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Bologna: Die Schönheit der Ordnung

Bologna: Die Schönheit der Ordnung

Bernd und & Hilla Becher – History of a Method“ in der Fondazione MAST

Lesarten der Industrie- und Arbeitsgeschichte bietet in zunehmendem Masse die in Bologna ansässige Stiftung Fondazione MAST in ihrer ständig wachsen Fotosammlung Unter der kuratorische Verantwortung des Fotografie-Experten Urs Stahel. Aktuell schildert MAST in einer umfangreichen Werkausstellung die „History of a Method“ in den Fotoarbeiten von Bernd und Hilla Becher.

Von Matthias Wießner

Blick in die Ausstellung

Ich freue mich, dass ich in der letzten Woche noch Gelegenheit hatte, die große Bernd-und-Hilla-Becher-Ausstellung „History of a Method“ in der Fondazione MAST in Bologna zu sehen. Die Ausstellung, die dem methodischen und thematischen Kosmos des Künstlerpaares gewidmet ist, gehört zu den eindrucksvollsten Auseinandersetzungen mit dem Werk der Bechers, die ich bisher gesehen habe.

Dabei geht es nicht allein um die berühmten Fotografien von Wassertürmen, Gasbehältern, Kühltürmen, Hochöfen, Kohlebunkern oder Fördertürmen. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie die Bechers ihre unverwechselbare fotografische Methode entwickelt haben und wie aus der systematischen Dokumentation industrieller Architektur eine der – über die Bundesrepublik hinaus –    einflussreichsten künstlerischen Positionen der Fotografie des 20. Jahrhunderts entstehen konnte.

Dass diese Ausstellung gerade in der Fondazione MAST zu sehen war, erscheint ausgesprochen schlüssig. Die 2013 in Bologna gegründete internationale, kulturelle und philanthropische Stiftung verbindet Technologie, Kunst und Innovation und versteht sich zugleich als Ort der Begegnung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Ihre Fotogalerie hat sich auf Fotografie zum Thema Industrie und Arbeit spezialisiert und präsentiert neben Werken aus der eigenen Sammlung regelmäßig internationale Leihgaben und historische Archive.

Unter der kuratorische Verantwortung des Fotografieexperten Urs Stahel ist die MAST-Sammlung auf mehrere Tausend Werke angewachsen. Die Sammlung dient nicht nur der Bewahrung, sondern auch der Entwicklung neuer thematischer Lesarten der Industrie- und Arbeitsgeschichte.

Zur Geschichte der Industriefotografie

Die Geschichte der Industriefotografie reicht bis in die Frühzeit der Fotografie im 19. Jahrhundert zurück. Mit der Industrialisierung entstand ein wachsender Bedarf, Fabriken, Maschinen, Produktionsabläufe und technische Anlagen fotografisch zu dokumentieren. Industriefotografie war zunächst vor allem Gebrauchsfotografie: Sie diente Unternehmen zur Dokumentation ihrer Werke, zur technischen Information, zur Werbung und zur Repräsentation. Gerade große Industrieunternehmen unterhielten teilweise eigene fotografische Abteilungen oder beauftragten spezialisierte Fotografinnen und Fotografen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus ein umfangreiches fotografisches Archiv der industriellen Moderne. Fotografien sollten Fortschritt, technische Leistungsfähigkeit und wirtschaftliche Größe sichtbar machen. Zugleich dokumentierten sie Arbeitswelten, die sich durch Mechanisierung und Rationalisierung tiefgreifend veränderten. Man denke etwa Fotografen der Neuen Sachlichkeit, wie Albert Renger-Patzsch und August Sander oder auch die avantgardistische Fotografie der 1920er und 1930er Jahre, z.B. der Amerikanerin Margaret Bourke-White und die franz. Avantgarde-Strömung „Nouvelle Vision“ um z.B. François Kollar oder Germaine Krull.

Um 1960 befand sich diese Tradition jedoch an einem Wendepunkt. Viele der großen europäischen Industrieanlagen, die in den Jahrzehnten zuvor fotografisch dokumentiert worden waren, stammten noch aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Nun gerieten sie zunehmend unter Modernisierungs- und Rationalisierungsdruck. Produktionsstandorte wurden geschlossen oder verlagert, Anlagen abgerissen und traditionelle Industriezweige wie Bergbau, Stahl- und Schwerindustrie strukturell verändert. Damit verlor auch die klassische Industriefotografie einen Teil ihrer bisherigen institutionellen Grundlage. Unternehmensarchive wurden aufgelöst, fotografische Abteilungen verkleinert und historische Bildbestände teilweise entsorgt.

