„Im Verborgenen“ – ein Ballettabend mit zwei Uraufführungen
„Im Verborgenen“ ist ein Ballettabend mit zeitgenössischem Tanz am Staatstheater Cottbus, den wir in einer sehr gut besuchten Vorstellung am Ostermontag erlebten. Obwohl dieser Termin traditionell als Familientag gilt, waren die Reihen bemerkenswert stark mit jungem Publikum, Schülern und Studenten, besetzt. Nach den rund neunzig Minuten im Theater setzte sich die Auseinandersetzung, welches Stück wem besser gefiel, vor dem Haus noch lebhaft fort – die Diskussionen wollten kein Ende nehmen.
Von Moritz Jähnig

Bildräume des Zerbrechlichen
Inma López’ Choreographie entfaltet sich vor einem klar konturierten Bildraum. Auf einer dunkel verhängten Bühne bewegen sich weiß gekleidete Tänzerinnen und Tänzer zwischen massiven, kantigen Brocken, die an Felsformationen erinnern und eine erdige Schwere ausstrahlen.
Im Verlauf der rund dreißig Minuten werden diese Elemente zunehmend in das Spiel einbezogen: Die Tänzer treten mit ihnen in Kontakt, verschieben, umkreisen und heben sie. Am Ende fügen sich die Fragmente wieder zu einer Skulptur. Die Bruchstellen bleiben sichtbar, ja betont; goldene Linien durchziehen den wieder zusammengesetzten Körper. Nach diesen leuchtenden Nahtstellen ist das Stück „Goldene Wunden“ benannt.

Kintsugi als Prinzip: Inma López
Die Cottbusser Co-Ballettdirektorin greift damit das Prinzip des Kintsugi auf, jener japanischen Reparaturtechnik, bei der Zerbrochenes nicht kaschiert, sondern hervorgehoben wird. Die Risse werden mit Lack gekittet und mit Edelmetallpulver veredelt, sodass die „Narben“ als ästhetischer Mehrwert sichtbar bleiben. Übertragen wird daraus eine Haltung: Brüche und Beschädigungen erscheinen nicht als Makel, sondern als Teil einer Geschichte und als Voraussetzung von Identität.
Auch im choreographischen Gefüge spiegelt sich diese Idee. Immer wieder formieren sich die Tänzer zu neuen Gruppen, lösen sich, finden erneut zusammen. Die Figuren präsentieren sich mal kokett und frontal, dann wieder in einer fast zeremoniellen Strenge. In eleganten, oft verblüffend schnellen Bewegungsfolgen zeigen sie sich einander und dem Publikum, gekleidet in stilisierte, an Businessmode erinnernde Kostüme. Angetrieben werden sie von einer nervös flirrenden, teils dissonanten Streicherpartitur (Musik Nicolas Sávva), die Unruhe erzeugt und die Körper in eine rastlose Dynamik zwingt. Orientierung scheint es kaum zu geben: Die Bewegungen wirken wie Reaktionen auf rasch wechselnde Impulse.
Der gedankliche Überbau verdichtet sich schließlich in der gemeinsam geschaffenen Figur. Fast mühelos entsteht aus dem kollektiven Handeln ein Bild von Zusammenfügung und Heilung – ein starkes, beinahe versöhnliches Schlusszeichen. Das Publikum reagierte entsprechend mit großem Beifall, nicht zuletzt, weil die Inszenierung ihre Ideenwelt in klar lesbaren, ästhetisch zugänglichen Bildern entfaltet.
Rätsel und Ritual: Douglas Lee
Demgegenüber wirkt der erste Teil des Abends deutlich spröder und fordert eine intensivere innere Auseinandersetzung. Mit „Fade-outs“ zeigt das Staatstheater Cottbus eine rund fünfunddreißigminütige Uraufführung des britischen Choreographen Douglas Lee. Der ehemalige Solist des Stuttgarter Balletts fand über Stationen wie das Nederlands Dans Theater, das Staatsballett Berlin und das Ballett Zürich nach Cottbus, ein Hinweis auf die beachtliche internationale Ausstrahlung des Ensembles.

„Fade-outs“ bleibt bewusst rätselhaft. Der Begriff bezeichnet das langsame Ausblenden von Licht oder Klang – ein Verschwinden ohne klaren Abschluss. Entsprechend entzieht sich auch die Szene einer eindeutigen Deutung.
Im Zentrum steht eine schwarz gekleidete Figur, eine Art Zeremonienmeister, möglicherweise an Baron Samedi erinnernd, jene ambivalente Gestalt zwischen Leben und Tod. Mit großer physischer Präsenz prägt Leigh Alderson diese Rolle. Der Bühnenraum ist nahezu leer; einzig ein schmaler roter Vorhang durchzieht die Szene. Er senkt und hebt sich, wird überstiegen, unterlaufen oder selbst zur Spielfläche. In seiner Reduktion erinnert er an einen Brecht’schen Vorhang, an eine Grenze zwischen zwei Sphären (Bühne Pascale Arndtz, Kostüme Angelo Alberto).

Dynamik zwischen Kontrolle und Auflösung
Die Gruppe agiert in hoher Taktung. Arme schnellen auf und nieder, Körper kippen, fangen sich, setzen neu an. Der Zeremonienmeister scheint die Bewegungen zu lenken, treibt an und formt Konstellationen. Es entsteht ein Spannungsfeld aus Kontrolle und Auflösung, aus Ritual und sportiver Disziplin.
Lees Choreographie lebt von atmosphärischer Dichte und ausgeprägter Dynamik. Die Farbkonstellation von Rot und Schwarz unterstreicht das existenzielle Moment, während der schwebende Vorhang als Grenzlinie vielfältige Bedeutungsebenen eröffnet. In der Bewegungssprache verbinden sich zeitgenössische und neoklassische Elemente zu einem vielschichtigen Gefüge, das weniger Antworten gibt als Fragen stellt.
Fazit:
Sichern sie sich einen Platz in einer der nächsten Aufführungen.
Annotation
Fade-Outs (UA)
Choreografie: Douglas Lee, Musik: Nicolas Sávva, Bühne: Pascale Arndtz, Kostüm: Angelo Alberto, Lichtdesign: Ulf Kupke, Inma López, Dramaturgie: Corinna Jarosch
Es tanzen
Leigh Alderson, Alessandra Armorina, Mario Barcenilla Rubio, Jorge Concepción Leal, Clara Dufay, Kate Farley, Alyosa Forlini, Alessandro Giachetti, Laura Oakley, Tibor Perthel, Rachele Rossi, Nyla Tollasepp, Taro Yamada
Goldene Wunden (UA)
Choreografie: Inma López, Bühne: Pascale Arndtz, Inma López, Kostüm: Angelo Alberto, Lichtdesign: Ulf Kupke, Inma López, Video: Ron Petraß, Dramaturgie: Corinna Jarosch
Es tanzen
Leigh Alderson, Alessandra Armorina, Mario Barcenilla Rubio, Jorge Concepción Leal, Clara Dufay, Kate Farley, Alyosa Forlini, Alessandro Giachetti, Laura Oakley, Tibor Perthel, Rachele Rossi, Nyla Tollasepp, Taro Yamada
Credits
Premiere 28.2.2026; besuchte Vorstellung 7.4.2026; veröffentlicht 9.4.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig; Herausgeber
Fotos: © Bernd Schönberger
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