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Leipzig: Bildzeugnisse des Umbruchs

Leipzig: Bildzeugnisse des Umbruchs

Zur Ausstellung „HYPERION – Malerei von Michiel Frielink“ im Kunstraum Ars avanti, Alte Handelsschule

Seit mehr als 12 Jahren lebt und arbeitet Michiel Frielink in Leipzig, so dass er hier kein Unbekannter mehr ist. Er gehört zur Leipziger Kunstszene und dennoch ist diese Personalausstellung mit überwiegend großformatigen Bildern schon einmalig.

Von Barbara Röhner

Michiel Frielink „Dämmerung“, 2024

Erinnerung im Material

Vor bereits vier Jahren hing in diesem Ausstellungsraum ein Bild von ihm im Rahmen des Artist-in-Residence-Programms PILOTENKUECHE. Es ist das Bild „Die Trennung“, das damals schon künstlerisch herausstach. Hier begegnen wir Frauen, die rote Fahnen in einer Wasserlache waschen, in deren Mitte das Hakenkreuz entfernt wird. Dieses Zeichen musste beim Anmarsch der Alliierten schnell vernichtet werden. Der Stoff darum herum konnte aber durchaus für neue Fahnen oder Kleider genutzt werden.

Solcherart Pragmatismus mag irritieren und moralische Fragen aufwerfen. Haben doch viele Bevölkerungskreise im Gegensatz zu den Verfolgten, Geflüchteten, Eingesperrten und Gefolterten den Sieg über Nazideutschland durchaus nicht als Befreiung, sondern vielmehr als Kapitulation empfunden.

In den meisten deutschen Haushalten hing über ein Jahrzehnt hinweg das Führerbildnis und wurde ebenso entsorgt und durch anderen Wandschmuck ersetzt.

Wie haben Frauen aber den Verlust ihres Mannes oder gar des eigenen Sohnes verkraftet, die im Krieg gestorben oder körperlich und seelisch verstümmelt wurden? Über dieses Bild wurde bereits ein Katalog herausgegeben, in dem der Leipziger Schriftsteller und Autor Nils Müller einen eindrucksvollen Text samt Lyrik beisteuerte.

Ambivalenz im Dämmerlicht

Düster in der Thematik, farbenfroh aber in der Ausführung – dieser Gegensatz begegnet uns auch in vielen anderen Bildern dieser Ausstellung. Allen voran im Bild „Die Dämmerung“. Fünf Frauen leuchten förmlich durch ihre farbgewaltigen Kleider aus dem dunklen Untergrund heraus – oder sind es eigentlich nur drei? Gewisse Ähnlichkeiten verwirren. Die Frauen umgeben ein Kind, das mit aufgerissenen Augen und Mund aus dem Bild über die Betrachter hinweg schaut.

Ist es tatsächlich die aufgehende Sonne, worauf die blau gekleidete Frau zeigt, wie uns der Titel „Dämmerung“ vermuten lässt, oder eher eine Feuerglut, die alles Irdische zu vernichten droht? Verbandskasten und Wassereimer könnten durchaus darauf hinweisen.

Aber im Bild finden sich noch mehr Zitate, die weitere Bedeutungsebenen eröffnen. So könnte der Holzbalken, gehalten von der Frau im violetten Kleid, auf das Marterkreuz Christi verweisen, und der Eckstein im unteren Bild ebenso als Metapher für Jesus Christus gelesen werden. Die regenbogenfarbenen Kleider könnten in diesem Kontext die Hoffnung auf Frieden symbolisieren. Ein „Kyrie eleison“ mag sich als Hintergrundmusik ins Gehirn schleichen. Aber das ist nur eine mögliche Lesart, der sich unzählige anschließen können.

Renaissance im Gegenwartsbild

Solche Interpretationsmöglichkeiten bieten auch weitere in der Ausstellung gezeigten Gemälde, doch gehört zu den Besonderheiten von Michiel Frielinks Malerei noch viel mehr: in erster Linie sein ganz eigener Duktus des Farbauftrags und die Farbzusammenstellung selbst. Denn während die meisten Maler seiner Generation mit industriegefertigten Acryl- oder Ölfarben arbeiten, mischt sich Michiel – wie die alten Meister – seine Farben selbst zusammen. Seine dramatisch in Szene gesetzten Motive mögen an Rembrandt oder Caravaggio erinnern, doch in der Farbmischung der „Tempera grassa“ sind die Anfänge bereits im Quattrocento der italienischen Renaissancekunst zu finden.

Die mit Pigmenten versehene Mischung aus Eigelb und Öl ist insbesondere in Botticellis Malerei berühmt geworden, dem Michiel Frielink in seinem Bild <ESC> durch den Verweis auf die „Geburt der Venus“ höchsten Tribut zollt.