Ausgerechnet in diesem Moment begannen Bernd und Hilla Becher, sich intensiv mit den scheinbar aus der Zeit gefallenen Industrieanlagen zu beschäftigen. Was für die Industrie zunehmend als überholte Infrastruktur erschien, wurde für die beiden Fotografen zu einem eigenständigen Gegenstand von Kunst und visueller Forschung. Darin liegt auch die historische Pointe ihrer Arbeit: Die Bechers begannen die industrielle Architektur systematisch zu fotografieren, als die institutionelle Industriefotografie, die sie über Jahrzehnte dokumentiert hatte, gerade an Bedeutung verlor.

Ihre Arbeit markiert damit einen Übergang: Die Fotografie der Industrie löst sich von ihrer ursprünglichen Funktion als Unternehmens-, Werbe- und Dokumentationsfotografie und wird zu einer eigenständigen künstlerischen Auseinandersetzung mit der gebauten industriellen Umwelt. Die Bechers bewahrten damit nicht nur einzelne Bauwerke vor dem visuellen Vergessen. Sie machten die Industriearchitektur selbst zum Gegenstand einer neuen fotografischen Kunstsprache.

Vom Industrieobjekt zur Typologie

Ende der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre begannen Bernd und Hilla Becher, systematisch industrielle Bauwerke zu fotografieren, die in der klassischen Kunstfotografie kaum Beachtung gefunden hatten. Ihre berühmten Typologien – meist neun bis 24 Fotografien, die in einem Raster nebeneinander oder untereinander angeordnet sind – wurden zu ihrem Markenzeichen.

Das Prinzip ist zunächst denkbar einfach: Bauwerke mit derselben Funktion werden miteinander verglichen. Ein Wasserturm steht neben einem anderen Wasserturm, ein Gasbehälter neben einem Gasbehälter, ein Förderturm neben weiteren Fördergerüsten.

Doch gerade durch diese Gleichordnung werden die Unterschiede sichtbar. Was zunächst gleich erscheint, erweist sich bei genauer Betrachtung als erstaunlich vielfältig. Proportionen, Materialien, Konstruktionen, Details und regionale Besonderheiten treten hervor. Hilla Becher verglich dieses Vorgehen mit der Systematik der Biologie: Wie Tiere in Familien, Arten und Unterarten eingeordnet werden, sollten auch die industriellen Bauwerke nach ihren typologischen Gemeinsamkeiten geordnet werden. Die Fotografie wird dadurch zu einer Art visueller Klassifikation.

Aufschlussreich in diesem Kontext sind die in der Ausstellung gezeigten frühen Fotografien Hilla Bechers, in denen sie Pflanzen und Blätter in den Mittelpunkt stellte. Ihre präzise, sachlich-konzentrierte Darstellung erinnert sowohl an Albert Renger-Patzsch als auch an Karl Blossfeldt. Während Renger-Patzsch die charakteristische Form und Materialität seiner Motive mit großer Klarheit herausarbeitete, machte Blossfeldt in seinen Pflanzenfotografien die oft überraschend architektonische Struktur der Natur sichtbar. Auch in Hilla Bechers frühen Aufnahmen lässt sich ein Interesse an Formen, Strukturen und typologischen Gemeinsamkeiten erkennen, das später in der gemeinsamen fotografischen Untersuchung industrieller Bauwerke eine neue Richtung erhielt. Die Pflanzenbilder eröffnen damit einen interessanten Blick auf mögliche formale und ästhetische Vorläufer ihrer späteren Arbeit.

Das scheinbar Objektive ist komponiert

Eine der wichtigen Einsichten der Ausstellung besteht darin, dass diese vermeintlich sachliche und objektive Fotografie keineswegs voraussetzungslos ist. Die Bechers mussten entscheiden, was sie fotografierten, aus welcher Entfernung, aus welcher Perspektive und unter welchen Lichtbedingungen. Sie suchten die Standorte ihrer Aufnahmen häufig nach langen Erkundungen zu Fuß aus. Auch die Zusammenstellung der späteren Typologien war ein bewusster künstlerischer Akt.

