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Plauen: Teuflisch witzig
Wonjong Lee, Opernchor

Plauen: Teuflisch witzig

Theater Plauen-Zwickau unterhält mit Igor Strawinskys „The Rake’s Progress“

Am Theater Plauen-Zwickau haben Operndirektor Horst Kupich und ein engagiertes Team Igor Strawinskys dreiaktige Oper „The Rake’s Progress“ inszeniert. In der besuchten pfingstfeiertäglichen Nachmittagsaufführung fand sie spontan Szenenapplaus und nach ihrem witzigen Epilog anhaltenden und herzlichen Beifall. Ein gut amüsiertes Publikum bedankte sich für die intelligent unterhaltsame Zeit.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Andrey Valiguras, Johannes Schwarz, Jennifer Zein (v.l.); Wonjong Lee (vorn)

Gute Unterhaltung kommt nicht von ungefähr. Der Komponist wünschte eine „echt italienische“ Oper über den sehr britischen Stoff zu schreiben, zu dem ihn der Kupferstich-Zyklus von William Hogarths aus dem 18. Jahrhundert angeregt hatte. Er tat sich mit den theatralisch versierten Textern W.H. Auden und Chester Kallman zusammen. Sie mixten die moralingesäuerte Story mit verschiedensten erfolgserprobten Zutaten: ein bisschen Mephisto natürlich, nicht zu wenig von der stets wirkungsvollen Mérimée-Micaela und Don Juan darf nicht fehlen. Das ganze alla turka garniert mit einer „Sakalli kadin“ als a-moralischem Blickfang.   

Heiteres, zeitgemäßes Moralstück

Kupich montierte Igor Strawinskys Moritat um den Wüstling Tom als heiteres, zeitgemäßes Moralstück. Die Nummernoper, die in ihrer Struktur dem Comicstrip nahesteht, blättert die Regie als bunten Bilderbogen auf.

Johannes Schwarz, Wonjong Lee, Manja Ilgen

Mit gelungenem Lichtdesign, Video, Auftritten der Personen aus dem Publikum heraus oder direktem Anspielen der Zuschauer wird die Verwandtschaft dieses Theatergenres antizipiert: die Jahrmarktsbuden, an denen Moritatensänger mit derb bepinselten Schautafeln das Publikum schockten oder Tik-Tok in unseren Tagen. Theater als Austausch vieler gesellschaftlicher Gruppen gelingt durch solchen hier erlebten Mix.

Phantasie als Co-Ausstatterin

Die Enge von Toms Heimat wird mit einem die Bühne verkleinernden Guckloch angedeutet, durch das der Zuschauer in ein Gärtlein mit Hollywoodschaukel blickt. Dort turtelt der junge Tom mit seiner Jugendliebe Ann. Ihr Vater bemüht sich mit wenig Aussicht dem Zukünftigen eine Stellung zu besorgen. Denn schon taucht aus dem Nichts der Teufel selbst in den Garten auf und lockt den unreifen Provinzler mit einem vorgeblichen reichen Erbe in die Großstadt. London wird auf der ganzen Bühnenbreite mit seinen Fabrikhallen, Bordellen und Luxusquartieren gezeigt. Die Sphäre des Teufels pur.

Mit sparsamsten Mitteln hat Stefan Wiel das Bühnenbild und die Kostümwelt kreiert. Sehr wirkungsvoll der Kontrast zwischen der quirligen, farbenfrohen Versteigerung und der engen Friedhofsszene.

Vera Semieniuk gestaltet die Rolle der Frau mit Bart als große Diva, die alles für den Luxus tut

Kein billiger Witz auf Türken-Bab

Die Türken-Bab ist keine Transen-Karikatur, sondern eine sich in leeren Posen gefallende Schönheit, was ja ein von Filmleinwand und Handydisplay vertrautes Klischee und plötzlich völlig zeitlos erscheint. Veras Semieniuk gestaltet mit großen Gesten und ihrem modulationsfähigem Mezzo eine Diva zwischen Prahlsucht und Erniedrigung.

