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Leipzig: Wimmelbild mit Mörderin

Leipzig: Wimmelbild mit Mörderin

Sie ermächtigt sich selbst und tötet: Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth aus Mzensk“

Üppige Ausstattung und grandiose musikalische Umsetzung. Seit der Premiere hat sich die Inszenierung von Francisco Negrin zum Publikumsmagneten entwickelt.

Von Henner Kotte

Szene mit Sonjetka (Nora Steuerwald), Sergej (Brenden Gunnell)

Der geschlossene Bühnenvorhang erinnert an Majakowskis Rosta-Fenster, Chaplins „Modern Times“ und Malewitschs Farbkompositionen und assoziiert damit die Entstehungszeit der Oper: 1932. Als er die Oper schuf, zählte der Compositeur kaum 25 Jahre und stand am Beginn seiner Weltkarriere und schuf in jenen jungen Jahren schon ein skandalträchtiges „Schlüsselwerk der Moderne“.

Offensichtlich, der Künstler zeigte hiermit Mut, Talent und Virtuosität. Dmitri Schostakowitsch widmete die Komposition seiner Braut: Nina Warsar. „Lady Macbeth aus Mzensk“ erlebte 1934 eine zweimalige Uraufführung in Leningrad und Moskau und wurde allseits hochgelobt. Nach Stalins geäußerten Entsetzen wurden die Elogen korrigiert, und Schostakowitsch fürchtete ums Leben und schrieb um. Als „Katarina Ismailowa“ erlebte die entschärfte Version 1965 am Leipziger Opernhaus unter der Regie von Joachim Herz ihre DDR-Premiere.

Knapp sechzig Jahre später kehrt die „Lady Macbeth aus Mzensk“ in ihrer ursprünglichen Fassung zurück und beeindruckt musikalisch, stimmlich und inszenatorisch.

Eine Tragische Liebesgeschichte: Von der Novelle zur Oper

Die Geschichte fußt auf einer Kriminalnovelle Nikolai Leskows, der neben Lew Tolstoi, Fjodor Dostojewski und Anton Tschechow zu den literarischen Klassikern Russlands zählt: Eine junge Frau vermählt sich mit einem wohlhabenden Kaufmann und langweilt sich an dessen Seite schier zu Tode. Ein Luftikus weckt in ihr die Leidenschaft, um der Liebe willen tötet sie. Zunächst den Schwiegervater, dann zusammen mit ihrem Liebhaber den Gatten. Die Tat wird ruchbar, das Paar wird nach Sibirien verbannt. Dort endet sowohl die Liebe als auch das Heldinnenleben.

Pope (Ivo Stanchev), Chor der Oper Leipzig

Literaturredakteur F. Dostojewski veröffentlichte die „düstere Geschichte“ 1864 im Magazin „Epocha“. Sie stieß auf wenig Widerhall. Als Schostakowitschs Oper machte sie Schlagzeilen. Librettist Alexander Preis änderte geringfügig die Handlung. Die Parallelen zur damaligen Gegenwart waren und sind offensichtlich.

Doch erzählt die Geschichte noch mehr. „Jede Frau muss sich individuell vom Patriarchat befreien“, sagt die Feministin. „Langeweile ist ein böses Kraut“, meint Goethe. Bei Tschechows gelangweilten „Drei Schwestern“ mutiert die Metropole Moskau zum Paradies. Sexuelle Erfüllung und der Generationskonflikt, Aufbegehren, Macht und wirtschaftliche Prosperität – Themen, die auch heute unseren Alltag bestimmen. Lady Macbeth sprach qua Shakespeare einst zu ihrem Mann: „Groß möchtest du sein, bist ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit, die ihn begleiten muss. Was recht du möchtest, das möchtest du redlich; möchtest falsch nicht spielen und unrecht doch gewinnen.“

Stalins Kritik und Die Verbotene Oper

„Das ist Wirrwar und keine Musik“, soll Genosse Stalin nach seinem Opernbesuch der „Lady Macbeth aus Mzensk“ im Moskauer Bolschoi Theater gesagt haben. Fortan war das Werk in der Sowjetunion verboten. Man sprach von „absichtlich disharmonischen, chaotischen Tönen“, von „Musiklärm“ und dass hier „Geschrei Gesang ersetze“. Statt dem geforderten „sozialistischen Realismus“ stelle die Oper „vulgären Naturalismus“ dar und sei im Schlagwort damaliger Debatten „formalistisch“. Das sei aber „nicht auf mangelnde Begabung beim Komponisten“ zurückzuführen, sondern darauf, dass die Musik „absichtlich so verkehrt geschaffen“ wurde.

Tatsächlich widerspricht Schostakowitschs Komposition dem erwarteten Harmoniebedürfnis im klassischen Opernrepertoire. Die Partitur strotzt vor Zitaten von Mussorgski bis Rimski-Korsakow, spielt mit gängigen Klangerlebnissen von der Monotonie der Arbeitswelt bis hin zu den Volkstänzen in der Dorfkneipe. Auch erotisch weiß sie, den Höhepunkt setzen. In Lautstärke und Gewalt schöpft sie die Skala aus. Darauf muss ein geneigter Opernhausbesucher vorbereitet ein.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf Rifajl Ajdapasics beeindruckendes Bühnenbild frei: den Arbeitsraum einer Mühle. Mittig ein Fabergé-Ei, einst Sammlungsobjekt des Zaren. Die perfekt choreografierten Massen schleppen, der „Schwarzen Mühle“ Krabats ähnlich, Säcke, Säcke, Säcke. Die Kostüme Ariane Isabell Unfrieds unterstützen unspektakulär die Aussage.

