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Weimar: Premierenjubel für „La Cenerentula“

Weimar: Premierenjubel für „La Cenerentula“

Roland Schwab Inszenierte Rossini mit bildungsbürgerlicher Komponente

Gioachino Rossinis 1817 in Rom uraufgeführte Oper “La Cenerentola, ossia La bontà in trionfo” (oder Der Triumph des Guten) hatte am Deutschen Nationaltheater Weimar Premiere. Für Regisseur Roland Schwab ist das die gern wahrgenommene Gelegenheit, einmal über den Bildungskanon an sich nachzudenken, in dem er den märchenhaften Figuren des Librettos von  Jacopo Ferretti die Brands der Klassikerstadt überhilft und schaut, was rauskommt. Hier ein Premierenerfolg.

Von Roland H. Dippel

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Szene mit Uwe Schenker-Primus (Don Magnifico, Mitte), Philipp Meierhöfer (Alidoro, links), Herren des Opernchors

Ein bißchen gnadenlos – Klassik unter kaltem Licht seziert

Regisseur Roland Schwab seziert gern unter kaltem Licht. Aber er kann auch poetisch sein – und er liebt die Stätten der Klassik Stiftung.

Deshalb beamte er das von Jacopo Ferretti für die Uraufführung im Teatro Valle Rom 1817 mit einem aufklärerischen Experiment angereicherte Aschenputtel-Märchen konzeptionell in die Klassikerstadt. Schauplatz also gleich Aufführungsort und kein gemalter Ruinen-Palazzo wie in der weltweit gezeigten „Cenerentola“-Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle, deren Bewegungsarrangements inzwischen die dritte Regie-Generation infizieren und sogar noch in manchen Szenen des Weimarer Neuproduktion Minispuren hinterließen.

Es geht um mehr als ein mediterranes Märchen. Dass bei Rossini der Philosoph Alidoro dem Prinzen Ramiro die ideale Frau und Aschenputtel das große Glück zuspielt, lässt natürlich an die von Herzogin Anna Amalia als Prestige-Bollwerk gegen wirtschaftliche Impotenz gesetzten Bildungs- und Herzensideale in Weimar denken. Aber Rossini und Ferretti betreiben auch knallharte Karikatur und Sozialsatire, wenn es um Selbstbeschönigungen und Aufstiegsvisionen geht. Vater Magnifico klopft an beim Direktor der 2004 durch Brand zerstörten und wie Phönix aus der Asche wiedererstandenem Hort gesamtdeutscher Bildungsvorbildlichkeit. Die Töchter wirbeln durch den Geistesprunkraum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Lesen gehört, wie sich mehrfach zeigt, nicht zu den Stärken der unzärtlichen Schwestern.

Taejun Sun als Don Ramiro (Mitte) mit Herren des Opernchors

Zuhören auch nicht. Wenn der vermeintliche Prinz kommt, zählt nur „Tits and Ass“, da sind beide nicht pingelig. Nach verlorener Schlacht packen Clorindina und Tisbetta Lippenstift, Intimspray und Schminkkoffer. Angelina Aschenputtel dackelt allzu lange hintendran – grauer geht’s nicht. Schwab verordnet seiner Protagonistin Sayaka Shigeshima überwiegend Depressionsmimik. Damit bebildert Schwab, bevor er zu Rossinis wunderbarer Musik die guten Geister von Weimar und des Weines entfesselt, auch genau das, wovor krisenängstliche Pisa- und Sozialstudien warnen. Die letzte Pointe zielt auf lustig artikulierte Angst: Zum letzten Orchesterglänzen stehen die beiden Horrorsisters vor Notre-Dame de Paris und blinzeln sich zu.

Bewußt gesuchtes Spiel mit optischen Kontrasten

Der erste Teil spielt dagegen vor einer Bauschutt- und Müllhalde, aus denen sich einige Figuren herauswälzen. Diese burlesken Kontraste brauchen Roland Schwab und sein Bühnenbildner Piero Vinciguerra, um das Wahre, Gute, Schöne desto hymnischer glänzen zu machen. Weite Strecken der Handlung sind eine Hommage, eine Phantasie, eine Paraphrase auf Weimars Bell’Époque um 1800, durch welche die Stadt zum Disneyland für Intellektuelle aus aller Welt wurde. Wer Klaus Günzels „Das Weimarer Fürstenhaus“ gelesen hat, weiß, dass Schwab glorifiziert. Dadurch sieht man erst recht, was die Schwestern anmacht. Hotspot-Hopping ist geil.

