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Leipzig: Schwarzer Humor in bunten Bildern

Leipzig: Schwarzer Humor in bunten Bildern

Figurentheaterzentrum Westflügel liest Orwells satirischen Roman „Farm der Tiere“

Während des Kalten Kriegs war Orwells Buch im Osten verboten, im Westen wurde es als antikommunistisches Lehrstück verfilmt. Darin warnt George Orwell 1945 davor, dass jede Revolution in neue Unterdrückung münden kann. Seine Attacke galt den perversen Auswüchsen von Stalins Diktatur, um der wahren Idee des Sozialismus wieder zur Geltung zu verhelfen. Spannend, was sich auf dem Roman alles herausholen läßt.

Von Moritz Jähnig

Szene aus „Farm der Tiere“. Wie im Labor arbeitet dieses Figuren-, Masken-, Musik- und Tanztheater Literatur nach

Kein Vorhang, der sich hebt. Im außergewöhnlichen Bühnenraum des Westflügel-Theaters brennt Arbeitslicht. Zehn Personen sitzen um einen großen quadratischen Tisch und warten, bis im Publikum allmählich Ruhe einkehrt. Die Atmosphäre erinnert an eine Werkstatt, an ein Studio, in dem eine scheinbar bunt zusammengewürfelte Schar von Kreativen seine Ideen entfaltet.

Von Michael Vogel stammt die Idee zu diesem Stück. Drei Theater – das Potsdamer T-Werk, das Figurentheater FITZ Stuttgart und der Westflügel Leipzig – sind die Koproduzenten. Die mitspielenden Künstler arbeiten alle frei.

Die Revolution verändert jeden

Kaum ist der menschliche Tyrann verschwunden, beginnen die Tiere, sich der neuen Situation anzupassen. Old Major erscheint als philosophierendes Plüschschwein im Zentrum des Tisches. Benjamin, der alte Esel, hebt vom Rand aus sein langohriges Haupt. Moses, der zahme Rabe, von drei Spielern virtuos geführt, verspricht den Tieren das Blaue vom Himmel. Muriel, die Ziege, ringt mühsam mit den Buchstaben. Molli, die schöne Schimmelstute, bewegt sich als barbiehaftes Wesen durch eine von Licht, Geräuschen, kuriosen Maschinen und Musik imaginierte Theaterwelt.

Kapitel für Kapitel wird Orwells 1945 erschienener Roman kurz angespielt und einzelne Szenen verdichtet dargestellt. Natürlich kann nicht jeder Erzählfaden berücksichtigt werden. Doch gerade darin zeigt sich, wie eindringlich und bildreich Orwell den tragischen Prozess des Scheiterns der sowjetischen Revolution und ihr Abgleiten in den Totalitarismus beschreibt. Die Konsequenzen sind grausam: Das unermüdliche Arbeitspferd Boxer endet als Rohstoff, seine toten Knochen werden zu Seife verarbeitet.

Die Schweine behalten alles im Griff

Mit demagogischer Geschicklichkeit täuscht die Schweinekaste um den Eber Napoleon ihre Mitgeschöpfe über ihre Machenschaften mit den angeblich feindlichen Nachbarfarmen hinweg. Das Geschäft der Schweine mit dem Feind Mensch blüht. Eindrucksvoll inszeniert ist der Wandel Napoleons selbst: vom Schwein zum „großen Führer“ im roten Jogginganzug, später ordensgeschmückt inmitten eines barocken Hofstaats, bis er sich schließlich in den roten Samt eines plötzlich doch vorhandenen Theaterprospekts verkriecht – von außen mit Ruhm und Orden überklebt. Wer dem erhabenen Diktator in Reue seine „Verbrechen“ gesteht, wird gnadenlos und geräuschvoll verschlungen.
Die Parallelen zur Gegenwart – wo auch immer sie zu verorten sein mögen – sind unübersehbar und lassen einem das Haar auf den Unterarmen zu Berge stehen.

Furcht unter den Tieren auf der Farm

Eindeutigkeit der Satire

Die Welt auf dem Bühnentisch kippt und gerät in Schieflage. Einzig die Näherin setzt ihre Arbeit fast ununterbrochen fort. Herrliche Szenenbilder wie die kleine Mühle oder die große Eierlegemaschine bauen sich auf und wieder ab.
Wo gipfelt das? Wenn in der Story der Diktator sich durch Wahl zum Präsidenten legitimiert, setzt das Leitschwein in der roten Jogginghose ein weißes Basecap auf. Ikonische Bilder des Politalltags werden so aufgerufen. Doch weiter dreht die Inszenierung das Rad nicht ins Konkrete. Sie bleibt im Bereich der Satire.

Abschluss mit French Cancan

Schlussendlich wirbelt und kreischt alles in einem furiosen French Cancan (Choreografie Therese Banzhaf). „Orpheus in der Unterwelt“ in roten Röcken, geschneidert aus dem Stoff des Bühnenvorhangs. Das Leben, eine Operette. Schneeballs Innovations-Mühle wandelt sich zum Moulin Rouge als Symbol des Vergnügens.

Mit der Offenbach-Cancan-Melodie auf den Lippen verlässt nach 150 kurzweiligen Minuten ein begeistertes Publikum das Theater und strömt hinaus in die lebendige Kreativszene der Leipziger Karl-Heine-Straße. Jeder Zuschauer der ausverkauften Vorstellung wird seine eigene Deutung des gesehenen ziehen. Starke Bilder, eigens komponierte Musik, fantasievolle Puppen, magisches Maskenspiel und Improvisationskunst auf ganzer Linie sind die Stärken dieser Produktion. Schwarzer Humor in bunten Bildern.

Annotation

“Farm der Tiere”. Ein Musical in zehn Kapiteln nach George Orwell. Wilde & Vogel [Leipzig], Florian Feisel [Stuttgart] und Genossen

Regie, Bühne: Michael Vogel, Dramaturgie, Textfassung: Janne Weirup, Spiel: Florian Feisel, Alexandra Gosławska, Mechtild Nienaber, Samira Wenzel, Stefan Wenzel, Live-Musik: Johannes Frisch, Aline Patschke, Philipp Scholz, Charlotte Wilde, Stefan Wenzel, Figuren: Mechtild Nienaber, Michael Vogel, Samira Wenzel, Songs: Aline Patschke, Stefan Wenzel, Charlotte Wilde, Komposition, Live-Musik: Charlotte Wilde, Metallbau: Christian Schmit, Choreografie Can Can: Therese Banzhaf, Assistenz Ausstattung: Jette Emuth, Judith Eckhardt, Danke an Jim Whiting

Credits

Premiere 6.9.2025; besuchte Vorstellung im Westflügel Figurentheaterzentrum 7.9.2025; veröffentlicht 9.9.2025

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © PR Westflügel

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