Stefano Giannetti choreografierte Tschaikowskys Ballett-Klassiker
Es hat seinen Grund, dass Schwanensee bis heute als Inbegriff des klassischen Balletts gilt. Kaum ein anderes Werk bündelt derart vollständig jene Bilder, die man mit dieser Kunstform verbindet: weiße Schwäne, spiegelnde Linien, romantische Musik, Sehnsucht und Untergang. „Schwanensee“ ist kultureller Frame, Stereotyp und Prototyp zugleich, ähnlich wie Dracula für „Horrorfilm“ oder Faust für „Deutschsein“.
Von Moritz Jähnig

Die Probe als Wirklichkeit
Dessaus Ballettdirektor Stefano Giannetti kennt die Wirkung von Pjotr I. Tschaikowskys Ballettmusik genau. Seine künstlerische Laufbahn führte ihn über zahlreiche bedeutende Stationen, bevor er 2019 an das Anhaltisches Theater Dessau wechselte. Bereits 2015 hatte er einen „Schwanensee“ für Kaiserslautern choreographiert. Nun verfolgt er in Dessau eine klug angelegte Kommunikationslinie. Er errichtet einen dreiflügeligen Tschaikowsky Altar, der sein Theater zur Pilgerstätte machen wird: Nach dem „Nussknacker“ (2024) und vor dem angekündigten „Dornröschen“ entstand mit „Schwanensee“ dafür die Zentraltafel.
Giannetti erzählt dafür nicht einfach das Märchen der verwunschenen Schwanenprinzessin im Sinne von Petipa nach. Im Mittelpunkt steht der Entstehungsprozess einer Ballettaufführung selbst. Die Bühne zeigt eine Kompanie während der Proben zu „Schwanensee“. Zwischen täglichen Wiederholungen, disziplinierten Abläufen und choreographischer Präzision beginnen sich private Beziehungen mit den Rollen des Stücks zu vermischen.
Im Zentrum steht ein empfindsamer Choreograph, dessen Bindung zur Primaballerina zunehmend von seiner Faszination für den männlichen Solotänzer und Darsteller des Siegfried überlagert wird. Daraus entwickelt sich ein Geflecht aus Begehren, Eifersucht und Manipulation und Abhängigkeit. Immer wieder brechen Spannungen in den scheinbar geordneten Probenbetrieb ein.
Der Zauberer Rotbart erscheint dabei nicht mehr bloß als Märchenfigur. Er wird zu einer dunklen Gegenmacht innerhalb der Probenwelt selbst, vielleicht Projektion, vielleicht Fantasie, vielleicht Verkörperung verdrängter Wünsche. Je weiter die Arbeit voranschreitet, desto stärker lösen sich die Grenzen zwischen Bühnenhandlung und Wirklichkeit auf.
Spiegelungen und Zerfall
Immer wieder unterbricht Giannetti den fiktionalen Probenprozess durch Szenen der eigentlichen „Schwanensee“-Aufführung. In diesen Passagen erscheinen die bekannten Bilder des klassischen Balletts: die weißen Akte, die symmetrischen Formationen, die romantischen Kostüme (Judith Fischer). Das Publikum erkennt genau jene Bildwelt wieder, die sich über Generationen tief ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat.
Darin liegt die Raffinesse dieser Inszenierung. Sie nimmt den klassischen Stoff ernst, ohne ihn museal nachzustellen zu versuchen. Das Bühnenbild von Moritz Nitsche und das präzise Lichtdesign von Guido Petzold arbeiten intensiv mit Spiegelungen. Das schafft Verdoppelungen und symmetrische Räume. Die Tänzer erscheinen wie ornamentale Figuren in einem System aus Reflexen und Wiederholungen.

Die Szene erzeugte den Eindruck eines gespiegelt organisierten Raumes. Die Körper antworteten einander in symmetrischen Bewegungen. Die Spiegelung verwandelte die Tänzer in ornamentale Figuren. Dabei kommt besonderes die Diszipliniertheit und Präzision, und die musikalische Geschlossenheit des zahlenmäßig kleinen Corps zum Ausdruck.

