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„Madame Butterfly“ an der Oper Leipzig  – stark nachklingender  Hörgenuss, ideenlahmes Theater
© Oper Leipzig/ Kirsten Nijhof

„Madame Butterfly“ an der Oper Leipzig – stark nachklingender Hörgenuss, ideenlahmes Theater

Puccinis Oper „Madame Butterfly“ ist deshalb ein unsterbliches Meisterwerk, weil ihm keine noch so ungeschickte Inszenierungen oder ungeschulte Lesarten, keine Um- und Neudeutungen etwas anhaben können.

Auch die Inszenierung von Aron Stiehl, sekundiert von Frank-Philipp Schlössmann (Bühne) und Sven Bindseil (Kostüme) an der Oper Leipzig vermag nicht zu verhindern, dass ein ergriffenes Publikum die ausverkaufte Repertoirevorstellung verließ, die wir erlebten. Diese Musik kriegt keiner klein. Die sie ausmachende Dramatik packt den Menschen im guten Sinne, weckt empathische Gefühle und Erschrecken. Fein geschichtet sind die musikalisch verwobenen Bedeutungsebenen, in denen das Drama erzählt wird. Da erschrickt man vor einem Mensch (Pinkerton), der mit den Gefühlen eines anderen Menschen (Cio-Cio-San) ruchlos spielt. Da ist die Ebene des Politischen, auf welcher der Sieger (USA) sich an den Ressourcen des Besiegten (Japan) gütlich tut. Da ist die Ebene der sexuellen Ausbeutungen, dem Käufer Mann und der Ware unerfahrenes Mädchen. In diesen Themenstrudel reißt uns Puccinis süßer Härte und entlässt uns nach dem letzten Ton lange noch nicht.

Ich empfand die wunderbare Stimmung und der anhaltende Applaus, mit dem sich das Publikum sonderlich für den musikalischen Genuss bedanke, in der besuchten Aufführung durchaus für angemessen. Das Spiel des Gewandhausorchesters unter Leitung von Anthony Bramall hat da mehr überzeugt. Es war zu der schwelgerischen Süße in den exotischen Klangfarben wie zu der sie punktuell kontrastierenden Härte des Gemeinen fähig.

Die Südkoreanerin Karah Son singt und spielt die Partie der Butterfly überwältigend. Sie verfügt über einen kraftvollen Sopran und betört mit feinen Nuancen.

Gaston Rivero, der Leipziger Haus-Tenor aus Uruguay, singt mit Schmelz und hat darin eine ziemlich Schärfe. Sei ausgereiftes Timbre läßt keine Zweifel zu, dass hier kein noch unfertiger Mann einen verständlichen Fehler begeht, sondern die Stimme Riveros klingt wie ein Beleg: Jede Handlung des Seeoffiziers gegenüber die kleinen Frau aus der Fremde ist kalt kalkuliert.

Der Makler Goro wird vom Kanadier Keith Boldt verkörpert, ein geldgeiler Fiesling, ein Kriegsgewinnler reinsten Wassers. Konsul Sharpless ist Mathias Hausmann, dem er stimmlich wie mimisch Noblesse verleiht. Martin Petzold singt den reichen Japaner Yamadori, der würdevoll die Absage der verblendeten Geisha hinnimmt. Carolin Schumann posiert mehr im Rahmen dessen, was die Figur der Kate überhaupt herzugeben vermag, als Superblondine. Susanne Gritschneder gibt gesanglich berührend und schön die Dienerin Suzuki.

Aber das geradezu magische musikalische Erlebnis bleibt dann eigentlich auch das wesentliche, das es an der Neuinszenierung der „Madame Butterfly“ hervorzuheben gibt. Die Regie- und Bühnenlösungen lassen kein Klischee aus und drücken gewaltig mit auf die Tränendrüse. Das wirkt alles wie schon einmal gesehen und ein bißchen zwangsmodernisiert. Viel diskutiert wird ja die Idee, das Haus der Butterfly auf der Szene in dem Moment zu kippen, wo es bei Ihr quasi auch im Kopf aushakt. Die Welt der Cio-Cio-San bricht auseinander, gerät aus den Fugen. Na schön! Das wäre mir ohne dieses zerbrechende Haus wohl nie aufgefallen … Außerdem hat wohl jeder Operngänger diese bühnenwirksame Metapher an anderer Stelle und in anderen Zusammenhängen schon besser gesehen.

Damit soll gesagt sein, dass „Madame Butterfly“ eine der ergreifendsten Opern des Repertoires ist, die in Leipzig hervorragend interpretiert wird. Dass aber die Gesamtinszenierung auf ihrem Weg hin zum Mittelmaß doch arg enttäuscht.

Moritz Jähnig

Annotation

„Madame Butterfly“, Japanische Tragödie in drei Akten. Musik von Giacomo Puccini an der Oper Leipzig. Gewandhausorchester, Musikalische Leitung: Anthony Bramall; Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo; Bühne: Frank-Philipp Schlössmann; Kostüme: Sven Bindseil; Inszenierung: Aron Stiehl

Cio-Cio-San, Karah Son; Suzuki, Susanne Gritschneder; Kate, Carolin Schumann,; Pinkerton, Gaston Rivero; Sharpless, Mathias Hausmann; Goro, Keith Boldt; Yamadori, Sebastian Fuchsberger; Onkel Bonzo, Milcho Borovinov; Yakusidé, Michael Chu. u.a.

Wir erlebten die ausverkaufte Vorstellung vom 24.06.2015

Foto: © Oper Leipzig/ Kirsten Nijhof

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