Neuinszenierung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ fand Premierenbeifall
Die Uraufführung von Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterweltd fand am 21. Oktober 1858 im Théâtre des Bouffes-Parisiens in Paris statt. Später soll Kaiserin Eugénie dazu nur gesagt haben: „C’est de la folie…“, reiner Wahnsinn. In Halle war zur Premiere das Theater zwar rot angestrahlt, aber ganz so verrückt ging es dann doch nicht zu. Ein bisschen allerdings schon.
Von Moritz Jähnig

Offenbach hatte sich im 2. Arrondissement, in der Rue Monsigny 4, unweit der Grands Boulevards, sein eigenes Theater aufgebaut. Die etablierten Häuser wollten die Musik des jungen deutschen Juden nicht spielen—also schuf er sich einfach eine eigene Bühne. Die Premiere wurde zur Sensation und markierte den Beginn der Operette als neue, moderne und, wohlgemerkt, aggressiv kritische Theaterform.
Orpheus in der Unterwelt persifliert die griechische Orpheus-Eurydike-Sage und zerlegt die Doppelmoral der besseren Gesellschaft des Zweiten Kaiserreichs mit Lust und Leichtigkeit.
Orpheus nervt, Absturz mit Folgen
In der quirlig-bunten Inszenierung auf den Bühnen der Stadt Halle ist Orpheus (Robert Sellier) ein probensüchtiger Orchesterleiter mit Konzertmeistergeige unterm Arm, der seinem Schöpfer Offenbach optisch erstaunlich ähnelt. Er nervt pausenlos seine Umgebung, besonders seine unausgelastete Ehefrau Eurydike, die sich nach mehr Aufmerksamkeit sehnt. Und selbst nachdem er mit Eurydike und dem gesamten Ensemble per Flugzeug Nähe Olymp abgestürzt ist, klimpert Orpheus ungerührt weiter. Der Absturz wird heiter mit gelungenen Videos simuliert.

Während das Orchester – beim Crash direkt im Graben gelandet – unter seinem Dirigat üben muss, ergeben sich die anderen unter dem Dirigat der reiseleitenden „Öffentlichen Meinung“ (hinter der sich der antike Gott Bacchus versteckt) dem Alkohol und einer Reihe freizügiger Freuden.
Zweigesichtigkeit scheint überhaupt eines der Leitmotive in der Stückfassung des Regisseurs zu sein. Bei Patric Seibert verbirgt sich in jeder Figur mindestens noch ein zweites Phänomen. So ist der Eurydike nachstellende Bilderbuch-Grieche Aristeus (köstlich gespielt von Chulhuyun Kim) nicht nur Wirt der Taverne „Hades“, sondern real — sofern in dieser Operettenwelt überhaupt so etwas wie Realität existiert — eigentlich Pluto, der Herrscher der Unterwelt, Bruder des Jupiter, Herr des Olymp.
Der für das Flugzeugunglück verantwortliche Pilot ist später – oder gleichzeitig – niemand anderes als der ehemalige Prinz von Arkadien, bekannt als Styx. Eurydike und Styx werden schließlich von Aristeus mit einem Schluck italienischen Weins gekillt und zur Zwangsarbeit in die Hölle verfrachtet.
Orpheus ist über dieses Schicksal kein bisschen traurig: Endlich kann er in Ruhe üben! Die „Öffentliche Meinung“ jedoch, die sich zunehmend als spiritus rector enttarnt, lässt so etwas nicht durchgehen. Sie erpresst Orpheus – mit Geigenentzug, also materiell, wohlgemerkt – seine Gattin wider Willen zurückzuholen.

Höllenfahrten, Anspielungskaskaden und Anarchie
Wer als Zuschauer in Halle den griechischen Mythos kennt, oder besser noch die Operette selbst schon gesehen hat, hat eindeutig mehr von dieser Bearbeitung und erst recht von der quirligen Inszenierung. Assoziationen, Bezüge, Reflexionen, Bilder, gespielte und getanzte Gedanken: alles en masse. Es geht rund. Auf der Bühne wird sogar das auf den Kopf gestellt, was eigentlich gar keinen Kopf hat. Und ohne Scheu dürfen in der Hölle von Halle Reinhold Messner und der Führer gemeinsam bei schlechtem Essen im Service von Eurydike und Styx schmoren.
Der ungeheure Erfolg, den Offenbachs Operetten damals in Paris hatten, liegt in ihrer Durchlässigkeit. Seine Werke sind – Achtung, dünnes Eis – eine Art „Heiner-Müller-Material“. Ein Angebot, das Regie und Ensemble nach Belieben nutzen können, um uns etwas Relevantes zu sagen. Jede Inszenierung kann anders sein und bleibt doch im Kern dieselbe. Offenbach soll sich Anregungen aus der Straßenmusik und aus Bars und Cabarets im Marais und entlang des Canal Saint-Martin geholt haben, bis daraus der Can-Can wurde. Seine Operetten entlarven die Verlogenheit und Doppelzüngigkeit des Zweiten Kaiserreiches. Jede heutige Inszenierung muss dieser Haltung treu bleiben — und die eigene Zeit mit kritisieren. In Halle versucht man genau das. Vieles gelingt, manches weniger, aber das ist lebendiges Theater. Knallharte Satire? Fehlanzeige.
Natürlich entstehen auch Längen. Ein Galopp kann sich ganz schön ziehen.