Einsamkeit hinter der Schönheit
Giannettis Zugriff bleibt konsequent gegenwärtig. Hinter der Schönheit der Formen arbeitet ständig ein Gefühl von Unsicherheit und Verlust. Die Ordnung des Ensembles beginnt zu zerfallen, Zuneigungen wechseln ihre Richtung, Beziehungen lösen sich auf. Der Choreograph verliert schließlich sowohl die Primaballerina als auch den Tänzer, zu dem er sich hingezogen fühlt. Selbst Rotbart scheint ihn am Ende nur noch zu verhöhnen.
Wie nebenbei entstehen atmosphärisch starke Bilder als Spiegel der Märchenhandlung, die der Zuschauer im Kopf hat. Dessau nimmt also einerseits den klassischen Erzählfuß im Geiste Tschaikowskys ernst, erhebt sich nicht über das Gestern und setzt zeitgenössischen Akzente: Die Bühnenfigur des Choreographen versinkt mit dunkler Wucht in Einsamkeit: im Rampenlicht auf der Bühne. Da wird die Lesart sehr modern und ihr Schöpfer gibt sich als Romantiker zu erkennen.
Musik aus dem Inneren des Stücks
Am Pult der Anhaltische Philharmonie steht mit Svetoslav Borisov ein Dirigent, der Tschaikowskys Musik nicht bloß interpretierend begleitet, sondern atmend mitführt.
Die berühmten Schwanenszenen schweben und kreisen mit großer klanglicher Sensibilität. Zugleich bleibt unter der Schönheit stets ein dunkler Zug spürbar. In den heiteren Einlagen macht der den kommenden Verlust erkennbar. Daraus entsteht jene eigentümliche Spannung, die „Schwanensee“ bis heute so wirksam macht: Ordnung und Dämonie, Schönheit und Einsamkeit existieren gleichzeitig.
Das Publikum im ausverkauften Dessauer Haus reagierte begeistert. Der langanhaltende Beifall mit zahlreichen Vorhängen galt einem Ensemble, dem eine bemerkenswert geschlossene und zugleich gedanklich offene Interpretation dieses Klassikers gelungen ist. Die das Haus glücksstrahlend verlassende Menschen: „Sowas Schönes haben wir hier lange nicht gesehen.“ Diese Anerkennung sei alle Solisten und Ensemblemitglieder mit festem Unterstrich weitergegeben.
Annotation
„Schwanensee“. Ballett von Stefano Giannetti; Musik von Pjotr I. Tschaikowski; Anhaltisches Theater Dessau; Musikalische Leitung Svetoslav Borisov, Inszenierung und Choreografie: Stefano Giannetti, Bühne: Moritz Nitsche, Lichtdesign: Guido Petzold, Kostüme: Judith Fischer, Choreografische Assistenz: Emmanuelle Grizot, Dramaturgie: Eliora Schramm, Gregor Schima
Besetzung
Erste Solotänzerin/Odette/Odile: Cristiana Rauccio, Eleonora Fabrizi, Carlotta Rocchi
Rivalin: Giulia Riccio, Cristiana Rauccio
Ballettdirektor: Marcos Vinicius dos Anjos, Chayan Blandon-Duran, Marc Balló y Cateura
Erster Solotänzert/Siegrfried: Martin Anderson, Marcos Vinicius dos Anjos
Rothbart: Marc Balló y Cateura, Chayan Blandon-Duran
Pas de 3: Sabrina Kallan, Simona Villa, Victor Costa Santos, Angelica Bistarelli, Carlotta Rocchi, Chayan Blandon-Duran
Valse: Angelica Bistarelli, Zali Burr, Sabrina Kallan, Simona Villa, Pinja Sinisalo, Marc Balló y Cateura, Victor Costa Santos, Joseph Edy, Kaito Kurokawa, Luisa Eckert, Ester Papini, Martin Anderson, Chayan Blandon-Duran
2 Schwäne: Giulia Riccio, Carlotta Rocchi, Angelica Bistarelli, Zali Burr
4 Schwäne: Sabrina Kallan, Djorde Papke, Ester Papini, Pinja Sinisalo, Simona Villa
Neapolitanischer Tanz: Simona Villa, Victor Costa Santos, Giulia Riccio, Joseph Edy
Mazurka: Giulia Riccio, Cristiana Rauccio, Sabrina Kallan, Ester Papini, Pinja Sinisalo, Joseph Edy, Kaito Kurokawa (Besetzung 23.5.2026 gefettet)
Anhaltische Philharmonie Dessau
Credits
Premiere 8.5.2026; besuchte Vorstellung 23.5.2026; veröffentlicht 27.5.2026; nächste Vorstellung 29.5.2026, weitere in der nächsten Spielzeit
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Fotos: © Claudia Heysel
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