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Leipzig: Glamour und Abgrund

Leipzig: Glamour und Abgrund

Wiederaufnahme von Shakepeares „Richard III.“ in der Regie von Enrico Lübbe

„Richard III.“ von William Shakespeare ist in seiner eigens eingerichteten Fassung von Marion Tiedtke wieder zurück auf dem Leipziger Spielplan. Ganz ohne oft übliche Regie-Zutaten gelingt hier das Entscheidende: Aus dem historischen Stoff wird unmittelbar erfahrbare Gegenwartsdramatik.

Von Moritz Jähnig

Szene „Richard III.“ mit Wenzel Banneyer und Anne Cathrin Buhtz

Der Abend beginnt im Groove
Shakespeares Schauerstück „Richard III“ ist am Schauspiel Leipzig zurück im Spielplan – und läuft an wie ein gut geölter Club-Act: alles cool, volle Hütte, vibrierende Stimmung. Wer vom Eingang an der Bosestraße ins Haus kommt, landet nicht einfach im Theater, sondern gefühlt mitten in einer lässigen Lounge. Aus den Lautsprechern perlt entspannter Swing, der die Kassenhalle und das zum Spielraum umfunktionierte Garderobenfoyer flutet – eher Opening-Set als Royal-Shakespeare. Der Mensch lässt sich von den Beats über die bekannte breite Treppe nach oben tragen. Die Schritte bekommen plötzlich Groove, und ehrlich – das Geländer braucht hier niemand. Alles wirkt wie ein fließender Übergang von Foyer zu Bühne, von Alltag zu Show.
Mit einem leichten Kopfnicken zu den Rhythmen geht’s vorbei an Gute-Laune-Gesichtern in den Saal, hinein in die komfortablen Sessel, fast wie in die Loge eines stilvollen Varietés.
Und der Sound? Bleibt. Kein harter Cut, kein klassischer Vorhangmoment. Der ist übrigens aus purem Glitzergold. Wow. Die Musik zieht sich durch, als hätte der Abend einen durchgehenden DJ-Mix.

Großer Auftritt Richard

Dann: Licht runter, Spot an – und der Star des Abends legt seinen Auftritt hin. Der Duke of Gloucester kommt zu seinem Eingangsmonolog nicht einfach herein, er slidet durch den Zuschauerraum wie ein Headliner auf die Bühne. Androgyn, geschniegelt, im schwarzen Slim-Fit-Anzug, mit dieser selbstverständlichen Coolness eines Cabaret-Profis.
In seiner Hand schaukelt ein Arming Sword. Buhtz spielt damit wie mit einem Show-Accessoire, wie Fred Astaire mit seinem Stöckchen, nur mit dunklerem Twist. Ein bisschen Glam, ein bisschen Abgrund. Genau daraus zieht dieser Einstieg in die Inszenierung Enrico Lübbes seinen Reiz.
Dann: Goldener Bühnenvorhang hoch. Tailliertes Sakko aus. Da steht Richard im ärmellosen weißen Shirt. Kein Star mehr. Anne Cathrin Buhtz in dieser Rolle mit vielen wechselnden Gesichtern erinnert auch an den eigenen Nachbarn im Feinripp-Vibes, den Tyrannen in Treppenhaus und Fahrradkeller.

Anne Cathrin Buhtz als Richard, Herzog von Gloster

Moral, Macht, Müll

Die Bühne wirkt jetzt wie ein verschachteltes, drehbares Labyrinth aus dunklen Latten, mal Palast, mal Hinterhof, mal düsterer Tower. Alles ist flexibel, alles in Bewegung. Eine Bühne, die sich ständig neu umbaut, während der Gig läuft, in dem wir selbst mitspielen. Die unterhaltsamen Rhythmen sind Geschichte. Stattdessen knarzt und knackt es. Geräusche übernehmen den Beat, erzeugen eine unterschwellige Spannung, die sich nie ganz auflöst.
Und dann steht da noch diese Badewanne, ein Requisit, dessen Bedeutung man nicht ganz greifen kann, das aber sofort Unruhe erzeugt.
Die Kostüme mixen Epochen. Nichts ist festgelegt, alles zitiert, alles spielt mit Bedeutungen. Am radikalsten bei Richard selbst: Kettenhemd und Krone überm labbrigen Männerunterhemd. High und Low, Machtpose und Banalität kollidieren frontal. Und genau daraus zieht Anne Cathrin Buhtz ihre Wirkung: Ihr Spiel ist eine perfekte Mischung aus Charme-Offensive und kalter Berechnung. Grausamkeit kommt hier nicht als Ausnahme daher, sondern als Alltag. Fast beiläufig, fast schon normal. Man lacht, erschrickt, glaubt ihr jede Sekunde.

Ein bitteres Finale
Die Frauenfiguren haben ihre eigenen Spots: manchmal sitzen sie auf einer kleinen Hollywoodschaukel, irgendwo zwischen Glanz und Absturz – und bleiben doch die einzigen verlässlichen moralischen Instanzen. Die Männer hingegen erscheinen als Mittäter, als willige Werkzeuge und vorauseilend gehorsame Ideengeber – ein starkes Ensemble in geschlossener Spielweise.
Der hauseigene Remix des 432 Jahre alten Stoffes wirkt erstaunlich gegenwärtig. Er erzählt von Macht und Machtgier, die nicht nur die Figuren auf der Bühne erfasst, sondern auch das Publikum spiegelt. Demagogen lügen – und man erkennt beunruhigend leicht, wie bereitwillig man ihnen folgt.
Shakespeares großer Showdown, die Schlacht von Bosworth, spielt sich vor dem Vorhang im grellen Saallicht ab. Die in Plastiksäcken verpackten Leichen stapeln sich zu einem drastischen, ernüchternden Bild.
Richard selbst tritt schließlich ohne jede Pathetik ab: Er endet im Müll. Der zuvor so charmante Headliner ist plötzlich nur noch ein Schatten im Backstage. Auch das ist eine der klaren Botschaften dieses Abends.

Annotation

„Richard III.“ von William Shakespeare, Deutsch von Thomas Brasch, Leipziger Fassung von Marion Tiedtke. Schauspiel Leipzig, Regie: Enrico Lübbe, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Sabine Blickenstorfer, Video: Robi Voigt, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Torsten Buß, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Videotechnik: Matthias Gruner

Besetzung

Anne Cathrin Buhtz als Richard, Herzog von Gloster

Bettina Schmidt als Königin Elisabeth

Katja Gaudard als Herzogin, Mutter von Gloster

Vanessa Czapla als Lady Anne

Larissa Aimée Breidbach als Königin Margaret

Tilo Krügel als König Edward, Catesby, Zweiter Mörder

Niklas Wetzel als Lord Rivers, Prinz von Wales, Vierter Bürger

Samuel Sandriesser als Richard von York, Marquis von Dorset, Dritter Bürger, Bischof

Wenzel Banneyer als Clarence, Bürgermeister, Tyrrell, Erster Bürger

Christoph Müller als Buckingham

Denis Petković als Hastings, Bischof

Michael Pempelforth als Stanley, Erster Mörder, Zweiter Bürger

Credits

Premiere 20.9.2024; besuchte Vorstellung 10.4.2026; veröffentlicht 11.4.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Rolf Arnold

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