„Classics by Balanchine / Peck / Tharp“ – Drei Klassiker in Dresden neu belebt
Mit dem dreiteiligen Abend „Classics by Balanchine / Peck / Tharp“ gelangt dem Semperoper Ballett ein ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Blick auf die amerikanische Ballettmoderne. Drei choreografische Handschriften – vereint im klassischen Vokabular, verschieden in Ton, Rhythmus und Aussage – verbinden sich zu einem atmosphärisch dichten, dramaturgisch schlüssigen Gesamtbild.
Von Moritz Jähnig

Poesie in Blau: Balanchines „Serenade“ als leises Eröffnungsbild
Eröffnet wird der Abend mit George Balanchines „Serenade“, einer Ikone des neoklassischen Balletts. Die 1934 entstandene Choreografie zur gleichnamigen Serenade von Tschaikowsky markiert nicht nur einen künstlerischen Neuanfang für Balanchine in den USA, sondern auch den Beginn eines neuen amerikanischen Ballettideals: musikgeleitet, abstrakt und formal.
Die Tänzerinnen des Semperoper Balletts agieren in langen, blassblauen Tutus wie Erscheinungen aus einer entrückten Sphäre. Mit ausdrucksstarker Ruhe entfaltet sich ein Tableau poetischer Geometrie, das sich zwischen Märchenwelt und Ritual bewegt. Präzise, leise, fließend – das Ensemble meistert die Balance aus individueller Präsenz und kollektiver Harmonie beeindruckend.
Auch die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Katharina Müllner trägt mit ihrer fein abgestimmten Interpretation zur auratischen Wirkung bei.

Teamgeist und Tanzlust: Pecks sportliches Männerballett
Kontrastierend und zugleich klug angeschlossen folgt Justin Pecks „Rodeo: Four Dance Episodes“. Peck, Ballettdirektor des New York City Ballet, bricht das historische Western-Ballett „Rodeo“ von Agnes de Mille auf seine Essenz herunter: die Wett-Kampf-Gemeinschaft.
Statt Cowgirls und Lassos stehen sportliche Männlichkeit und spielerischer Teamgeist im Zentrum. In hautengen altrosa Trikots tanzen die Männer mal synchron, mal in losen Formationen, bauen menschliche Skulpturen, explodieren in Sprüngen. Inmitten dieses vitalen Männerkosmos tritt erst spät eine Frau auf – virtuos Ayaha Tsunaki –, deren feminine Kraft ein strahlendes Gegenbild schafft.
Pecks Choreografie changiert bewusst zwischen Konkurrenz und Kameradschaft, Ästhetik und Anspielung auf Geschlechterrollen.
Es gelingt ihm ein packender Kommentar auf das Verhältnis von Sport, Männlichkeit und Gemeinschaft in der US-amerikanischen Kultur.

Zwischen Licht und Nebel: Tharps Rebellion im Rhythmus
Mit Twyla Tharps „In the Upper Room“ erlebt der Abend nach der Pause schließlich einen atmosphärischen Schwenk in eine düstere, aber pulsierende Zwischenwelt.
1986 zu Philip Glass’ gleichnamiger Komposition entstanden, oszilliert das Stück zwischen strukturierter Repetition und anarchischer Bewegungsfreiheit.

In gestreiften Kostümen, Turnschuhen und roten Spitzenschuhen wirbeln Tänzerinnen und Tänzer durch Nebel und Scheinwerferkegel, verschwinden, tauchen wieder auf. Was zunächst beliebig wirkt, erweist sich als strukturiertes Chaos, das Freiheit, Individualität und eine gewisse Unverbindlichkeit feiert. Tharp entwirft eine Gegenwelt zum formalen Balanchine-Kosmos und dem sportiven Peck-Stück – eine Zone, in der Regeln gebrochen und klassische Ballettformen bewusst unterlaufen werden.
Die Stärke liegt hier weniger in der Choreografietiefe als in der unbedingten körperlichen Präsenz des Ensembles. Das Dresdner Ensemble überzeugt mit Kraft, Ausdauer und Hingabe, auch wenn nicht alle Soli wie auch in den beiden Tanzstücken zuvor, technische Brillanz erreichen.

Zwischen Ordnung, Auf- und Umbruch: Was bleibt vom amerikanischen Traum?
„Classics by Balanchine / Peck / Tharp“ ist nicht einfach ein Repertoireabend mit drei Stücken, sondern eine Reise durch die amerikanische Ballettmoderne – von neoklassischer Klarheit über ironischen Teamgeist bis zum euphorischen Aufbegehren gegen Konventionen.
Wenn es stimmt, dass der Tanz auf der Bühne die Gesellschaft im Leben spiegelt, kommt die dritte Choreografie ihren Nachtseiten nah. Und es beschleichen uns Ängste, welchen Ausdruck in nicht allzu weiter Ferne die Gegenwart im nächsten choreografischen Akt finden wird.
Das Semperoper Ballett zeigt sich wandlungsfähig, energetisch und stilsicher – und das Publikum darf sich über einen Abend freuen, der auch inhaltlich viel mehr bietet als nur Tanzästhetik.
Annotation
„Classics. George Balanchine · Justin Peck · Twyla Tharp“. Mehrteiliger Ballettabend. Semperoper Ballett Dresden.
Musikalische Leitung Katharina Müllner
Serenade
Choreografie George Balanchine, Musik Pjotr I. Tschaikowsky
Kostüme Karinska, Licht Christoph Schmädicke
Einstudierung Nanette Glushak
Rodeo: Four Dance Episodes
Choreografie Justin Peck, Musik Aaron Copland
Kostüme Reid & Harriet Design, Licht Brandon Stirling Baker
Einstudierung Michael Breeden, Eric Trope
In the Upper Room
Choreografie Twyla Tharp, Musik Philip Glass
Kostüme Norma Kamali, Licht Jennifer Tipton
Einstudierung Kaitlyn Gilliland, Marcelo Gomes
Besetzung
Serenade
Carl Becker, Evelyn Bovo, Giulia Cacciatori, Francesca Cesaro, Dustin Eliot, Kanako Fujimoto, Svetlana Gileva
Joseph Gray, Lilliana Hagerman, Arthur Henderson, Richard House, Seo Hyeon Jeong, Soomin Kim, Filippo Mambelli, Anna Katherine McCoy, Yo Nakajima, Wilma Overgaard, Nastazia Philippou, Susanna Santoro, Mira Speyer, Bianca Teixeira, Gloria Todeschini, Marlena Umland, Yazmin Verhage, Magdalen Wood
Rodeo: Four Dance Episodes
Lorenzo Alberti, Anthony Bachelier, Carl Becker, Marco Giombelli, Johannes Goldbach, Joseph Gray, Arthur Henderson, Richard House, Kanata Ijima, Kristóf Kovács, Chang-Yuan Lin, Vincenzo Mola,), Lamin Pereira, Francisco Sebastião, Ayaha Tsunaki, Juan Sebastián Valdez
In the Upper Room
Anthony Bachelier, Christian Bauch, Kanako Fujimoto, Johannes Goldbach, SeoHyeon Jeong, Kristóf Kovács, Vincenzo Mola, Yo Nakajima, Nastazia Philippou, Susanna Santoro, Francisco Sebastião, Ayaha Tsunaki, Duosi Zhu
Credits
Premiere 2.6.2024; besuchte Vorstellung 5.5.2025; veröffentlicht 6.5.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig, Herausgeber Kunst und Technik Magazin
Fotos: © Semperoper/Jubal Battisti
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
