„Mythen der Liebe“ – Begeisternde Balletturaufführungen an Anhaltischen Theater
Zwei antike Liebesgeschichten, zwei choreografische Handschriften: Emmanuelle Grizot und Anna Vita streifen in „Mythen der Liebe“ jugendliche Unbekümmertheit, erotische Erfahrung und die Macht der Natur. Ein Abend zwischen tänzerischer Leichtigkeit, moderner Deutung und musikalischem Glanz.
Von Moritz Jähnig

Ein Bühnenraum aus Farbe, Licht und Nichts
Zum Mythenspiel empfängt das Anhaltische Theater sein Publikum in einem der Bühnenräume von Moritz Nitsche, die sich, wie bereits in „Schwanensee“ zu sehen war, ausnehmend gut als Tanztableaus eignen. Waren dort noch architektonische Elemente erkennbar, verlässt sich der Szenograf für „Mythen der Liebe“ ganz auf die Wirkung seiner Gestaltungsmittel: große Punkte und Linien, breite Streifen und Bänder, die sich über die gesamte Bühnenbreite ziehen. So schafft er erneut einen Raum aus kaum mehr als Farbe, Licht und viel Nichts.
Der von jungen, sich wie spielend bewegenden Tänzerinnen und Tänzern nonchalant erzählte Märchenstoff „Psyché et Éros“ benötigt zu seinem optischen Glück nur ein am Himmel aufsteigendes Wölkchen. Darunter tanzen sechs Paare in weißen Hosen und zartfarbenen ärmellosen Shirts. Ihre Kleidung scheint die Haltung einer Generation auszudrücken, die zugleich auf Individualität und Anonymität insistiert, jener Generation, die wir bisweilen ratlos Gen-Z nennen.
„Psyché et Éros“: Die Gefühle einer Generation
„Psyché et Éros“ choreografierte die gebürtige Französin Emmanuelle Grizot, die seit 2024 am Dessauer Haus beschäftigt ist. Die Tänzerin, Tanzlehrerin und Choreografin ist hier bisher kaum in den Vordergrund getreten. Dass sie sich nun, nach der Ankündigung des auf eigenen Wunsch aus Dessau scheidenden erfolgreichen Ballettchefs, mit einer großen Arbeit vorstellt und dazu – fast möchte man sagen: mutig – französische Musik von César Franck im reformatorisch geprägten Bach-Land Sachsen-Anhalt auswählt, macht neugierig auf ihre weiteren Arbeiten.
Die unbekümmerten Tändeleien der Jugend wirken zunächst harmlos und zweckfrei. Dazwischen blitzen Momente der Rivalität und Gefahr auf. Eine leichte Ironie schwingt mit, wenn Grizot vier Industrieventilatoren auf die Bühne bringen lässt: Zephyr, der sanfte Westwind, entführt in der Geschichte Psyche auf ein fernes Eiland, wo Amor sie heimlich auf grünen Yogamatten oder Rollrasen besucht.
Eine Handlung im herkömmlichen Sinne will uns das Ballett nicht erzählen. Vielmehr macht es zeitlose menschliche Gefühlslagen wiedererkennbar. Grizot pflegt einen nachdenklichen Tanz, der ein Zeitgefühl vermittelt und zugleich Freiraum für individuelle Deutungen lässt.
Das hat allerdings auch seine Kehrseite. Von den feministischen Debatten, die seit Jahrzehnten entlang des vielschichtigen Mythos geführt werden, bleibt die Inszenierung weitgehend unberührt. Ästhetisch lässt sich ein Anschluss an die Romantasy erkennen, die als Gegenbewegung zum Zynismus der politischen Welt verstanden werden kann. Der neuen Romantik geht es um ernst gemeinte Gefühle, um Happy End und Wärme. Das verbunden mit der Frage, wie Zuneigung und Selbstbestimmung miteinander vereinbar sind. Der Jugend ging und geht es immer auch darum, gesehen zu werden. So lässt sich die Geschichte schließlich sogar mit den gegenwärtigen Protestbewegungen junger Menschen in Verbindung bringen.
„Daphnis und Chloe“: Die Macht der Natur und der Frau
Anna Vita erzählt im zweiten Teil des Doppelabends die Geschichte von Daphnis und Chloe in einem inhaltlich gut nachvollziehbaren Handlungsballett. Judith Fischer, deren historisch genaue Kostüme den Bildwelten beider Choreografien gerecht werden, hat für diesen Teil genussvoll Anleihen bei der Antike genommen. Figuren nach dem Vorbild der Vasenmalerei des 6. Jahrhunderts v. Chr. bewegen sich zwischen zwei Felsen. Prägnant die Maske den ziegenfüßigen Gott Pan die Verbindung von Mensch und Natur verkörpert, einerseits die Panflöte bläst und andererseits jenen Schrei ausstößt, der panischen Schrecken verbreitet. Herausragend wird der junge Gott getanzt von Marc Balló.
