vorstellung 29.09.2023; veröffentlicht 08.11.2023; weitere Vorstellungen 17.11., 07.12., 31.12.

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker und Herausgeber, Leipzig

Fotos: © Rolf Arnold

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