Marco Goeckes „Nussknacker“-Ballett am Theater Basel als innerer Vorgang
Mit seiner Neukreation von Tschaikowskys „Der Nussknacker“ legt Marco Goecke, seit dieser Spielzeit Ballettdirektor am Theater Basel, sein zweites programmatisches Statement in Basel vor.
Von Matthias Wießner

Abschied vom Weihnachtsmärchen
Goecke verabschiedet sich dabei entschieden von der märchenhaften Behaglichkeit des klassischen Weihnachtsballetts und führt das Stück zurück zu seinem literarischen Ursprung bei E. T. A. Hoffmann, allerdings nicht als Traum, sondern als verstörende Vision, die bisweilen den Charakter eines Albtraums annimmt.
Eine nervöse Bewegungssprache gegen die Musik
Das expressionistische Bewegungsmaterial trägt unverkennbar Goeckes Handschrift: ein nervöser, hochkonzentrierter Stil, geprägt von rasenden Oberkörperbewegungen, flatternden Armen, zuckenden Impulsen und abrupten Richtungswechseln. Klassische Tanzformen sind noch erkennbar, erscheinen jedoch gebrochen, verzerrt und in einen Zustand permanenter innerer Unruhe versetzt. Der Tanz arbeitet dabei konsequent kontrapunktisch gegen Tschaikowskys zuweilen schwelgende Musik – besonders eindrucksvoll im berühmten Schneeflockenwalzer, der hier nicht verzaubert, sondern irritiert.

Ausdruck statt Erzählung
Goeckes Choreografien zeichnen sich durch hochpräzise, nervös vibrierende Mikrogesten aus, die wie eine abstrakte, körperliche Zeichensprache wirken und den Ausdruck stark auf den Oberkörper konzentrieren. Obwohl sie stellenweise an Pantomime erinnern, sind seine Bewegungen deutlich schneller, fragmentierter und emotionaler, geprägt von starken Kontrasten zwischen Spannung und Entladung. Dadurch entsteht ein intensiver, fast musikalischer Ausdruck, der weniger erzählt als vielmehr innere Zustände sichtbar macht. So bleibt auch die Handlung auf der Bühne schwer nachvollziehbar und weitgehend im Dunkel verborgen.
Ein Ensemble im Ausnahmezustand
Die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Basel überzeugen überwiegend durch enorme Präzision, Ausdruckskraft und technische Souveränität. Das Ensemble meistert Goeckes extrem fordernden Stil mit seiner heftigen Mikrogestik, hohen Spannung und abrupten Dynamikwechseln beeindruckend geschlossen und mit großer Intensität. Besonders hervorzuheben sind die Interpretationen der zentralen Figuren: Fritz und Marie bewegen sich mit einer unschuldigen, fast hektischen Lebendigkeit, die zugleich Anziehung und Unruhe vermittelt. Der Pate Drosselmeier erscheint als rätselhafte, fast geisterhafte Figur, deren Bewegungen die Grenzen zwischen Realität und Albtraum verschwimmen lassen. Der Nussknacker ist kraftvoll und zugleich verletzlich, seine Konfrontation mit dem Rattenkönig dynamisch und bedrohlich. Die Rollen von Fuchs und General setzen ironische und dramatische Akzente, während der Rattenkönig mit seiner bedrohlichen Präsenz den Albtraumcharakter der Erzählung unterstreicht.

Reduktion, Klang und ein stiller Schluss
Die Bühne bleibt radikal reduziert (Bühne und Kostüme: Michaela Springer). Requisiten im herkömmlichen Sinne fehlen; einzig ein rotes Geschenkband zieht sich als wiederkehrendes Motiv durch den Abend. Es umschlingt, trennt, bindet und markiert Beziehungen, ohne je konkret zu werden. Die Kostüme zitieren klassische Ballettformen, sind jedoch in Farbigkeit und Linienführung bewusst verfremdet und unterstützen die nervöse Körpersprache, statt sie zu dekorieren. Die Körper wirken exponiert, verletzlich und zugleich bis zur Überdehnung gespannt.
Die Musik wird live vom Basler Sinfonieorchester unter der Leitung von Georg Köhler gespielt (Einstudierung: Thomas Herzog), was die Spannung zwischen Tanz und Klang noch verstärkt. Schnee fällt zunächst nur als Projektion, wodurch die Bühne ihren abstrakten Charakter bewahrt. Was bei Hoffmann als Claras Traum erscheint, kippt hier ins Unheimliche: Schreie durchschneiden die Musik, eine vertraute Festlichkeit stellt sich nicht ein.
In der Schlussszene verlangsamt sich das Geschehen. Die zuvor projizierten Schneeflocken sinken nun real, ruhig und stetig herab. Nach all der nervösen Energie entsteht ein Moment stiller Konzentration, zugleich schön und berührend. Gerade in dieser Zurücknahme entfaltet Goeckes „Nussknacker“ seine größte Wirkung: ein dunkles, intensives Stück, das lange nachhallt. Das altersmäßig gut gemischte Basler Publikum zeigte sich vorbereitet, erwartete keinen klassischen Ballettzauber und applaudierte den Akteuren weitgehend intensiv, positiv und lautstark.
Annotation
„Der Nussknacker“. Ballett, Neukreation von Marco Goecke, frei nach dem Märchen von E.T.A. Hoffmann. Musik von Pjotr I. Tschaikowski.
Theater Basel. Musikalische Leitung: Thomas Herzog, Nachdirigat: Georg Köhler, Choreographie: Marco Goecke, Bühne und Kostüme: Michaela Springer, Entwicklung der Projektionen: Philipp Contag-Lada, Lichtdesign: Udo Haberland. Mitarbeit Lichtdesign: Samuel Thery, Dramaturgie, Lucie Machan, Licht: Christian Foskett
Besetzung
Marie: Sandra Bourdais, Fritz, Maries Bruder: Louis Steinmetz, Der alte Nussknacker: Jamal Uhlmann, Der neue Nussknacker: Nikita Zdravkovic, Drosselmeier: Michelangelo Chelucci, König der Ratten: Rosario Guerra: Der Fuchs: Parker Gamble, Die Zuckerfee: Giada Zanotti, Die Schneekönigin: Ana Paula Camargom, Zwei Puppen: Elliana Mannella, Rachelle Anaïs Scott, Puppen- und Zuckerwelt:
Feiza Bessard, Eva Blunno, Ana Paula Camargo, Lydia Caruso, Michelangelo Chelucci, Filippo Ferrari, Dayne Florence, Parker Gamble, Maurus Gauthier, Rosario Guerra, Chisato Ide, Carlos Kerr Jr., David Lagerqvist, Elliana Mannella, Floris Puts, Anthony Ramiandrisoa, Rachelle Anaïs Scott, Verónica Segovia, Louis Steinmetz, Jamal Uhlmann, Mariana Vieira, Lisa Van Cauwenbergh,
Cheng-An Wu, Giada Zanotti, Nikita Zdravkovic, Erasmus-Studentinnen: Julie L. Bjelke, Sanne Vree.
Credits
Premiere 13.12.2025; besuchte Viorstellung 16.1.2026; veröffentlicht 18.1.2026
Text: Matthias Wießner, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Gregory Batarton
Crahi Rezvani
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