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Oh, Thus‘chen, was bist du so blass

Oh, Thus‘chen, was bist du so blass

Von der Germanen List und Herrlichkeit – „Die Hermannsschlacht“ am Schauspiel Leipzig.

Blöde Tusse! „Felicita“ sang sie mit Ventidius, ihrem italienischen Lover. Der machte ihr einen blutroten Schal zum Geschenk. Den legte Thusnelda, als das eingebildete Glück dann vorbei, ihm um den Hals und zog mit Kraft zu. Die Liebe war längst dem Kampfe gewichen, und Gatte Hermann schlug die Römer vernichtend. Damit dies gelingt, hatte er Thusnelda einst in Ventidius‘ Arme getrieben, Kriege wollen gewonnen werden und nicht verloren. Das ging nur mit Trick, das Heer der Eroberer war übermächtig. Aber Hermann gelang der Sieg, und nach seinem Mord en gros fragte er sein Weib nach dem Mord en detail: „Oh, Thus‘chen, was bist du so blass?“ Beifall brandet im Publikum auf – die Metzelmär ist zu Ende?

Schon mancher Ideologe wurde heilig

Römer berichten, es hätte ihn leibhaftig gegeben, und er hätte ihre Legionen im Teutoburger Wald bestialisch niedergemäht: Arminius, der Germanenführer. Das mag so gewesen sein, die Quellenlage gibt da nicht viel her. Martin Luther sei es nun gewesen, der dieser Sagengestalt den Namen Hermann verlieh und sie damit zum Urbild eines deutschen Helden machte. Als großer Krieger und Sieger wurde er dem deutschen Volke wichtig. Denn, wenn fortan ein Staatsmann positive Beispiele aus der deutschen Geschichte zum Beweise vorbringen musste, sprach er gern von diesem Hermann, ganz wie und wozu der ihm halt passte. Mancher Ideologie ward und ist er gar heilig geworden: Hermann, der Cheruskerfürst.

Natürlich rieben sich an solch Gestalt deutsche Kunst- und Geistesgrößen. Bilder, Statuen, Heldenepen und Verslein wurden geschaffen. Theaterstücke auch. Heinrich von Kleist widmete sich der Geschichte und verfasste im Jahre 1808 „Die Hermannsschlacht“. Sie traf nicht auf Gegenliebe, denn die politischen Verhältnisse waren im Wandel. Napoleon überzog Europa. Dazu passte kein Kriegsstück mit deutschen Siegern. Bühnenhäuser also lehnten ab, auch Druckereien. Der Text lag auf Halde. Ludwig Tieck veröffentlichte ihn 1821. Der Autor hatte sich im Jahre 1811 erschossen. 1839 wagte das Detmolder Hoftheater im kleinen Rahmen eine Uraufführung. Ab 1860 inszenierte man das Werk in Bearbeitungen vor allem beim Gedenken an Leipzigs Völkerschlacht. Erfolglos. Erst Kleists Worte unverfälscht und eine geschlossene Ensembleleistung hoben „Die Hermannsschlacht“ 1875 von Meiningen aus auf die Bühnen Europas. Das Theater gastierte bis hin nach St. Petersburg, Odessa und Moskau. Fortan gebrauchte man es, um deutsche Politik zu illustrieren.

Kriegsgetümmel ohne Getümmel

Dušan David Pařizek inszenierte das Kriegsgetümmel im Leipziger Schauspielhaus und strich das Getümmel. Aus über dreißig handelnden Personen sind es nur fünf auf der Bühne, und der Konflikt ist ins Private verlegt. Die Reduktion macht Sinn und Verstehen, und sie führt die gemeinhin gültigen Interpretationen ad absurdum. Mitnichten ist Hermann der Halbgott der Deutschen, nein, schon bei Kleist zeigt er die brutalen Züge, die Macht über alles stellen. Seine Tusse Thusnelda ist ob Einfalt und Blondhaar zum Inbegriff eines Dummchens geworden. Aber auch sie handelt bewusst und im Dienste von Mann und Macht.

Dirk Lange und Bettina Schmidt zeigen das Herrscherpaar nuancenreich und als Menschen. Da ist für Heldenkult gar kein Platz. Julian Kluge, Thomas Braungardt und Paul Trempnau (im Original Markus Lerch, aber den hatte ein Hexenschuss niedergestreckt) assistieren den beiden und tun das mit Engagement und vollem Körpereinsatz, sind aber aufgrund der Logik der Inszenierung ein wenig in ihren Entfaltungsmöglichkeiten beschnitten. Die Bühne ein Holzpaneel (entworfen vom Regisseur), das im Kriege bricht – tolle Idee, die großen Raum für die Charakterentwicklungden Mimen lässt. Die Kostüme von Kamila Polívková holen das antike Geschehen hinein in die Gegenwart mit schnieken Anzügen und blitzenden Schuhen, grad so wie die Mächtigen heut vor uns hintreten. Auch deswegen erlahmt manch gehaltener Monolog nicht. Leutselig werden Geschenke verteilt, Alkohol hilft da immer. Und da die Akteure zu Beginn aus dem Publikum treten, ist dem die Distanzierung schwer möglich.

Kleist-Text von Geschwafel befreit

Regisseur Dušan David Pařizek hat vieler Orten mit seinen Inszenierungen Aufsehen erregt, auch in Leipzig gelingt ihm ein schauwerter Abend mit einem schwer handzuhabenden Stück. Unterhaltung im einfachen Sinne ist’s nicht – und das ist gut so. Allzu oft wird uns Heinrich von Kleist als Komödie geboten, allzu oft mit Romantik verklärt. Natürlich lässt der Klassiker mit seiner Kunst diese Interpretationen auch zu. Verdienstvoll an dieser Inszenierung ist, dass sie Kleistschen Text vom Geschwafel befreit, und den Zuschauer des Werkes Kern sehen lässt. Nicht einfach – aber gelungen. (Die auf dem Spielplan stehende Kleist-Inszenierung des „Prinzen vom Homburg“ ist da in sämtliche Fallen getreten.)

„Oh, Thus‘chen, was bist du so blass?“ hätte ein schöner Abschluss sein können, denn blass war im Verlaufe des Abends nicht nur die Thusnelda geworden. Aber dann treten die Helden hin an die Rampe und rezitieren ein Potpourri gängiger und vergangener politischer Reden. Diese Parallelen jedoch hatte das verständige Publikum längst schon gezogen. Da war dann der Beifall gering, um beim tatsächlichen Schluss zu Recht aufzubranden.

Henner Kotte

 

Annotation

„Die Hermannschlacht“ von Heinrich von Kleist am Schauspiel Leipzig. Premiere 3.Oktober 2019. Regie und Bühne: Dušan David Pařizek; Kostüme: Kamila Polívková; Dramaturgie: Matthias Döpke; Licht: Veit-Rüdiger Griess. Besetzung: Dirk Lange als Hermann, Fürst der Cherusker; Bettina Schmidt als Thusnelda, seine Gemahlin; Julian Kluge als Eginhardt, sein Rat; Markus Lerch als Quintilius Varus, römischer Feldherr; Thomas Braungardt als Ventidius, Legat von Rom

 

Was noch?

Die nächste Termine: Sa, 16.11. 19:30 — 21:30; Sa, 30.11. 19:30 — 21:30; Fr, 27.12. 19:30 — 21:30

 

Credits

Premiere 3.10.2019; Besuchte Vorstellung 19.10.2019; veröffentlicht 23.10.2019

Fotos: © Rolf Arnold

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