Der Hofphilosoph Alidoro steigt aus Tischbeins Gemälde wie Goethe aus der Campagna zurück an den Weimarer Hof. Nach dem Kleidertausch mit dem Prinzen Ramiro trägt sein Kammerdiener Dandini die gleiche Paradeuniform wie Goethes Freund und Dienstherr Carl August. Angelina erscheint auf der oberen Galerie der Bibliothek in einer Hoftracht des späten 18. Jahrhunderts wie Anna Amalia. Es geht nicht um die historische Stichhaltigkeit und theatrale Wirklichkeitsbelastung dieser Figuren, sondern um Poesie und Verklärung. Bei ihrem quirligen Duett werfen Prinz und Diener mit Goethe-Zitaten auf Texttafeln um sich. Mit etwas Witz wird da die Bildungsgloriole des Aufführungsortes verherrlicht, aber zugleich nicht ganz ernst genommen. Und es ist ein schönes Bild, wenn in die Bibliothek auch noch das Goethe-Schiller-Denkmal vom Theaterplatz hineinsinkt. Gabriele Rupprechts Kostüme schweben dazu zwischen Goethezeit und Gegenwart. Der von Emanuel Winter einstudierte Herrenchor trägt weiße Büsten aus der Bibliothek als Gesichter.

V.l.n.r.: Taejun Sun (Don Ramiro), Uwe Schenker-Primus (Don Magnifico), Herr der Statisterie (Frosch), Sayaka Shigeshima (Angelina)

Andreas Wolf setzt im Orchestergraben zuerst auf Kontraste, bewegte sich in der Ouvertüre und den ersten Nummern fast nur in Extremen, bleischwer oder blitzflink. Ab dem Duett Ramiros und Angelinas wird der Grundton singender, schwebender. Besteht vielleicht doch ein innerer Zusammenhalt zwischen der Souveränität der Staatskapelle für den Kurzzeit-Weimarer Richard Strauss und dem transparenten Schwelgen in Rossini?

Wolfs Tempi bringen – mehr empfindsam als rational – später genau das, was das Ensemble auf der Bühne für die koloraturdurchwirkten Partien und der Herrenchor an Brio braucht. Ein solitärer Exot ist der Philosoph Goethe-Alidoro bei Philipp Meierhöfer auch stimmlich. Ebenfalls baritonal geht Ilya Silchuk die vielen Einwürfe des Dandini an. Der junge Bariton gestaltet diese so, als wolle er nicht der listige bis sarkastische Beobachter sein, sondern liegt mit leicht gesetzten Kantilenen immer mitten im Ensemble-Getümmel. Taejun Sun erobert sich die Paradepartie des Ramiro leicht, dunkel und mit entspannter Höhe. Sayaka Shigeshima macht als Angelina mehr Eindruck durch die stille Intensität der Zurückgesetzten denn als genuiner Koloratur-Mezzo.

V.l.n.r.: Marlene Gaßner (Tisbe), Ylva Stenberg (Clorinda), Taejun Sun (Don Ramiro), Sayaka Shigeshima (Angelina), Philipp Meierhöfer (Alidoro), Uwe Schenker-Primus (Don Magnifico), Jonathan Michie (Dandini), Herren des Opernchors

Für Rossinis Paradepartie verhüllt sie mit nicht sonderlich dunklem Timbre einige Flüchtigkeiten in den Koloraturen. Nicht ihre Schuld: Seit Jahren hetzt sie in Weimar durch alle Mezzosopran-Fächer von Amneris bis Romeo, ohne bei einem für sie optimal passenden Partienspektrum innehalten zu dürfen. Sayaka Shigeshima und Uwe Schenker-Primus als Vater Magnifico, dessen Drang zum Weinkeller Schwab mit dem Erscheinen bacchischer Geister bebildert, sind stabile Ensemblesäulen. Für Schwab ist Vater Magnifico bei weitem nicht so schlecht wie die Töchter. Ylva Sofia Stenberg als Clorinda und Marlene Gaßner als Tisbe sind großartig.

Ob das also so gedacht war: Der Geist des Dummdreisten triumphiert stimmlich über die Menschlichkeit und alle guten Geister von Weimar. Großer Jubel des Premierenpublikums.

Annotation

„La Cenerentola“. Komische Oper von Gioacchino Rossini, Libretto Jacopo Ferretti, Deutsches Nationaltheater Weimar. Andreas Wolf (Musikalische Leitung),  Nathan Blair (Vorstellungsdirigate), Roland Schwab (Regie), Piero Vinciguerra, (Bühne), Gabriele Rupprecht (Kostüme), Christian Schirmer (Licht), Andreas Günther (Who-be) (Video), Michael Höppner (Dramaturgie)

Besetzung

Taejun Sun (Don Ramiro, Prinz von Salerno, Philipp Meierhöfer (Alidoro, Philosoph und Erzieher Don Ramiros), Jonathan Michie / Ilya Silchuk (Dandini), Uwe Schenker-Primus (Don Magnifico), Marlene Gaßner (Tisbe), Ylva Sofia Stenberg (Clorinde), Sayaka Shigeshima (Angelina), Opernchor des DNT, Staatskapelle Weimar

Premiere und besuchte Vorstellung 16.3.2024; veröffentlicht 19.3.2024

Credits

Text: Roland Dippel, freier Theaterkritiker, Leipzig/München

Fotos (6): © Candy Welz

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