Die Ausstellung macht deutlich, dass dabei sowohl rationale Kriterien – Funktion, Konstruktion, Material, Baugeschichte oder geografische Bedingungen – als auch ästhetische Entscheidungen eine Rolle spielten. Gerade dieser Gegensatz macht die Arbeiten so faszinierend: Sie sehen aus wie wissenschaftliche Dokumentationen, sind aber zugleich höchst präzise künstlerische Kompositionen.

Eine untergehende industrielle Welt

Die historische Dimension der Fotografien wird in Bologna besonders deutlich. Als die Bechers mit ihrer Arbeit begannen, befand sich die europäische Industrie bereits in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Fabriken wurden geschlossen, Produktionsstätten verlagert, Anlagen modernisiert oder vollständig abgerissen. Die Bechers wussten, dass viele ihrer Motive verschwinden würden. Sie fotografierten deshalb nicht nur aus künstlerischem Interesse, sondern auch mit einem Bewusstsein für die Vergänglichkeit der industriellen Landschaft und zur Dokumentation. Ihre Fotografien sind damit heute zugleich Kunstwerke und historische Dokumente. Sie bewahren eine industrielle Architektur, die in vielen Fällen nicht mehr existiert.

Besonders eindrucksvoll ist in der Ausstellung die Präsentation der Aufnahmen des Bergwerks Ewald Fortsetzung in Recklinghausen. Die zwischen 1982 und 1985 entstandenen Fotografien zeigen das Bergwerk aus unterschiedlichen Perspektiven und machen deutlich, wie die Bechers ein industrielles Ensemble fotografisch zerlegen und anschließend zu einer visuellen Einheit komponieren.

Aussagekräftig: der Film von Marianne Kapfer

Für das Verständnis der Bechers ist neben der Ausstellung auch der Dokumentarfilm „Die Fotografen Bernd & Hilla Becher“ aus dem Jahr 2012 von Marianne Kapfer ausgesprochen aufschlussreich. Der Film lässt die beiden selbst ausführlich zu Wort kommen und vermittelt dadurch einen unmittelbaren Eindruck von ihrer Arbeitsweise, ihrer Haltung zur Fotografie und ihrem Verhältnis zur industriellen Architektur. Neben Bernd und Hilla Becher sowie ihrem Sohn Max Becher kommen zahlreiche Wegbegleiter und SchülerInnen der legendären Düsseldorfer Kunstakademie zu Wort, darunter Thomas Struth, Götz Diergarten, Thomas Ruff und Candida Höfer.

Gerade diese Perspektive der Schüler ist interessant, weil sie deutlich macht, welche Wirkung die Lehre der Bechers auf eine ganze Generation von Fotografen hatte. Die Düsseldorfer Schule entwickelte sich aus dieser Tradition heraus zu einer der international bedeutendsten Richtungen der zeitgenössischen Fotografie. Dabei wird zugleich deutlich, dass die Schüler keineswegs einfach die Ästhetik ihrer Lehrer kopierten. Thomas Struth, Thomas Ruff, Candida Höfer, bis hin zu einem der letzten Becher-Schüler Götz Diergarten entwickelten jeweils sehr eigenständige Positionen. Gemeinsam bleibt ihnen jedoch die Vorstellung, Fotografie nicht allein als spontanen Ausdruck eines subjektiven Augenblicks zu verstehen, sondern als ein Medium genauer Beobachtung, systematischer Analyse und bewusster Bildkonstruktion.

Von der Dokumentation zur Kunst

Die Ausstellung zeigt damit auch, warum die Bechers weit über die Geschichte der Industriefotografie hinaus Bedeutung besitzen. Ihre Arbeiten stehen zwischen Dokumentation und Kunst, zwischen wissenschaftlicher Klassifikation und ästhetischer Konstruktion. Die industriellen Bauten werden dabei ihrer ursprünglichen Funktion ein Stück weit enthoben. Ein Förderturm ist nicht mehr ausschließlich Teil eines Bergwerks, ein Wasserturm nicht mehr lediglich ein technisches Versorgungsbauwerk. Die Gebäude werden zu Formen, Volumen und Strukturen.

Schon der Titel ihres 1970 erschienenen Buches „Anonyme Skulpturen“ bringt diese Verschiebung prägnant zum Ausdruck. Aus technischen Zweckbauten werden – ohne dass ihre Funktion geleugnet wird – autonome visuelle Erscheinungen.