Wofür steht aber das ESC in seinem überdimensionalen Schöpfungsbild samt integriertem Selbstbildnis? Laut Aussage des Künstlers verweist der Titel auf die Escape-Taste, was der Interpretation noch mehr Türen und Tore öffnet.

Krieg, Mythos und Moderne

Die Kriegsthematik beherrscht trotz der intensiven Farbigkeit diese Ausstellung. Nicht zufällig lautet der Titel HYPERION. Als Titan des Lichtes in der altgriechischen Mythologie ist er in Hölderlins gleichnamigem Roman eher ein tragischer Held. Entstanden im ausgehenden 18. Jahrhundert, wird anhand der Hauptfigur Hyperion schließlich das eigene Leben Hölderlins reflektiert. Wie im Roman der Krieg zwischen Griechenland und der Türkei 1770 das Leben des Romanhelden bestimmte, war es bei Hölderlin bekanntlich die Französische Revolution. Griechenland als Sinnbild für die Einheit von Natur und Kultur musste verteidigt werden – so wie die Ideale der Französischen Revolution Liberté, Égalité, Fraternité.

Der Satz Rousseaus: „Der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten“, prägte ganze Generationen von Menschen, die sich nach einer neuen Gesellschaft sehnten.

Ästhetik des Rückzugs

In Hölderlins Roman „Hyperion“ offenbaren sich jedoch die Schrecken des Krieges. Hyperion zieht sich nach dem Tod seiner Begleiter und insbesondere seiner geliebten Diotima als Einsiedler zurück und sucht seinen Frieden im Einklang mit der Natur. Enttäuscht und entsetzt von den Folgen der Französischen Revolution und ebenso nach dem Tod von Hölderlins geheimer Geliebter (Susette Gontard) verlor sich der Schriftsteller im Wahnsinn.

Bildwelten der Zerstörung

Angesichts mancher hier zu sehenden drastischen Ereignisse wie z. B. im Bild „Die Macht der Gedanken“ ist ein Sturz in den Wahnsinn nach den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges und aller nachfolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen durchaus nachvollziehbar. Doch die Erde dreht sich weiter. Der Selbsterhaltungstrieb ist stärker – es muss ja irgendwie weitergehen.

Hier versammeln sich wieder Frauen, nun auf dem Gendarmenmarkt  in Berlin, um im Stahlhelm als provisorischem Kochtopf das Schlachtross zu verarbeiten. Auch dieses Bild birgt wieder unheimlich viele Zitate und Symbolik.

So niederschmetternd diese Szenerie auch ist, ruht alle Hoffnung auf der im Vordergrund vor sich hinlächelnden Frau im sauberen, gelb strahlenden Kleid. Im Gelbpigment übertrifft es sogar die ebenfalls im Raum anzutreffende Zitrone.

Die Zitrone als Vanitassymbol

Dieses beliebte Motiv der niederländischen Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts galt nicht nur als Prestigeobjekt, da es damals ein Luxusgut war. Sie diente in erster Linie als Vanitassymbol, als Frucht, die schnell in den schönsten Farben schimmeln konnte. In christlicher Ikonographie gilt sie als Zeichen der Reinheit, aber auch als Frucht des Sündenfalls. Sie diente zudem als Ausdruck der Virtuosität des Künstlers selbst, der über die Detailgenauigkeit und Lichteffekte hinaus mit den geringelten Schalen zugleich das perspektivische Verständnis präsentieren konnte.

Kein Wunder also, dass die Zitrone in der Malerei immer wieder auftaucht. Angesichts der Ambivalenz dieser Frucht und der gesamten Motivwelt Michiel Frielinks bleibt zu resümieren: „Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus.“

Informationen zur Ausstellung

„HYPERION – Malerei von Michiel Frielink“

Ausstellung im Kunstraum ars avanti e.V., Alte Handelsschule, Gießerstraße 75, 2. OG, 04229 Leipzig

Laufzeit: 28. 02.- 14.03.2026

Finissage: 14.03.2026, 15:00 Uhr

Öffnungszeiten: Mo–Do: 9:00–11:30 Uhr, Fr+Sa: 15:00–18:00 Uhr

Weitere Infos www.arsavanti.de

Kontakt: info (et) arsavanti.de

Credits

Text: Dr. Barbara Röhner, Auszüge aus der Laudatio, gehalten am 27. 2. 2026 im ARS AVANTI Kunstraum in der Alten Handelsschule Leipzig

Bildquellen:  Autorin, oben (c) Michiel Frielink „Die Macht der Gedanken“, 2024, Ausschnitt

Veröffentlicht: 05.03.2026

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