Auch die zweite große Frauenpartie im Stück wird durch die Figurenentwicklung vom blöden Gänschen im Garten zur von menschlichem Mitgefühl getriebenen Liebenden interessant. Jennifer Zein, die 2021 in Leipzig als „Carmen“-Frasquita zu erleben war, bringt einen dramatischen Koloratursopran achtunggebietend dafür ein.

Tom (Wonjong Lee) erinnert sich auf dem Friedhof an seine Jugendliebe Ann

Siegessicher und lautstark der Teufel Nik Shadow, von Johannes Schwarz baritonal klar und neckisch sympathisch gestaltet. Ihm gegenüber ein schön singender Tom, der nicht merkt, was ihm im Leben widerfährt. Letztlich lässt Wongjong Lee, ein stimmlich den Parsifal durchstehender Wagner-Tenor, den Wüsting absolut anrührend im Irrenhaus zerfließen. Den prägnant agierenden Wärter in der Irrenanstalt sang Yusuke Matsumura, die willige Mutter Goose Manja Ilgen, der Trulove von Andrey Valiguras ist ein sich voll auf die Lage der Tochter einstellender Vater.

Tom auf einer vermeintlichen Woge des Glücks. Wonjong Lee, Opernchor

Spielfreudiges Ensemble

Der Auktionator, Marcus Sandmann, tritt als Clown auf, nach dessen Taktstockt die Kundschaft willig tanzt. In diesem Bild zeigen der Opern- und Extrachor (Vorbereitung Michael Konstantin) ihre riesige Professionalität und Bühnenpräsens bis in die kleineste Geste. Nicht zu vergessen, formen die Damen und Herren die kurz wechselnden Auftritte mit geänderten Haltungen eindrucksvoll.

Nach anfänglichen Koordinierungsproblemen im Blech fand die Clara-Schumann-Philharmoniker schnell zu einer den Abend tragenden und mitnehmenden Form. Paul Taubitz, immer im Kontakt mit seinen Solisten auf der Bühne, setzt vom Pult her dort satirische Akzente, wo Strawinsky die vorbildhafte Tradition der großen barocken Oper wollüstig bediente, was für dieses Gesamtkonzept in Plauen-Zwickau noch deutlicher und mutiger vorstellbar ist.

Szene im 3. Akt, in der Irrenanstalt: Wonjong Lee, Opernchor

Auf nach Zwickau!

Ab Tag Veröffentlichung hier wird „The Rake´s Progress“ in dieser Inszenierung nur noch zweimal zu erleben sein. Wer lustvoll gespieltes, sinnliches und intelligente Theater liebt und die Moritat noch nicht erlebt haben sollte, muss sich der guten Unterhaltung wegen auf den Weg nach Zwickau begeben.

Annotation

„The Rake’s Progress (Der Wüstling)”, Oper in drei Akten von Igor Strawinsky, Libretto von Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallman, nach William Hogarths gleichnamiger Bilderfolge. Theater Plauen -Zwickau, Musikalische Leitung: Paul Taubitz, Regie: Horst Kupich, Bühne und Kostüme: Stefan Wiel, Choreinstudierung: Michael Konstantin, Dramaturgie: Christina Schmidt 

Besetzung

Trulove: Andrey Valiguras, Ann, seine Tochter: Jennifer Zein, Tom Rakewell: Wonjong Lee, Nick Shadow: Johannes Schwarz, Mutter Goose: Manja Ilgen, Baba: Vera Semieniuk, Sellem, Auktionator: André GassMarcus Sandmann, Wärter: Yusuke Matsumura. Opernchor des Theaters Plauen-Zwickau, Clara-Schumann Philharmoniker Plauen-Zwickau

Premiere Plauen 10.5.2024; besuchte Vorstellung 16.5.2024; veröffentlicht 21.5.2024; weitere Vorstellungen Zwickau 25. und 31.5.2024

aktualisiert 21.5.2024, 16:00 Uhr

Credits

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber

Foto: © André Leischner

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