John Neumeier übertrug Hamburger Choreografie auf das Staatsballett
Superlative noch und nöcher gruppieren sich um das Ereignis einer „Rekreation“ genannten Übertragung der großen Neumeier-Choreografie von Hamburg elbaufwärts nach Dresden, um dort 25 Jahre später die getanzten Feierlichkeiten anlässlich der 200-jährigen Balletttradition zu eröffnen. Ein glanzvoller Abend, der im Februar auf dem Spielplan steht.
Von Moritz Jähnig

John Neumeier und das Phänomen Nijinsky
Der heute 85-jährige Ausnahmechoreograf John Neumeier hat sich sein Leben lang mit dem Phänomen des Ausnahmetänzers, Choreografen und Menschen Vaslav Nijinsky beschäftigt. In diesem dritten Nijinsky-Ballett sind seine Überlegungen aufs Äußerste verdichtet. Aus dieser Gefühlsdichte erwächst die mitreißende Kraft, die dieses Werk hat.
Der Auftakt: Ein Ballsaal voller Erwartungen
Die Handlung beginnt ganz harmlos. Auf der Bühne erklingt ein Konzertflügel. Noch ruckelt sich das Publikum im Parkett auf den stets etwas zu engen Semper-Sesseln zurecht, da betreten auf der Bühne schon die ersten Gäste den Ballsaal des Suvretta House in St. Moritz. Wenn endlich der Star, auf den alle sehnsuchtsvoll warten, im eleganten Gewand leichtfüßig, jedoch voller Schwermut erscheint, zieht er zentral alle Blicke auf sich.
Die Leichtigkeit seines Schritts täuscht jedoch nicht über die schwere Krankheit hinweg, die ihn zeichnet: Schizophrenie. „Hochzeit mit Gott“ nennt er seinen expressiven, ungeheuerlichen Abschiedstanz vor der Gesellschaft. Die Reaktionen sind verstört. Erst als seine Bewegung gefälliger und angepasster wird, wendet sich die große Welt ihm zu, und er erhält den ersehnten Beifall.

Tänzerische Brillanz und große Ausdruckskraft
Neumeier liebt seine Tänzer und stellt sie stets vorteilhaft heraus. Er bedient sich durchgehend der neoklassischen Bewegungssprache, wobei expressive Ausbrüche sparsam eingesetzt werden. „Nijinsky“ ist ein Tanzerlebnis der Ausgewogenheit.
James Kirby Rogers ist das feingliedrige Kraftpaket, das aus sich heraus und aus der wohlgeformten Ordnung ausbricht. Ihm zur Seite die fantastische Svetlana Gileva als Romola. Unvergesslich bleibt die Schlittenszene. Auch Susanna Santoro überzeugt als Nijinskys bedauernswerte Schwester Bronislava. Richard House als Diaghilew verleiht seiner Rolle die passende Mischung aus Zusammenhalt und Eifersucht.
Biografie und Episoden eines bewegten Lebens
Dem Auftritt des russischen Tänzers 1919 in St. Moritz folgen 30 Jahre künstlerischer und menschlicher Einsamkeit. Die folgenden Szenen zeigen Momente und Lebensstationen aus der Biografie Nijinskys. Neumeier reist mit Nijinsky durch die Welt, lässt Episoden seines Lebens aufscheinen und Karrierestationen lebendig werden.
Die Titelfigur tanzen und verkörpern wechselnde Herren aus dem Ensemble: Joseph Gray als Goldener Sklave aus „Scheherazade“ und Faun („L’Après-midi d’un faune“), Stanisław Węgrzyn als Kasper, Vincenzo Mola als junger Mann („Jeux“) und weitere Tänzer verleihen dem Abend Vielseitigkeit.

Schostakowitsch und das große Finale
Der zweite Teil des Ballettabends kann erlebt werden als Aufführung von Dimitri Schostakowitschs 11. Sinfonie unter dem weiten und klaren Dirigat von Simon Hewett. Der Erste Dirigent des Hamburger Balletts steht für Durchsichtigkeit und Harmonie und ist ein enger Begleiter des künstlerischen Weges von Neumeier. Seiner Begleitung ist der Erfolg dieser Rekreation maßgeblich mit zu verdanken.
Das Ballett „Nijinsky“ getragen von einem eindrucksvollen Corps de Ballet und saufregenden Solistinnen und Solisten in der Semperoper zu erleben, ist Genuss und Vergnügen – ein geistiges, in diesem Rahmen allerdings auch ein kulinarisches. Allerdings: Das Feuer des Ingeniums, das aus jedem YouTube-Video des Hamburger Balletts hervorscheint, wird den Solisten der Semperoper noch zuwachsen.
Annotation
“Nijinsky”. Ballett von John Neumeier. Musik von Frédéric Chopin, Nikolaj Rimskij-Korsakow, Dmitri Schostakowitsch und Robert Schumann. Musikalische Leitung: Simon Hewett Choreografie,. Licht, Bühne und Kostüme unter teilweiser Verwendung der Originalentwürfe von Léon Bakst und Alexandre Benois John Neumeier. Semperoper Ballett Dresden, Einstudierung Leslie McBeth, Piotr Stanczyk, Sonja Tinnes, Ivan Urban
Sächsische Staatskapelle Dresden; Klavier Alfredo Miglionico, Viola Florian Richter, Solo-Violine Robert Lis
Besetzung
Vaslaw Nijinsky: James Kirby Rogers/Joseph Gray, Romola Nijinska, die Frau: Bianca Teixeira, Bronislawa Nijinska, die Schwester: Jenny Laudadio, Stanislaw Nijinsky, der Bruder: Vincenzo Mola, Serge Diaghilew, Impresario und Mentor: Richard House, Eleonora Bereda, die Mutter: Svetlana Gileva, Thomas Nijinsky, der Vater: Anthony Bachelier, Die Ballerina, Tamara Karsavina: Ayaha Tsunaki, Der neue Tänzer, Leonid Massine: Martí Gutiérrez Rubí, Der Tänzer Nijinsky als Harlequin in „Carnaval“: Francisco Sebastião, Stanisław Węgrzyn, Der Tänzer Nijinsky als Geist der Rose in „Spectre de la Rose“: Francisco Sebastião, Der Tänzer Nijinsky als Goldener Sklave in „Scheherazade“: Moisés Carrada Palmeros, Der Tänzer Nijinsky als junger Mann in „Jeux“: Jackson Hazlett-Stevens, Der Tänzer Nijinsky als Faun in „Laprès-midi d’un faune“: Anthony Bachelier, Moisés Carrada Palmeros, Der Tänzer Nijinsky als Petruschka: Filippo Mambelli, Innenbilder Nijinskys, sein Schatten: Vincenzo Mola, Francisco Sebastião
Uraufführung 2. Juni 2000 Hamburg; Premiere Dresden 24. Januar 2025; besuchte Vorstellung 29. Januar 2025; veröffentlicht 6. Februar 2025
Credits
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Semperoper Dresden/Admill Kuyler
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