Szene mit Aksinja (Friederike Meinke), Sergej (Brenden Gunnell, Mitte) Verwalter (Michael Raschle, li), Hausknecht (Christian Moellenhoff, re)


Opernuntypisch beginnt der Abend mit einem Arioso der Heldin, in dem sie an ihrem Schicksal leidet. Furioser Auftritt von Ingela Brimberg, die den Abend lang die Bühne kaum verlässt und alle Nuancen der Partie trefflich zu treffen weiß. Ihren berechnenden Liebhaber gibt Brenden Gunnel aufgeladen kräftig. Matthias Stier als betrogener Kaufmannssohn ist zurückhaltend, während sein Vater, Randall Jakobsh, die Intrigen bass durchschaut. Polizeichef Franz Xaver Schlecht hat seine Beamten gut im Griff, während deren Schweinsmasken die banale Metapher wahrlich übertreiben. Friederike Meinke assistiert als Freundin nicht devot. Ivo Stanchev stakt als kirchenmoralische Instanz durchs Hochzeitsgeschehen. Auch Nebenfiguren sind glänzend besetzt u.a. Nora Steuerwald, Michael Raschle und Jin Young Jang. Movement Director Fin Walker lässt die Masse des Chores beeindruckend agieren. Überhaupt gibt die Regisseur Francisco Negrin der großen Oper, was der großen Oper zugehörig ist: große Bilder, große Gefühle, große Gesten (auch im Kleinen).

“Lady Macbeth von Mzensk”

weitere Termine 8.Juni 2024, 19.30 Uhr

Schostakowitsch-Festival 2025

23. und 29. Mai 2025, 17.00 Uhr

Dafür nutzt er die gesamte Bühnentechnik mit alldem, was man sonst selten sieht: Bühnenhebungen, -senkungen, leuchtet in intime Kammern, Tristesse und Arbeitsalltag. Die Gewandhausmusiker bespielen nicht nur den Orchestergraben, sondern blasen auch beidseitig von den Logenplätzen. Christoph Gedschold lässt als musikalischer Leiter alle Töne treffen. Applaus und Bravo sind für die Ensemble- und Sololleistungen mehr als verdient. Nun heißt es für die Abteilung PR und Werbung des Hauses, das Meisterstück unter Enthusiasten und Opernmutigen bekannt zu machen. Einen vollen Saal hat diese Lady mehr als verdient.

Ingela Brimberg in der Titelpartie der Katerina Ismailowa Foto: Tom Schulze

Im Leipziger Opernhaus und der Musikalischen Komödie stehen nunmehr vergleichbar zwei russisch/sowjetische Liebesgeschichten und Romanklassiker auf den Bühnen: „Doktor Schiwago“ und die „Lady Macbeth aus Mzensk“. Die beiden Werke und ihre Inszenierungen verdeutlichen zum einen den Harmoniezwang einer westlichen Einvernahme und die Weichspülung revolutionären Geschehens, zum anderen zeigt sie im Original drastisch gesellschaftliche Realitäten. Zweifelsohne hat beides seine Berechtigung, auch Thomas Mann und Hedwig Courths-Mahler stehen nebeneinander im Buchregal. Nikolai Leskow meinte: „Zuweilen findet man bei uns im Lande Charaktere, an die man, wie viele Jahre auch immer vergangen sein mögen, niemals ohne Erschaudern zu denken vermag. In die Reihe dieser Charaktere gehört auch Katarina Lwowna Ismailowa.“ Dieser Zeiten vermisst man vieler Stellen schmerzlich Charaktere und Charakter!

Annotation

“Lady Macbeth von Mzensk”. Oper von Dimitri Schostakowitsch, Libretto von Alexander G. Preis und vom Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolaj S. Leskow. Oper Leipzig. Musikalische Leitung: Fabrizio Ventura / Christoph Gedschold / Andris Nelsons, Inszenierung: Francisco Negrin, Movement Director: Fin Walker, Bühne: Rifail Ajdarpasic, Kostüme: Ariane Isabell Unfried, Licht: Michael Röger, Videodesign: Marc Molinos, Dramaturgie: Marlene Hahn / Kara McKechnie, Choreinstudierung: Thomas Eitler-de Lint
Besetzung
Boris Timofejewitsch Ismailow: Randall Jakobsh / Dmitry Belosselskiy, Sinowij Borissowitsch Ismailow: Matthias Stier, Katerina Ismailowa: Ingela Brimberg / Kristine Opolais, Sergej: Brenden Gunnell / Pavel ?ernoch, Aksinja: Friederike Meinke, Der Schäbige: Dan Karlström, Verwalter / Wächter: Michael Raschle / Liam James Karai, Hausknecht: Christian Moellenhoff, 1. Vorarbeiter / Kutscher: Ervin Ahmeti, 2. Vorarbeiter / Lehrer: Sven Hjörleifsson, Vorarbeiter: Einar Dagur Jónsson, Bote (Mühlenarbeiter): Vincent Turregano / Marian Müller, Pope: Ivo Stanchev, Polizeichef: Franz Xaver Schlecht, Polizist: Marian Müller / Vincent Turregano, Betrunkener Gast: Jin Young Jang, Sergeant: Frank Wernstedt / Kwangmin Seo, Sonjetka: Nora Steuerwald, Alter Zwangsarbeiter: Peter Dolinšek, Zwangsarbeiterin: Kamila Dziadko,
Geist des Boris Timofejewitsch: Randall Jakobsh / Dmitry Belosselskiy, Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Premiere 25.5.2024; besuchte Vorstellung 5.6.2024; veröffentlicht 6.6.2024; aktualisiert 11.6.2024

Credits

Text: Henner Kotte, freier Theaterkritiker und Autor, Leipzig
Fotos: © Kirsten Nijhof & Tom Schulze

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