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LEIPZIG: Fest versprochen: Wirtschaftliche Prosperität für eine Leiche

LEIPZIG: Fest versprochen: Wirtschaftliche Prosperität für eine Leiche

„Der Besuch der alten Dame“ wird im Schauhaus zur knalligen Farce auf das Heute.

Friedrich Dürrenmatt beschrieb die Welt als tragische Komödie. Seine Bühnenwerke sind Klassiker, die die Gegenwart kaum noch zur Kenntnis nimmt. Unverständlicherweise, denn Dürrenmatts Theatertexte nehmen weniger verkopft als die Lehrstücke des Genossen Bertolt Brecht die bizarren Auswüchse der kapitalistischen Gesellschaft ins Visier.

von Henner Kotte

Anlässlich von Dürrenmatts 100. Geburtstags griff das Schauspiel Leipzig auf den „Besuch der alten Dame“ zurück. Einst eine gnadenlose Abrechnung mit menschlicher Verführbarkeit und der Macht des Geldes. Die „alte Dame“ – eine Paraderolle, in der Charaktermiminnen glänzten: Therese Giese, Elisabeth Flickenschild, Antonia Dietrich oder Christa Lehmann und hiesig: Ingeborg Ottmann.

Regisseur Nuran David Calis setzte auf Dürrenmatts bitterböse Komödie noch eins drauf und macht sie zur absurden Farce: Die Bühne von Irina Schickedanz (auch Corona geschuldet) ein Glaspalast, in dem keiner den anderen je erreicht. Johanna Stenzels Kostüme überzeichnen pittoresk und grell und muten an wie ein schräger Comic. Das Benehmen der Figuren tut dazu ein Übriges. Handys aller Orten, Talkshowmaskeraden und Börsenwerte holen das Geschehen aus dem Jahre 1956 ins Jetzt, und der Zuschauer erkennt mit Schrecken: Für Geld tut man alles – daran ändert sich nix.

Bettina Schmidt als Claire Zachanassian in der Inszenierung von Nuran David Calis
Bettina Schmidt als Claire Zachanassian in der Inszenierung von Nuran David Calis

Das Drama – ein Psychothriller erster Güte. In Güllen (welch Stadtname!) verstieß vor vielen Jahren Alfred Ill (Roman Kanonik) des eigenen Fortkommens wegen die von ihm schwangere Claire (Bettina Schmidt). Diese klagte vor Gericht seine Vaterschaft ein. Doch Alfred präsentierte gekaufte Zeugen. Claire landete in einem Hamburger Puff. Dort verliebte sich ein Multimilliardär in die Schöne, und mit dessen Geld kehrt sie nun nach Güllen zurück. „Die Welt machte mich zur Hure, jetzt mache ich sie zum Bordell!“ Claire fordert nur eins: Alfred Ill muss tot, dann geht’s mit der Wirtschaft hier aufwärts: Die alte Dame würde dafür eine Milliarde locker machen. Sämtliche Bewohner widersetzen sich solchem unmenschlichen Treiben, doch sehr schnell rechnen sie mit dem versprochenen Zaster und kaufen und kaufen und kaufen sich ein vermeintlich besseres Leben. Alfred Ill muss erkennen: Der Tod ist ihm gewiss, ein Entkommen unmöglich, der charakterlose Konsum wird obsiegen. Auf den Einzelnen kann dabei keine Rücksicht genommen werden, zumal wenn er moralisch einst so versagte. Gesamtgesellschaftlich nennt man das Wachstum, und ohne Konjunktur sitzt man im Elend und kommt schwer wieder raus.

In unserer schnelllebigen Zeit hat das Ensemble das Vier-Stunden-Drama auf handliche zwei Stunden gekürzt und rast durch die Handlung, dass es eine wahre Freude nur ist. Allenthalben vermeint man Influencer und Comedians zu entdecken: Sprach Mario Barth? Hörten wir Daniela Katzenberger schwadronieren? Gar den Wendler und Günther Jauch? In diesem Genrebild ist die alte Dame auch nicht mehr alt. Der Bürgermeister (Dirk Lange) glattgebügelt und eloquent. Dem Polizeipräsidenten (Eidin Jalali) fällt das deutsch sprechen schwer. Auch der Lehrer (Alina-Katharin Heipe) tauscht den Humanismus gegen den Wohlstand. Da nimmt es nicht Wunder, dass den tragischen Helden selbst die eigne Familie (Daniela Keckeis, Ellen Neuser) verlässt. Das alles hat Sinn, erstaunlichen Pep und macht Laune.

Doch kann solche Vergnügungsgesellschaft ohne intime Momente nicht existieren. Diese jedoch lässt das infernalische Geschehen nicht zu, und so wirken die ehrlichen Gespräche der Protagonisten, die diese Menschen endlich zueinanderkommen ließe, nur peinlich. Das verursacht tatsächlich Längen, die den Zuschauer stören. Die Hektik der Inszenierung lässt weder Psychologisierung noch echte Anteilnahme zu. Dieser Mangel, scheint’s, ist nicht zu beheben: Man muss sich auch im Kulturbusiness entscheiden: Setze ich auf den spektakulären schnellen Erfolg oder will ich Verständnis und Mitleid erheischen. Die Geschundenen der Welt hätten solches verdient.

Annotation

„Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus Leipzig. Regie Nuran David Calis. Bühne Irina Schicketanz, Kostüme Johanna Stenzel, Musik Vivan Bhatti, Video Doreen Schuster, Kai Schadeberg, Fabian Polinski, Dramaturgie Benjamin Große, Licht Jörn Langkabel. Besetzung: Bettina Schmidt als Claire Zachanassian, Denis Grafe als ihre Gatten VII-IX, Andreas Keller als Butler, Roman Kanonik als Alfred III, Daniela Keckeis als seine Frau, Ellen Neuser als seine Tochter, Dirk Lange als Bürgermeister, Michael Pempelforth als Pfarrer, Alina-Katharin Heipe als Lehrer, Eidin Jalali als Polizist / Pressemann, Markus Lerch als Der Erste / Koby / Radiosprecher, Yves Hinrichs als Der Zweite / Loby

Credits:

Premiere 17.10.2020, veröffentlicht 18.10.2020

Unser Autor lebt als Schriftsteller, freier Publizist und Stadtführer in Leipzig.

Fotos: © Rolf Arnold

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