Starke Bilder, enger Raum
In vielen kleinen Rollen brillieren Choristen und Statisten, die mit eigenen Nuancen zur Farbigkeit des Abends beitragen. Die sorgfältige Auswahl der Charaktere erinnert unwillkürlich an Walter Felsenstein, der einst selbst Chorfiguren präzise choreografierte—von keinem Schritt durfte abgewichen werden. Solche stringent komponierten Bilder prägten sich bis heute ein. Seibert dagegen erlaubt und fordert Improvisation. So entsteht das Anarchische.
Eine stärkere Staffelung, etwa eine Schräge im zweiten Akt, hätte dem Gesamteindruck gutgetan: Die kleinen Extras der Höllenbewohner und die Tänze (Choreographie: Michal Sedláček; Choreinstudierung: Frank Flade, Ausstattung: Kaspar Glaner) wären dadurch noch klarer hervorgetreten. Können muss man schließlich zeigen dürfen.
Musikalische Finesse und ein glänzendes Ensemble
Musikalisch sind die frühen Offenbach-Werke höchst anspruchsvoll. Uns heutigen fällt es schwer, den Esprit des 19. Jahrhunderts zu treffen: die beschriebene Leichtigkeit, der Witz, die Offenheit für Parodie. Die Staatskapelle arbeite dieses tänzerisch-beschwingte „Nehmt mich nicht zu ernst“-Flair jedoch wunderbar heraus. Auch die typischen Offenbach-Zitate aus heroischen Opern, mit Fanfaren und übertriebenen Gefühlsausbrüchen, klangen jedermann verständlich augenzwinkernd im Hallenser Heiligtum der Händelverehrung auf. Andreas Wolf dirigierte – und es war ein Vergnügen.
Gesanglich glänzte erneut der wohlgeformte Sopran von Vanessa Waldhart. Ihre Eurydike ist eine Frau mit Klasse, die peinliche Situationen wie einen Flugzeugabsturz und ein Idiotenlager mit Haltung meistert wie nur eine Dame es kann, und sich am Ende ihre Wünsche erfüllt.

Eurydike (Vanessa Waldhart) , getroffen von Cupidos Pfeil und als Bedienung im Restaurant „Hades“ versklavt, schwärmt für den als Fliege verkleideten Gast Jupiter (Gerd Vogel).
Wenn Cupidos Pfeil sie trifft und sie sich ausgerechnet in eine Fliege verliebt, ist das einer der Höhepunkte des Abends: ihr Duett mit Jupiter, den Gerd Vogel einmal mehr als Paraderolle mit Spielwitz und Ausstrahlung ausfüllt. Opfer des Winterwetters war am Premierentag die Tenorstimme von Kristian Giesecke. Er spielte Merkur im braunen ASK-Vorwärts-Trainingsanzug, gesungen wurde die Partie vom kurzfristig einspringenden Gast Sandro Hähnel aus Essen.
Eine Venus als It-Girl liefert Clara De Pin, deren französische Aussprache den bunt-anarchischen Ansatz ideal unterstreicht. Und wo wird schließlich mehr revoltiert als in Paris?
Viel zu tun hat – immer wieder – Barbara Dussler als „Öffentliche Meinung“; klangschön und spielfreudig begeisterte Miriam Knackstedt in der anspruchsvollen Partie des Cupido; Anke Bernd hatte hörbar Spaß an der Rolle der Diana, was die Göttin angemessen hervortreten lässt.
Fazit
Ein Theatervergnügen, das die Lebensbuntheit leuchten lässt. Nach der Premiere 1858 stürmten die Menschen ins Theater. Operette hat Offenbach finanziell unabhängig gemacht. All diese Wirkungen seien auch dieser Inszenierung gewünscht. Der Schreiber dieser Zeilen wünschte sich mehr vom aggressiv-Kritischen Moment der Offenbach Opéra bouffon.
Annotation
„Orpheus in der Unterwelt“. Opéra-bouffon in zwei Akten von Jacques Offenbach; Libretto von Ludovic Halévy und Hector Crémieux; Texte und Stückfassung von Patric Seibert; Bühnen der Stadt Halle, Opernhaus. Musikalische Leitung: Andreas Wolf / Bartholomew Berzonsky; Regie und Video: Patric Seibert; Regie Mitarbeit: Katharina Fritsch; Ausstattung: Kaspar Glarner; Choreografie: Michal Sedláček; Choreinstudierung: Frank Flade; Dramaturgie: Marja Haglund
Besetzung
Eurydike: Vanessa Waldhart; Orpheus: Robert Sellier; Jupiter/Zeus: Gerd Vogel; Pluto/Hades (Aristeus): Chulhyun Kim; Öffentliche Meinung, Bacchus/Dionysos: Barbara Dussler, Diana/Artemis: Anke Berndt, Juno/Hera: Konstanze Winkler / Maria Petrowa; Cupido/Eros: Miriam Knackstedt; Venus/Aphrodite: Clara De Pin, Minerva/Athena: Isabelle Serafin, Merkur/Hermes: Kristian Giesecke / Sandro Hähnel; Cloacina: Teaa An; Mars/Ares: Maik Gruchenberg; Zerberus (Höllenhund): Julius Gittner; Drei Grazien: Markéta Šlápotová / Linda Rabisch / Anja Gehring / Hans Styx: Patric Seibert
Statisterie der Oper Halle
Credits
Premiere und besuchte Vorstellung 31.1.2026; veröffentlicht 2.2.2026
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker Leipzig
Foto: © Anna Kolata
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