Home | Theater/Musik | Musik | Dresden/Semperoper: Hohe Kunst gepflegten Unsinns
Dresden/Semperoper: Hohe Kunst gepflegten Unsinns

Dresden/Semperoper: Hohe Kunst gepflegten Unsinns

Nino Rotas musikalische Farce „Der Florentiner Hut“ begeistert bei ihrer Dresdner Erstaufführung

Der Regisseur Bernd Mottl hat den turbulenten Spaß „Der Florentiner Hut“ 2023 auf die Bühne der Oper Graz gebracht, wo er mit großem Erfolg lief und nun an die Semperoper übernommen wurde. Als Dramaturgin an der Entstehung beteiligt war Marlene Hahn, die heutige Chefdramaturgin der Oper Leipzig, an der Bernd Mottl im April Albert Lortzings lange vergessener Oper „Regina“ zu einer Wiedergeburt verhalf.

Von Moritz Jähnig

Szene aus „Der Florentiner Hut“ mit Rosalia Cid (Elena), Piotr Buszewski (Fadinard), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny) und dem Sächsischen Staatsopernchor

Eine Opera buffa aus zweiter Hand

Der Komponist Nino Rota ist vor allem als Schöpfer unvergesslicher Filmmusiken bekannt. Weniger im öffentlichen Bewusstsein steht sein umfangreiches Opernschaffen. Mit „Der Florentiner Hut“ gelang ihm eine ebenso geistreiche wie handwerklich brillante Komödie, die an die Tradition der italienischen Opera buffa anknüpft.

Die 1955 uraufgeführte Partitur verbindet Belcanto-Eleganz mit sprühender, fast Broadway-Theater-Wirkung. Rota schöpft dafür aus vielen Quellen, aber er zitiert die musikalische Vergangenheit nicht, sondern verwandelt sie in eine eigenständige Tonsprache voller Charme, Rhythmus und melodischem Einfallsreichtum. Seine Nähe zu Donizetti und Rossini ist unverkennbar, doch immer bleibt die Handschrift des erfahrenen Theater- und Filmmusikers präsent.

Die Kunst des Augenzwinkerns im Graben

Den Reichtum dieser Musik entfaltet die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung von Daniele Squeo, der auch in Graz dabei war, mit hörbarer Spielfreude. Rotas Partitur erhält Schwung, Leichtigkeit und Präzision, ohne ihre lyrischen Momente zu vernachlässigen. Rhythmische Pointen, orchestrale Farben und die zahlreichen musikalischen Anspielungen werden mit großer Selbstverständlichkeit herausgearbeitet. So entsteht ein Klangbild, das die turbulente Handlung wirkungsvoll unterstützt und die komödiantische Wirkung des Abends entscheidend mitträgt.

Das Publikum der von uns gesehenen Mittagsvorstellung reagierte erst mehr freundlich amüsiert und ließ sich dann doch von dieser selten gespielten Oper sichtbar mitreißen.

Ein gefressener Hut setzt die Welt in Bewegung

Die Handlung ist barrierefrei. Nicht wenige dürften sie noch aus dem gleichnamigen Filmklassiker von 1939 kennen, der mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle ein gern gesehener Gast im Spätarbeiterprogramm des DDR-Fernsehens war: Im Zentrum der turbulenten Geschichte steht Fadinard, dessen Hochzeitstag eine unerwartete Wendung nimmt, als sein Pferd den Florentiner Strohhut einer Dame frisst, die sich ausgerechnet in diskreter Herrenbegleitung befindet. Um einen Skandal zu vermeiden, verlangt sie unverzüglich Ersatz.

Mit diesem verhängnisvollen Hutfraß nimmt das Chaos seinen Lauf. Die Forderung der Dame nach umgehendem Ersatz setzt eine turbulente Jagd nach dem seltenen Modell in Gang, bei der Fadinard zwischen Hochzeitsgesellschaft, eifersüchtigen Ehemännern und immer neuen Missverständnissen zu vermitteln versucht. Aus der Bagatelle wird eine ausgewachsene Farce, die erst nach einer Fülle von Verwechslungen und Verwicklungen ihr heiteres Happy End erreicht.

Paris in Hutschachteln gepackt

Bernd Mottl setzt die Komödie als temporeiches Bewegungstheater in Szene. Gemeinsam mit Ausstatter Friedrich Eggert entwickelt er eine Bildwelt, die den Stil des 19. Jahrhunderts und ein imaginäres Paris gleichermaßen feiert. Sie besteht aus überdimensionalen Hutschachteln und verschachtelten Räumen, die ständig neue Perspektiven eröffnet. Die schwarz-weiße Gestaltung schafft eine stilisierte Atmosphäre, in der die Figuren wie in einem kunstvoll konstruierten Uhrwerk agieren. Perfekter Slapstick, präzise choreografierte Abläufe und Anspielungen auf die Tradition der Commedia dell’arte sorgen für ein hohes Maß an Unterhaltung. Alfred Mayerhofers Kostüme ergänzen das Konzept mit Fantasie und stilistischer Treffsicherheit.

Szene „Der Florentiner Hut“ mit Piotr Buszewski (Fadinard), Maire Therese Carmack (Baronin de Champigny)

Ensemble mit Spielfreude und vokalem Glanz

Die Besetzung erweist sich als großer Trumpf der Produktion. Piotr Buszewski gestaltet den Fadinard mit beweglichem, höhensicherem Tenor und bemerkenswerter Bühnenpräsenz. Rosalia Cid überzeugt als Elena mit klangschönem Sopran und lyrischer Ausstrahlung; gemeinsam bilden beide ein glaubwürdiges und stimmlich hervorragend harmonierendes Paar. Alexander Grassauer setzt als Nonancourt markante komische Akzente, während Maire Therese Carmack der Baronin de Champigny Profil und Eleganz verleiht. Neven Crnić macht Beaupertuis zu einer sympathischen Figur mit Format. Auch die weiteren Solisten fügen sich nahtlos in das hohe Niveau ein. Der von Jonathan Becker einstudierte Chor trägt mit klanglicher Qualität und ausgeprägter Spielfreude wesentlich zum Erfolg des Abends bei.