Ein Vermächtnis für die Fotografie

Besonders schön ist deshalb, dass die MAST-Ausstellung auch Werke von Künstlern aus dem Umfeld der Düsseldorfer Fotoschule einbezieht, darunter Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Ruff und Tata Ronkholz. So wird die Ausstellung zugleich zu einer Geschichte des Einflusses der Bechers auf die nachfolgende Fotografie. Man kann nachvollziehen, wie aus ihrer scheinbar nüchternen Methode unterschiedliche Formen zeitgenössischer Fotografie hervorgegangen sind.

Und vielleicht liegt gerade darin die nachhaltigste Leistung von Bernd und Hilla Becher: Sie haben den Blick auf eine industrielle Welt verändert, die in der Kunst zwar bereits zuvor Gegenstand fotografischer und künstlerischer Auseinandersetzung gewesen war, von ihnen jedoch mit einer bis dahin ungewöhnlich konsequenten typologischen Methode untersucht wurde. Sie haben uns gelehrt, industrielle Architektur nicht nur als Funktion, sondern als Form, als Geschichte und als ästhetisches Phänomen zu betrachten.

Fazit

„History of a Method“ ist deshalb weit mehr als eine Retrospektive zweier bedeutender Fotografen. Die Ausstellung ist eine Schule des Sehens. Die Bechers fotografierten immer wieder ähnliche Dinge – und machten gerade dadurch deren Unterschiede sichtbar. Sie arbeiteten mit größtmöglicher formaler Disziplin und schufen daraus eine Fotografie von erstaunlicher poetischer Kraft. Ihre Bilder erzählen zugleich von technischer Rationalität, industrieller Arbeit, wirtschaftlichem Wandel und dem Verschwinden einer ganzen Epoche. Vielleicht liegt die besondere Faszination darin, dass die Bechers ihre Industrieobjekte niemals sentimental betrachten. Sie verklären die Vergangenheit nicht. Sie schauen genau hin. Und aus diesem genauen, beharrlichen Blick entsteht Kunst. Die eigentliche Leistung der Bechers liegt vielleicht darin, dass sie uns beigebracht haben, in der Wiederholung den Unterschied zu sehen.

Epilog eines Ostdeutschen

Ein Vergleich mit der Industrie-Fotografie in der DDR der 1970er- und 1980er-Jahre macht unterschiedliche Perspektiven auf die industrielle Arbeitswelt sichtbar. Während die Bechers industrielle Bauten und technische Anlagen weitgehend unabhängig von ihrer Nutzung und den Menschen, die in ihnen arbeiteten, als typologische Bildgegenstände erfassten, richteten viele DDR-Fotografinnen und -fotografen ihren Blick stärker auf die Menschen, ihre Tätigkeiten und ihre sozialen Lebenszusammenhänge. Ein Beispiel ist die Leipziger Fotografin Evelyn Richter, deren fotografisches Werk den Alltag der Menschen mit großer Aufmerksamkeit für ihre konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen dokumentiert. Diese Gegenüberstellung ist allerdings keine absolute: Auch in der DDR entstanden Architekturfotografien und sachliche Aufnahmen industrieller Anlagen, während die Bilder der Bechers die menschliche Arbeit zumindest indirekt in den Bauwerken und technischen Strukturen präsent halten. Der Unterschied liegt daher weniger in einem strikten Gegensatz als in der jeweiligen Gewichtung: Hier die typologische Untersuchung der industriellen Architektur, dort häufig die Beobachtung des Menschen innerhalb seiner gesellschaftlichen und beruflichen Wirklichkeit.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung „Bernd & Hilla Becher. History of a Method“ in der Fondazione MAST in Bologna wurde von drei Personen kuratiert: Gabriele Conrath-Scholl, Max Becher und Urs Stahel. Sie lief vom 23. April bis zum 27. September 2026 und zeigte mehr als 350 Originalfotografien sowie ergänzende Materialien wie Zeichnungen, Bücher und Plakate.

Neben den drei Kuratoren waren zwei Einrichtungen maßgeblich beteiligt:

* Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur der Sparkasse Köln/Bonn: Sie konzipierte die Ausstellung und brachte ihre langjährige Expertise sowie Bestände und Archivkenntnisse zum Werk der Bechers ein.

* Fondazione MAST: Sie organisierte die Präsentation in Bologna und entwickelte gemeinsam mit der Kölner Institution das Ausstellungsprojekt für ihre Räume weiter.

Creditis

veröffentlicht 1.11.2026

Text: Matthias Wießner, freier Autor, Leipzig/Basel

Fotos: © Archiv Autor

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