Aufmerken läßt, wie Vita die im Longus-Roman still aus der Handlung verschwindende Lykainion (bemerkenswert gestaltet von Giulia Riccio) choreografisch aufwertet. Die sexuell wissende und erfahrene Frau, die in der Begegnung mit Daphnis die traditionelle Geschlechterordnung umkehrt und den Mann ihrer Führung unterstellt, sitzt am Ende auf dessen Geheiß gleichberechtigt neben dem Gott Pan auf dem Thron. Die Gesellschaft huldigt beiden. Hier wird eine Perspektive eröffnet, die über eine bloß feministische Lesart hinausgeht: Lykainion besitzt Handlungsmacht und sexuelles Wissen, ist aber zugleich in eine gesellschaftliche Ordnung eingebunden. Ihre Erfahrung wird nicht ausgegrenzt, sondern erhält einen Platz im Zentrum der Gemeinschaft.
Ein musikalischer Glanzpunkt
Alle Überlegungen zur Wirkung des Ballettabends blieben unvollständig ohne die Anhaltische Philharmonie, den wunderbaren Opernchor (Einstudierung: Sebastian Kennerknecht) und ihren Generalmusikdirektor Markus L. Frank. Er dirigiert César Francks 1887 komponierte symphonische Dichtung „Psyché“ ebenso wie Maurice Ravels „Symphonie chorégraphique“ von 1912.
Besonders Ravels berühmter Sonnenaufgang, entfaltet sich aus zarten, beinahe flimmernden Klängen zu einem gewaltigen orchestralen Aufschwung. Vogelstimmen, Flöten und Streicher lassen zum „Lever du jour“ Natur hörbar werden, die aus der Nacht in ein neues Leben tritt. Das ist weit mehr als eine musikalische Illustration des Tagesanbruchs: Der Sonnenaufgang wird zum Sinnbild der Wiederherstellung einer bedrohten Ordnung.
Vielleicht ist das die schönste Botschaft, die sich aus der Begegnung mit den antiken griechischen Mythen im Jahr 2026 mitnehmen lässt: Griechenland, die Wiege der Demokratie, erinnert daran, dass eine menschliche Ordnung immer wieder neu aus Freiheit, Zuneigung und Gemeinschaft hervorgehen muss.

Marc Balló und Cristiana Rauccio
Annotation
“Mythen der Liebe”. Ballettabend von Emmanuelle Grizot und Anna Vita. Musik von César Franck und Maurice Ravel (Uraufführung). Anhaltisches Theater Dessau. Musikalische Leitung: Markus L. Frank, Bühne: Moritz Nitsche, Lichtdesign: Guido Petzold, Kostüme: Judith Fischer, Dramaturgie: Gregor Schima
Besetzung
Psyché
Choreografie: Emmanuelle Grizot
Le Sommeil de Psyché, Psyché enlevée par les Zéphyrs, Les Jardins d’Éros Zali Burr, Sabrina Kallan, Cristiana Rauccio, Giulia Riccio, Carlotta Rocchi, Simona Villa, Martin Anderson, Marc Balló, Victor Costa Santos, Marcos Vinicius dos Anjos, Joseph Edy / Lorenzo Fiorito, Kaito Kurokawa
Psyché et Éros: Erstes Duett Sabrina Kallan, Kaito Kurokawa
Psyché et Éros: Zweites Duett Giulia Riccio, Joseph Edy / Lorenzo Fiorito
Psyché et Éros: Drittes Duett Simona Villa, Victor Costa Santos
Psyché et Éros: Viertes Duett Zali Burr, Martin Anderson
Psyché et Éros: Fünftes Duett Carlotta Rocchi, Marc Balló
Psyché et Éros: Sechstes Duett Cristiana Rauccio, Marcos Vinicius dos Anjos
Daphnis et Chloé
Choreografie: Anna Vita
Chloe: Cristiana Rauccio / Simona Villa
Daphnis: Victor Costa Santos / Marcos Vinicius dos Anjos
Pan: Marc Balló / Joseph Edy
Dorkon: Martin Anderson / Lorenzo Fiorito
Lykainion: Giulia Riccio / Carlotta Rocchi
Bryaxis: Marcos Vinicius dos Anjos / Martin Anderson / Kaito Kurokawa
Drei Nymphen: Sabrina Kallan, Carlotta Rocchi, Zali Burr / Simona Villa, Cristiana Rauccio, Giulia Riccio
Vier Hirtenpaare: Simona Villa, Carlotta Rocchi, Zali Burr, Sabrina Kallan, Kaito Kurokawa, Joseph Edy, Martin Anderson, Marcos Vinicius dos Anjos / Cristiana Rauccio, Giulia Riccio, Victor Costa Santos, Marc Balló, Lorenzo Fiorito
Piraten: Simona Villa, Carlotta Rocchi, Zali Burr, Sabrina Kallan, Giulia Riccio, Martin Anderson, Kaito Kurokawa, Joseph Edy / Cristiana Rauccio, Victor Costa Santos, Marc Balló, Lorenzo Fiorito
Opernchor des Anhaltischen Theaters Dessau, Leitung: Sebastian Kennerknecht
Anhaltische Philharmonie Dessau
(Namen der Besetzung in der besuchten Vorstellung gefettet)
Credits
Premiere und besuchte Vorstellung 30.10.2026; veröffentlicht 1.11.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Claudia Heysel
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