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Gewandhaus Leipzig: Spielarten der Leidenschaft

Gewandhaus Leipzig: Spielarten der Leidenschaft

Robert Schumanns 1. Sinfonie kombiniert mit Richard Wagners „Walküre“

Das Große Concert am 23./24. April führte am Vortag von „LORTZING 26“ vor, wie Höhepunkte gesetzt werden: regionale Musiktradition interpretiert von international bedeutenden Künstlern. In diesem Fall nicht mit dem nun wieder zu entdeckenden Albert Lortzing (1801–1851), sondern mit Robert Schumann (1810–1856) und Richard Wagner (1813–1883), die bekanntlich auch Leipziger sind.

Von Moritz Jähnig

Schumanns Frühlingsrausch – ein Klang gewordene Aufbruch

Die Frühlingssinfonie wurde 1844 vom Gewandhausorchester uraufgeführt. Am Dirigentenpult Felix Mendelssohn-Bartholdy. Heute gehört die 1. Sinfonie nicht zu den Standards des Konzertbetriebs und ist nicht sehr oft eingespielt zu finden.

Womit ihr Unrecht geschieht, wie man aus diesem Konzert mitnehmen durfte. Gewandhauskapellmeist Andris Nelsons, sensibel für Details, verschmolz die vier Sätze fast unmerklich und natürlich zu einem klangschönen Jubel, der in einem erlösenden Finale strahlend aufging. Die Frühlingssinfonie als Gesang auf die Jugend und eine große Liebe, die das Recht und die Zukunft auf ihrer Seite hat.

Dunkelheit, Deutung und Dramaturgie

Modifiziert im zweiten Teil. Richard Wagners erster „Ring“-Tag erklang 1878 erstmals in Leipzig, also acht Jahre nach der Münchner Uraufführung. Aber Richard Wagner hat einen festen Platz im Leipziger Programm. Bis dato war „Die Walküre“ in der Inszenierung von Rosamund Gilmore am Augustusplatz präsent. Zur Premiere im Jahr 2023 dirigierte der damalige Opernintendant Ulf Schirmer das Gewandhausorchester. Der 1. Akt hebt szenisch vor einem düsteren Baumstumpf an, um den herum Hunding seine Hütte gezimmert hat.

Der Verlauf der Handlung wird durch eine sich jeder Einsicht in ihren Sinn verschließende Bewegungschoreographie voll verrätselt. Auch Ulf Schirmer spürte dem Dunklen und Spannungsgeladen nach. Sein Tempo trug er dem dramatisch Unerhörten des Geschehens Rechnung.

Nelsons’ Lesart: Klarheit statt Schicksalsraunen

Andris Nelsons hält sich nicht mit der raunenden Seite des 1. Aktes auf. Er – nein, sein Instrument, das Orchester, erzählt klar, fließend, mit großer Schönheit im Klang, besonders in den Streichern und den fein modellierten Holzbläsern (hervorragende Soli).

Aus Nelsons Interpretation dröhnt kein Schicksalsdruck. Hinter der Musik wird kein gedankliches Ausrufezeichen gesetzt. Jeder weiß um das Schicksalhafte dieses Liebeskonflikts ohnehin. Nicht exklusiv hervorgehoben, sondern organisch mit allem verbunden steigt der Wonnemond auf.

Besetzung von seltener Glaubwürdigkeit

Passend die Auswahl der beteiligten Solisten: Vitalij Kowaljow, der große Bayreuther Wotan, ist nicht als Hunding bekannt. Mit dem in Minsk gebürtigen Bassbariton betritt eine natürliche Autorität die Szene, die sie – dabei stimmlich zurückgenommen bleibend – beherrscht.

Mit dem warmen, flexiblen Timbre ihres Soprans erregte Sarah Wegener als Sieglinde in unseren Breiten 2024 zu den Musikfestspielen in Dresden unter Kent Nagano Bewunderung. In Leipzig steht Sieglinde zwischen dem allwissend gottgleichen Gatten und einem jungen Mann, der zufällig an ihrem Herd vorbeireitet. Dieser modernen Frauengestalt verleiht sie psychologisch überzeugend Gestalt.

Die starke emotionale Glaubwürdigkeit ihres nicht übermäßig dramatischen, lyrischen Soprans kann aber stimmlich aufblühen und eint sich mit dem ebenfalls wenig heldischen Siegmund. Geschwister eben. Diesen Moment arbeitete die konzertante Aufführung einmalig heraus.

Klaus Florian Vogt, der die Partie in dieser Saison wieder in Bayreuth singt, bleibt auch außerhalb des „Grünen Hügels“ ein Ausnahmekünstler. Er ist ein Heldentenor ohne alles Heldische. In der Höhe ist seine Stimme mühelos. In der Anmutung bleibt sein Siegmund edel, selbst wenn er sich durch das Orchester am Dirigenten vorbei zur Geliebten und Schwester bewegt. Die Stimme überwindet das Mühsame. Siegmund und Sieglinde gemeinsam wecken Empathie und Verständnis für die Liebe.

Das war sehr schön.

Credits

erlebtes Konzert am 23.5.2026; veröffentlicht 24.5.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Foto: © PR Gewandhaus / R_JENSGERBER webside

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