Emmerich Kálmáns spätes „Das Veilchen von Montmartre“ als Repertoirestück
Der Leser muss sich etwas gedulden. Erst am Sonnabend nach Ostern hebt sich in der Musikalischen Komödie Leipzig erneut der Vorhang für „Das Veilchen von Montmartre“. Emmerich Kálmáns späte Operette erweist sich in der Wiederaufnahme als erstaunlich widerstandsfähiges Gewächs — eine Blume, die trotzig im Bühnenbeet blüht, während anderswo längst die Mode gewechselt hat.
Von Moritz Jähnig

Ein Spätwerk zwischen Glanz und Schatten
Es ist ein gediegenes, ja fast schon tapferes Spätwerk, das die Musikalische Komödie seit April 2023 wieder auf den Spielplan gesetzt hat. Und von dem der 48-jährige Kálmán im Uraufführungsjahr 1930 kaum hätte annehmen können, es werde seine letzte große Operettenhervorbringung bleiben. Im Gegenteil — Kálmán griff damals unausgesprochen, doch unverkennbar gierig nach der Krone, die nach Franz Lehárs Glanzjahren verwaist zu sein schien.
Doch die Zeit des jüdischen Komponisten Imre Kálmán war bereits im Schwinden begriffen. Die politischen Verhältnisse trieben ihn aus Ischl und Wien nach Amerika, seine musikalischen Eingebungen verstummten. Anschluss an die amerikanische oder internationale Komponistenszene fand er kaum. „Das Veilchen von Montmartre“ markiert so, mit all seinen Stärken und Brüchen, den schillernden Schlusspunkt einer Epoche.
„Warum sollen wir nicht fröhlich sein, wir sind jung, wir sind frei, wir sind schön…“
Künstlerszene im Operettenkostüm
Was bleibt, ist eine unterhaltsame, stellenweise schmissige Operette, die sich jedoch auf einem Libretto bewegt, das kaum als literarische Meisterleistung durchgehen kann. Die Figuren entspringen dem Klischeekasten der Zeit: drei mittellose Künstlerbohemians, ein kunstsinniger Gerichtsvollzieher, ein ministerialer Mäzen, ein singendes Straßenkind, das sich als verschollene Adelige entpuppt.
Die Pariser Bohème-Szenerie erinnert entfernt an „La Bohème“, während der dritte Akt, ganz im Stile der klassischen Operette, die vornehme Gesellschaft in ein Vorstadttheater schleift. Die Handlung plätschert behaglich vor sich hin, um gelegentlich in überbordender Theatralik zu schäumen und sich zum Finale in ein ausgelassenes Spektakel zu steigern.
Musikalischer Schwung und szenische Präzision
Friedrich Pistorius animierte das Orchester der Musikalischen Komödie mit leichter Hand und sicherem Gespür für tänzerische Eleganz und Tempi. Der Gast am Pult — dem Leipziger Publikum kein Unbekannter mehr — dirigiere mit großer Aufmerksamkeit für die Sänger verlieh der Vorstellung einen frischen Anstrich, was Operette grundlegen mit davor bewahrt, ins museale Abseits zu geraten.
Das Ensemble zeigte sich spielfreudig und stimmlich beachtlich disponiert. Spontaner Beifall nach beinahe jeder Nummer bezeugte das Wohlwollen des Publikums — auch da, wo vielleicht mal ein Ton verrutschte oder eine Pointe spät zündete.
Komödiantische Glanzlichter und kleine Charakterstudien
Besonders hervorzuheben: Mirko Milev, ein Komödiant von jener angenehmen Sorte, die nicht bloß nach der Devise „um diese Stunde ist’s eh egal“ auf den Putz haut, sondern den Witz aus der Situation heraus entwickelt.

Als Künstlertrio Florimond, Henry und Raoul jonglieren Andreas Rainer, Kovrigar und als Gast Adam Sánchez gelaunt treffsicher mit ihren Dialogbällen. Sánchez wiederum setzte mit sicher geführtem Tenor in seiner großen Arie „Heut‘ Nacht hab‘ ich geträumt von dir“ an diesem Nachmittag einen vokalen Höhepunkt.
Was den faszinierenden Gesang und die herzlich warme Ausstrahlung anbetrifft, ist Mirjam Neururer als Violetta ein Erlebnis. Nora Lentner wiederum gelingt, dem unfassbaren Ninon-Klischee zwischen „ein kleines Grisettchen“ und großer Diva Sympathien zu entlocken — Carambolina!

Insgesamt waren Solisten, Chor und Ballett bestens diponiert. Die Inszenierung von Ulrich Wiggers, das Bühnenbild von Leif-Erik Heine und die Choreografien von Kati Hedebrecht setzen auf bewährte Formen, bewegen sich in einem angenehm biederen Rahmen. Auch der kann Operette heute gut zu Gesicht steht. Sie wirkt zeitlos unterhaltsam, weil man ihr vertraut, ihr keinen Subtext ablauscht (wie auch — Emmerich Kálmán hatte dieses heute eingemottete Frauenbild!) oder den Text heutig überschreibt. Die Handlung spielt in einer albernen Gegenwart und jeder erkennt, was gemeint ist.
Fazit
Ein vergnüglicher Nachmittag, charmant altmodisch, musikalisch lebendig und szenisch klug geführt. Unbedingt wieder hingehen.
Lesen Sie auch die Premierenrezension unseres vor wenigen Monaten viel zu früh verstorbenen Kritikers Henner Kotte vom April 2023.
Annotation
“Das Veilchen von Montmartre”. Operette in drei Akten | Libretto von Julius Brammer und Alfred Grünwald; Musikalische Komödie Leipzig. Musikalische Leitung Friedrich Praetorius, Inszenierung Ulrich Wiggers, Choreografie Kati Heidebrecht, Bühne, Kostüm Leif-Erik Heine, Dramaturgie Nele Winter, Choreinstudierung Mathias Drechsler
Besetzung
Ninon: Nora Lentner, Violetta Cavallini: Mirjam Neururer, Lolette: Lolita Valau, Cochette Marta Borczakowska, Fleurette: Jimena Banderas Martinez / Tatiana Andrea Duarte de Sousa, Angestellte bei Ninon: Nicola Heinecker, Raoul Delacroix: Adam Sánchez, Henry Murger: Ivo Kovrigar, Florimond Herve: Andreas Rainer, Genral Pipo de Frascatti: Michael Raschle, François Pisquatschec: Milko Milev, Parigi: Michael Raschle, Baron Jacob Rotschild: Roland Otto, Theaterdirektor: Radoslaw Rydlewski, Sekretär Leblanc: Björn Grandt, Frapeau: Mattia Cambiaghi, Just Eat: Claudio Valentim, Chor der Musikalischen Komödie, Extrachor, Ballett der Musikalischen Komödie, Orchester der Musikalischen Komödie
Credits
Premiere 22.4.2023; besuchte Vorstellung Wiederaufnahme 13.4.2025; veröffentlicht 15.4.2025
Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig
Foto: © Kirsten Nijhof
Kunst und Technik Das Onlinemagazin