Mit dieser Dresdner Produktion erweist sich Rotas Oper als funkelndes Musiktheater voller Witz, Tempo und musikalischer Raffinesse.

Eine selten gespielte Oper, die sich in Dresden als ebenso geistreiches wie unterhaltsames Musiktheater erweist und den Blick auf das Opernschaffen eines Komponisten lenkt, dessen Name weit über die Welt des Films hinaus Bedeutung besitzt.

Warum kehrt eine solche Komödie gerade jetzt zurück?

Dass „Der Florentiner Hut“ an der Semperoper zu einem Publikumserfolg werden dürfte, überrascht kaum. Nachdenklich stimmt vielmehr die Frage, wann und warum Werke vergangener Epochen wieder auf die Spielpläne zurückkehren. Was erzählt eine solche Wiederbegegnung, jenseits der unbestreitbaren Qualitäten von Musik und Libretto, über die Gegenwart, die sie hervorholt?

Als Nino Rota seine Oper komponierte, lebte er in vergleichsweise ruhigen Nachkriegsjahren. Seit 1950 stand er als Direktor des Conservatorio Niccolò Piccinni in Bari in einem gesicherten Amt und gehörte längst zu den angesehensten Musikern Italiens. Während Komponisten wie Luigi Nono oder Luciano Berio mit seriellen Verfahren und neuen Klangsprachen nach der musikalischen Zukunft suchten, wandte sich Rota bewusst der Vergangenheit zu. Freilich arbeitete er nicht epigonal, sondern mit Ironie, Souveränität und einer stupenden handwerklichen Meisterschaft.

Noch aufschlussreicher als die musikalische Haltung ist jedoch die Wahl des Stoffes. Gemeinsam mit seiner Schwester Ernesta Rota Rinaldi griff Rota auf ein französisches Vaudeville zurück, das bei der Entstehung der Oper bereits rund ein Jahrhundert alt war. Eugène Labiche und Marc-Antoine-Amédée Michel hatten ihre Geschichte vom italienischen Strohhut in einer Zeit geschrieben, die politisch alles andere als heiter war. 1851 ließ Louis-Napoléon die Nationalversammlung auflösen, Oppositionelle verhaften und setzte mit seinem Staatsstreich der jungen französischen Demokratie ein abruptes Ende. Ausgerechnet in diesem Klima politischer Repression entstand eine Komödie von demonstrativer Leichtigkeit, deren Figuren sich mit nichts Drängenderem beschäftigen als einem von einem Pferd verspeisten Damenhut.

Auch in den deutschen Staaten herrschte damals keine Aufbruchsstimmung mehr. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 nahm der Deutsche Bund seine Tätigkeit wieder auf; liberale Errungenschaften wurden zurückgenommen, die Pressefreiheit eingeschränkt und die politische Reaktion bestimmte das öffentliche Leben. Zahlreiche ehemalige Revolutionäre wurden verfolgt oder gingen ins Exil. Richard Wagner, selbst Flüchtling in der Schweiz, veröffentlichte 1851 seine Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“, in der er die restaurativen Tendenzen seiner Zeit reflektierte, seine Hoffnungen jedoch zunehmend auf die Kunst als Gegenentwurf verlagerte.

Es waren also keineswegs unbeschwerte Zeiten, in denen Labiche und Michel ihre Posse vom hutfressenden Pferd erfanden. Vielleicht liegt gerade darin ihr Geheimnis. Denn die Geschichte bietet nicht nur Zerstreuung, sondern auch die Möglichkeit, den politischen und gesellschaftlichen Zumutungen des Augenblicks für einige Stunden zu entkommen. Dass ein solcher Stoff heute wieder auf so große Resonanz stößt, wirft die Frage auf, wie stark unsere Gegenwart ein Bedürfnis nach kunstvoll gebautem Blödsinn verspürt.

Annotation

„Florentiner Hut“. Farsa musicale in vier Akten. Libretto von Nino Rota und Ernesta Rota Rinaldi nach dem Vaudeville „Un chapeau de paille d’Italie“ von Eugène Labiche und Marc-Antoine-Amédée Michel. Staatsoper Dresden Semproper; in Kooperation mit der Oper Graz.  Musikalische Leitung: Daniele Squeo, Inszenierung: Bernd Mottl, Bühne & Licht: Friedrich Eggert, Kostüme: Alfred Mayerhofer, Choreinstudierung: Jonathan Becker, Dramaturgie: Marlene Hahn, Dorothee Harpain.

Besetzung

Fadinard: Piotr Buszewski,  Nonancourt: Alexander Grassauer, Baronin de Champigny: Maire Therese Carmack, Elena: Rosalia Cid, Beaupertuis: Neven Crnić, Anaide: Valerie Eickhoff, Emilio: Danylo Matviienko, Onkel Vézinet: Florian Stern, Eine Modistin: Dalia Medovnikov, Ein Korporal: Martin-Jan Nijhof, Eine Wache: Frank Blümel, Felice: Jongwoo Hong, Achille di Rosalba: Gerald Hupach, Minardi: Florian Mayer

Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden

Credits

Premiere 31.5.2026; besuchte Vorstellung: 2.6.2026; veröffentlicht 4.6.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Fotos: © Semperoper Dresden, Foto: Mark Schulze Steinen

Scroll To Top