36. euro-scene 2026
„Trailer Park“, tanzmainz / Moritz Ostruschnjak (Mainz)

Wir schimpfen hilflos darüber, dass die Jugend am Handy sitzt, wischt und wischt und diesen Schein von Realität konsumiert, ohne vor- und zurückzusehen. „Leg doch endlich mal das Handy weg!“ tanzmainz hat für seine Produktion zum Handy gegriffen.
Von Moritz Jähnig

Nummerngirl und Dosenpfand
Aus unscharfem Schwarz tritt ein lustig wirkender Tänzer nach vorn ins grelle Frontlicht an der Bühnenrampe. Dort lässt er wie ein Nummerngirl die Arme schlenkern, als gälte es, den Mainzer Rosenmontagsumzug zu eröffnen. Auch in Leipzig gluckst der Saal auf Anhieb einvernehmlich. Nach und nach lösen sich weitere Körper aus dem Dunkel. Es erscheinen neun Tanzende in überweiten, grellen Sporttrikots, beklebt mit Markenlogos.
Als Bühnenbild und zugleich Requisite braucht es nur Getränkedosen. Sie stehen am Rand, manchmal werden sie balanciert und präsentiert oder zischend geöffnet und getrunken.

Gesten aus dem Feed
Die Tanzenden blicken ins Publikum, nicht wirklich aneinander vorbei, sondern voll konzentriert auf uns. Was sie zeigen, kennt jeder vom Smartphone: Handzeichen aus dem Rap, der Schmollmund fürs Selfie, die Geste des Torjubels oder der grenzenlosen Wut. Alles ist brutal schnell, dicht – und unwichtig, so flüchtig wie ein Daumen, der über das Display wischt.
Den Klangraum dafür erschaffen ausschließlich Gesangsnummern. Zum Doppelspagat zweier Männer erklingt „Es muss ein Wunder geschehen“, verzerrt und zerrissen, als sei die Aufnahme zu oft kopiert worden. Die beiden halten sich dabei an den Händen und rücken nah zusammen. Doch diese Nähe ist keine Zuwendung, sie gehört zur Karikatur, die sie zeichnen. Zwei zeigen uns, wie Nähe aussieht, wenn man sie nachstellt. Es ist das Bild einer Berührung, nicht die Berührung selbst.
Später legen sich zwei Tänzerinnen balancierend auf je sieben Getränkedosen und singen „Over the Rainbow“, das Lied von der Sehnsucht nach einem besseren Ort, vorgetragen auf wackeligem Blech. Das ist der zarteste Moment, den der Tanzabend „Trailer Park“ gestattet. Jede Tänzerin bleibt dabei auf ihren Dosen für sich. Sie singen uns an, sie singen nicht zueinander.

Berührung als Pose
Auffällig ist vor allem, was fehlt. Es gibt in den 60 Minuten Tanz in unterschiedlichsten Stilen keine Hebung. Es gibt keinen Pas de trois, kein Paar, in dem einer führt und der andere folgt. Wo der Gedanke an Nähe aufkommen könnte, wird die Bewegung karrikiert. Wo sich Gruppen formieren, dient das der Abbildung von Arbeit: Ein Bewegungsmuster wird aufgenommen, weitergereicht und abgelegt, wie ein Prozess am Fließband. Niemand trägt jemanden, niemand fängt jemanden auf, kein Körper stützt einen anderen. Wo Hände sich finden, geschieht es als Pose. Sie stehen dicht beieinander und bleiben doch jeder für sich, wie Profile in einer Timeline.
So ist das Konzept des Choreografen Moritz Ostruschnjak aufgegangen. Jeder und jede im Ensemble hat ganz individuell Schnipsel aus Internet-Videos ausgewählt, aus denen er und die Tanzenden Bewegungen herauskopiert haben. Die künstliche mediale Realität wird so wieder in eine „reale Realität auf der Bühne“ übertragen und neu sichtbar. Die Tanzenden spielen Menschen, die sich wie die Menschen im Internet bewegen. So gibt er der Sphäre der TikTok-Challenges Körper und Wirklichkeit.
Heimat zum Wegwischen
Ostruschnjak kam als Mitglied der Graffiti-Sprayer-Szene über Breakdance zum zeitgenössischen Tanz. Das prägt die Arbeit sichtbar. Das Kreieren von TikTok-Videos und Ähnlichem bezeichnete er in Leipzig als neue Volkskunst.
In DDR-Worten wäre es Volkskunstschaffen: Viele machen selbst Kunst, so wie einst in den Laienzirkeln und Kulturhäusern. Nur leitet heute kein Zirkelleiter an, sondern ein Algorithmus, und das Kulturhaus passt in die Hosentasche. Wer dort mitmacht, probt nicht für die Aufführung am Feierabend, sondern für den nächsten Daumen, der darüberwischt.
Was „Trailer Park“ zum Heimatgedanken des euro-scene-Jahrgangs 2026 beiträgt, formuliert sich dem Ostsozialisierten nur schmerzhaft: Ich möchte in dieser Welt nicht leben. Nur lässt sich diese Heimat nicht mit der Hand wegwischen, und eine neue erscheint auch nicht postwendend.

Annotation
“Trailer Park” von Moritz Ostruschnjak, tanzmainz
Choreografie: Moritz Ostruschnjak
Choreografische Mitarbeit + Kostüme: Daniele Bendini
Musik: Jonas Friedlich
Tanz: Tanit Cobas, Réka Rácz, Meritxell Van Roggen, Paul Elie, Finn Lakeberg, Christian Leveque, Jaume Luque Parellada, Jaime Neves, Matti Tauru
Licht: Tanja Rühl
Probenleitung: Simone Deriu
Tanzdirektor tanzmainz: Honne Dohrmann
Produktion: Finn Lakeberg, Staatstheater Mainz
Mitarbeiterin der Leitung + Touring: Hannah Meyer-Scharenberg
Bühnentechnik + Ton: Luka Curk
Lichttechnik: Dominik Hager
Bühnenmanagement: Matthew Tusa
Kreation: Staatstheater Mainz, 18. November 2023
Credits
Besuchte Vorstellung 5.11.2026; veröffentlicht 6.11.2026
Foto: © De-Da Production & © Andreas Etter (Titel)
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Comment directly to: h.jaehnig(et)moritzpress. de
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
