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Leipzig: UA UA UA – Spekulette sich, wer kann!

Leipzig: UA UA UA – Spekulette sich, wer kann!

Des Schauspiels lange Zunge zum Schokokeks: „Für meinen Bruder“.

UA UA UA sind keine Affenschreie, sondern die theatertechnische Abkürzung für Uraufführung. Auf dem Spielplan der Diskothek wird man des Kürzels immer wieder ansichtig, erhofft sich wohl davon die Leitung des Leipziger Schauspiels Bedeutung über sich hinaus und Lob ob Innovation und Autorenförderung. Über solches Stückgut jedoch hat man die Theaterinteressen heimischer Besucher, scheint’s, völlig vergessen.

Den Rezensenten überzeugte (fast) keine der bislang in Auftrag gegebenen UA. Am 16. April lud man zur Nächsten: Auch diese gezeigte Erstinszenierung konnte den gewohnten Eindruck leider nicht korrigieren. So wird’s meine Letzte.

Emilia Pöyhönen schreibt unterm Namen E. L. Karhu und gehört in Finnland zu den maßgeblichen Stimmen ihrer Generation. Stücke der 38jährigen wurden in Schweden, Russland, Kanada und Australien erfolgreich inszeniert. Am Schauspielhaus in Leipzig erlebte „Prinzessin Hamlet“2017seine deutsche Erstaufführung und „Eriopis“ 2020 die UA. Nun verfasste Karhu als Auftragswerk fürs Leipziger Schauhaus den Monolog „Für meinen Bruder“. Wobei der Titel in die Irre führen kann, denn weder ist das Stück ein Liebesgeständnis á la „Für Elise“ oder „Pour Adeline“, noch ein Festtagsbriefchen für Verwandte „Für Mutti zum Muttertag“ rsp. Vater- oder Geburtstag, noch ist es ein Testament „Für meine Erben“.

Es wurde schlicht die falsche Präposition gewählt, „Über meinen Bruder“ hätte es heißen müssen und erzählt eine banale Geschichte: Vor Einsamkeit und Frust und eingebildeter Hässlichkeit schleckt sich die Molly-Sister einen Fettwanst an, während sich Brüderchen im Nachbarzimmer durch die Damenwelt vögelt. Diese Spekuletten muss die Dicke von dannen treiben, weil ihr allein das Brüderchen gehört. Der Ausdruck Spekulette ist weder dem Speck der Damen (sie scheinen allesamt apart) noch dem Lotterbett-Spektakel geschuldet, es gilt der Spekulation auf ein längerfristiges Verhältnis mit ihrem Bruderherz. Weiber, die sich übers Maß hin intrigant benehmen, nennt die Dicke Raffinetten. Eines Tages hat’s Brüderchen satt und schmeißt das Schwesterchen raus. Daraufhin veranstaltet diese mit Lena (einer abgelegten Spekulette) Diskos im Walde. Bis Lena trotz aller Liebe ihren „Tomatenpflänzchen“ mehr Aufmerksamkeit widmet als Molly. Am Ende hat sich’s Dickerchen mit der Welt aber versöhnt und ist selbstständig geworden. Welche Dramatik!

Das Gejammere wird dem Zuschauer in Schwesterchens Monolog vorgetragen. „Für meinen Bruder“ sagt sie, was nochmals keinen Sinn hat: Brüderlein war doch dabei, warum sollte er sich sein Leben vom Schwesterlein vorgetragen nochmal anhören müssen? Dabei ist Karhus Text beileibe nicht ungeschmeidig und würde gut in den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb für neue Belletristik passen. Aber dramatisch isser eben nicht. Dieses Manko erkennend, setzt die newgekommene Regisseurin Elsa-Sophie Jach die Protagonistin gender- und hautfarbengerecht viermal auf die Bühne und lässt die Darsteller*innen mal solo, mal doppelt, mal im Chore parlieren. Das tun die vier Schwestern Amal Keller, Teresa Schergaut, Thomas Braungart und Patrick Isermeyer akustisch brillant. Die Bühne hat Marlene Lockemann sehr peppig gestaltet: Aus löchrigen Zähnen schlängelt sich eine Zunge zum Keks aus der Prinzenrolle. Dessen oberer Teig hebt und senkt sich, und die Schokofüllung wird als Drehscheibe genutzt. Gleichermaßen passend sind die grellen Kostüme von Aleksandra Pavlović, deren schreienden Farben knallbunte Plasteteilchen anhaften. Das hat was. Doch unterstützen nun weder die Zungenrutschbahn, Wassergymnastik noch Technogedröhn die Lebensbeichte der dicken Frau. Man fragt sich, was soll’s?

Betrachte ich, Henner Kotte, des Schauhauses Spielplan der nächsten Wochen, kann ich zu keinem Stücke wohl sagen: Leute, da müsst ihr hin! Vielleicht ist’s ein Problem meines Geburtsjahrs, und das Theater will nur die Hippen begeistern, die bei Sätzen wie „Die Spekulette sagt, sie gehe sich pudern, dabei geht sie Kacken“ sich ausschütten vor Lachen. Ich habe Stadttheater immer als Schauspiel für alle verstanden. Das sieht das Schauhaus offensichtlich anders, präsentiert stolz UA UA UA und dramatisiert ganze Bibliotheken. Das ergibt für mich alten Meckersack keinen Theatersinn, da macht er sich OFF und kommt nicht wieder.

Henner Kotte

ANNOTATION

Für meinen Bruder“ (UA) von E. L. Karhu, Deutsch von Stefan Moster. Auftragswerk des Schauspiel Leipzig. Spielstätte: Diskothek. Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Marlene Lockemann, Kostüme: Aleksandra Pavlović, Musik: Max Kühn, Dramaturgie: Georg Mellert, Licht: Thomas Kalz.

Besetzung: Thomas Braungardt, Patrick Isermeyer, Amal Keller, Teresa Schergaut

Premiere und besuchte Vorstellung 16.04.2022; veröffentlicht 18.04.2022

weitere Vorstellungen 28.04., 20.05.

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CREDITS

Foto: © Rolf Arnold

Text: Henner Kotte: freier Theaterkritiker und Autor, Leipzig

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