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Leipzig:  Kimchi aus der kalten Küche

Leipzig: Kimchi aus der kalten Küche

36. euro-scene

Jaha Koo (Seoul/Gent) überzeugte wenig

Koreanische Restaurants lassen sich in Leipzig an einer Hand abzählen. Ein Imbiss vom Typ Pojangmacha, der seine Gäste nachts frisch bekocht, ist hierzulande schlicht undenkbar. Wer um zwei Uhr morgens Appetit bekommt, kennt nur eine Adresse: die Tankstelle mit Würstchen aus dem Wärmeschrank, Chips und Gummibärchen. Die euro-scene geht mit einem Gastspiel des in Belgien lebenden koreanischen Künstlers Jaha Koo gegen diesen Trend an.

Von Moritz Jähnig

Ein Imbiss im Ballsaal

Jaha Koo kocht für sein Publikum. Zuvor läuft eine längere Videoprojektion mit Bildern aus den Häuserschluchten zwischen den Wohntürmen von Seoul: nervtötende Bilder, nervtötende Geräuschcollagen. Dann entkleidet der Künstler im dunklen Ballsaal der Schaubühne Lindenfels einen kleinen Pavillon, legt die Zeltbahnen umständlich und pedantisch genau zusammen und stellt sich hinter den darunter verborgenen Imbissstand.

Zwei Gäste im Dauerfeuer

Koo wählt zwei Personen aus dem Publikum, die nicht zu beneiden sind. Gut 40 Minuten lang textet er sie auf Englisch voll und schenkt ihnen ein. Während sie auf die nächste Portion koreanischer Leckerbissen warten, müssen sie seine Gardinenpredigt über sich ergehen lassen: vereinsamte Gartenschnecken, flüchtende Aale, platzende Kimchi-Beutel, penetrante Gerüche, die Mutter, der Schulfreund, die Geschwister der Mutter, Stadt – Land und so weiter. Das ist enervierend, hochgradig trivial und vorhersehbar, alles irgendwie schon gewusst.

Artiger Beifall

Am Schluss gab es natürlich Beifall der artigen Art, in den wir ohne Zögern einstimmten. Er gilt unsererseits dem Anliegen, nicht dem erlebten Theater. Für selbiges wurde Koo im Herbst in Oslo mit dem International Ibsen Award ausgezeichnet. I

n welchem Umfeld bewegen wir uns da ästhetisch? 2022 ging der Preis an das australische Back to Back Theatre, ein neurodivers besetztes Ensemble, für radikale, kollaborative Performance. 2024 erhielt ihn Lola Arias, deren Theater sich laut Komitee ohne intellektuelle Überheblichkeit mit der Gegenwart auseinandersetzt.

Ibsen stellt Fragen

Der Dramatikcr Hendrik Ibsen deutete in seinen Stücken häufig ein Gegenmodell an, eine Gesellschaft, die auf Wahrhaftigkeit, individueller Freiheit und gleichberechtigten Beziehungen beruht. Er wollte Fragen stellen, nicht Antworten geben.

An den Fragen, die Jaha Koo aufwirft, liegt es nicht. Studien belegen, dass sich die Gehirne von Asylsuchenden durch ständig erfahrene Ablehnung verändern und dass sie krank werden und leiden. Das ist auch in unserer deutschen Heimat Realität, wie Beratungsstellen bestätigen. Um ein weiteres Bild aus der Gardinenpredigt aufzugreifen: Wir alle haben schon einmal als Beamte hinterm Schalter gesessen und unseren Unmut über den miesen Geruch von Ausländern abgelassen. Das müsste uns empören. Der Abend hier ärgerte uns aber nur. „Haribo Kimchi“ läßt trotz aller partizipativen Elemente kalt.

Heimat als mobile Größe

Da es auf dem Festival inhaltlich um Heimat geht, lernen wir: Heimat ist eine mobile Größe, die immer dort ist, wo wir sind. Ach, Gottchen.

Trotz erheblicher Einwände: Dank an die euro-scene, dass sie diese Position nach Leipzig geholt hat. Studierende der Theaterwissenschaft luden anschließend nicht ohne Grund das Publikum zur Diskussion.

Weitere Vorstellungen

5.11., 21.30 Schaubühne Lindenfels

Annotation

„Haribo KimshiI“, Jaha Koo (Gent / Seoul).

Konzept + Text + Regie + Musik + Ton + Video Jaha Koo Performance Gona, Haribo, Eel, Jaha Koo & zwei Gäste Dramaturgie Dries Douibi Bühne + Recherchemitwirkung + Medientechnik Eunkyung Jeong Künstlerische Beratung Pol Heyvaert Technische Koordination Korneel Coessens Technik Bart Huybrechts, Tom Daniels, Jasse Vergauwe Produktionsleitung Wim Clapdorp Lektorat (Englisch) Jason Wrubell Animation Schnecken Vincent Lynen Kreation Tangente St. Pölten, 7. Juni 2024

Produktion CAMPO Koproduktion Kunstenfestivaldesarts (Brussels), Rideau de Bruxelles, Theater Utrecht, SPRING festival (Utrecht), Festival d’Automne à Paris, Théâtre de la Bastille (Paris), Tangente St. Pölten – Festival für Gegenwartskultur, & Espoo theatre (Espoo), Internationales Sommerfestival Kampnagel (Hamburg), Sophiensaele (Berlin), Meet You Festival (Valladolid), Bunker (Ljubljana), National Theatre and Concert Hall Taipei, The Divine Comedy International Theater Festival / Teatr ?a?nia Nowa (Kraków) & Perpodium Unterstützung Taxshelter der belgischen Bundesregierung via Cronos Invest und der Flämischen Regierung

Credits

Besuchte Vorstellung 4.11.2026; veröffentlicht 5.11.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

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Foto: © Ilona Deutz

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