36. euro-Scene Leipzig stellt sich mit seinen Mitteln dem Dauer-Disput über den Begriff „Heimat“

Der Blick sollte immer nach vorn gehen, eine kurze Erinnerung an 2025 sei trotzdem gestattet: Der Auftakt mit einem unglücklichen Hippie-Happening verstolperte sich auf der großen Opernbühne gründlich. Die locker gedachten Live-Schalten zum Augustusplatz zogen sich zum Einschlafen, und die Biermann-Lieder singende Beigeordnete Martina Münch wirkte wie ein Tanzkurs für Anfänger: bemüht.
2026 stolperte die Eröffnung nicht wieder über die eigene Bemühtheit. Die euro-scene war ganz bei sich, international, mehrsprachig, offen für Anregungen von außerhalb der eigenen Blase. In der Bosestraße trat die kanadische Künstlerin Athena Lucie Assamba (Montréal) vor die Festgesellschaft und mit ihr in Kontakt. Wie eine von der Zeit unberührte Priesterin formte sie eine Gemeinschaft, in der jeder Teil eines Ganzen wurde. Ein magischer Moment.
Von Moritz Jähnig

© Sylvie-Ann Paré
Zwei Wege der Verwandlung
Bekannt ist das Tanztheater Marie Chouinards hierzulande vor allem aus Beschreibungen und von Gastspielen. Auch in Venedig, wo die 1955 in Québec geborene Choreografin von 2017 bis 2020 die Biennale Danza leitete, ist es zu erleben gewesen. In der internationalen Tanzwelt bleibt sie vor allem durch ihre sinnenfrohe Neulesung von Nijinskys „Nachmittag eines Fauns“ unvergessen. Umso größer die Freude, sie zur Eröffnung der euro-scene endlich auch in der Tanzstadt Leipzig zu erleben.
Zehn Tänzerinnen und Tänzer hat die Compagnie mitgebracht, dazu zwei Arbeiten, die ihre Handschrift auf unterschiedliche Weise zeigen: den Publikumserfolg „Henri Michaux: Mouvements“ und das jüngere „Magnificat“. Von Theater im Sinne einer Handlung kann keine Rede sein. Beide Stücke erzählen über Bilder, und Signale von Verwandlung, doch auf entgegengesetzten Wegen.

Foto: (c) Sylvie Ann Pare
Lebende Tusche
In „Mouvements“ wandert der Strich vom Papier in den Raum. Michaux’ Tuschezeichnungen, flüchtige Spuren von Gesten statt Abbilder von Dingen, werden Fleisch: Die Tänzer sind lebende Tuschespuren. Sie zucken, kippen, vibrieren, ballen sich archaisch zu Klumpen, zerfallen, rufen. Der Körper zerlegt sich in Einzelimpulse, die zu Schwärmen und Gruppenbildern zusammenschießen. Das ist ein rastloser, bisweilen unheimlicher Vorgang, der beim Rohen, Zuckenden, Vorsprachlichen ansetzt. Man verfolgt ihn nicht ohne Angstgefühl, mit angehaltenem Atem, und es ist ein Genuss.
Verklärung ohne Hülle
„Magnificat“ schlägt die Gegenrichtung ein. Bachs beispielloser Lobgesang bleibt ungestört. Er wird nicht in Fragmente zerlegt, sondern trägt die Körper nach oben. Aus den großen Gruppenbildern lösen sich kleine Besetzungen, Trios, Duette, Solisten, und der Schwarm nimmt sie wieder auf.
Was in „Mouvements“ durch Zersetzung geschieht, ist in „Magnificat“ Verklärung: Aus dem Zucken wird Anmut, aus dem Schwarm eine Prozession. Bühnenfarbe und Licht legen sich wie Kleidung über die unverhüllten Körper, die sonst nichts brauchen. Die Nacktheit schockiert nicht, sie wird selbstverständlich und rückt den Blick auf das, worum es geht: Bewegung, Atem, Gemeinschaft.
Bach, Heimat und ein Leipziger Echo
Das Programm der diesjährigen euro-scene fragt nach dem Begriff „Heimat“, und Bach gehört in Leipzig zu ihr. Ihn zu vertanzen hat hier Tradition und stiftet Identität. Mario Schröder, dem die Stadt viel verdankt, was man mit wachsendem Abstand mehr und mehr zu würdigen beginnen wird, hat 2019 mit dem Leipziger Ballett ein eigenes „Magnificat“ uraufgeführt, mit Musik von Bach, Pergolesi und klassischer indischer Musik. Bei ihm ist Bach der Ausgangspunkt für eine Öffnung ins Fremde. Chouinard dagegen gibt sich der Bachschen Form und ihrem Gestus des großen Lobes, der auch sinnlichen Lebensfreude, rückhaltlos hin.
Die Festivaleröffnung 2026 im Leipziger Schauspielhaus hielt, was sie vorab vollmundig versprach: ein prachtvoller Abend.

Foto: © Iona Dutz
Annotation
“Magnificat” & Henri Michaux: Mouvements” . Compagnie Marie Chouinard (Montréal)
MAGNIFICAT Choreografie Marie Chouinard Musik Johann Sebastian Bach: Magnificat BWV 243 Licht + Bühne + Kostüme + Maske Marie Chouinard Kreation Madrid en Danza Festival, Madrid, 25. Mai 2025
HENRI MICHAUX: MOUVEMENTS Choreografie + Vokalgestaltung Marie Chouinard Musik Louis Dufort Licht + Bühne + Video + Kostüme + Haarstyling Marie Chouinard Texte + Zeichnungen Henri Michaux, aus „Mouvements“ (1951), mit Genehmigung der Rechteinhaber Henri Michaux & Éditions Gallimard Übersetzung Howard Scott Sprecher Gérard Reyes Kreation ImPulsTanz, Vienna International Dance Festival, Wien, 2. August 2011
Besetzung
Michael Baboolal, Adrian W.S. Batt, Julianna Bryson, Justin Calvadores, Rose Gagnol, Valeria Galluccio, Béatrice Larouche, Luigi Luna, Carol Prieur, Arnaud Mongeon, Jérôme Zerges
Probenleitung Paige Culley Touring Martin Coutu Leitung Technik + Bühne Félix Lefebvre Lichttechnik Tristan-Olivier Breiding Tontechnik Maxime Lambert Internationale Gastspielvertretung Julie George Gastspielförderung Conseil des arts et des lettres du Québec (CALQ), Vertretung der Regierung von Québec in Berlin
Produktion Compagnie Marie Chouinard Koproduktion HENRI MICHAUX: MOUVEMENTS ImPulsTanz (Wien) FörderungConseil des arts et des lettres du Québec (CALQ), Conseil des arts de Montréal (CAM), Canada Council for the Arts (CAC)
Credits
besuchte Vorstellung Festivaleröffnung 3.11.2026; veröffentlicht 4.11.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
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