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LEIPZIG: „Frühlings Erwachen“ bei Spielfreude und Livegesang

LEIPZIG: „Frühlings Erwachen“ bei Spielfreude und Livegesang

Die sogenannte Kindertragödie “Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind erlebte am Schauspiel Leipzig eine bejubelte Premiere. Das Stück reflektiert durch die Zeiten gültig das ewige Thema vom Erwachsenwerden in einer von der Jugend als schwer zugänglich empfunden Gesellschaft. Wandeln sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, wanden sich die Antworten, die man auf dem Theater dazu erwartet.

Von Moritz Jähnig

Szene mit Teresa Schergaut (l.) und Stine Kreutzmann

Für den genialen Theatermenschen Frank Wedekind war der Schreibprozess von „Frühlingserwachen“ ein Akt der Selbstbefreiung. Der damals 27jährige erlebte sich in der Schweiz als Ausländerkind. Mit nichts kam er wirklich klar, am wenigsten mit seiner Schule und dem Lehrkörper in der kleinen Stadt Aarau, in deren Nähe seine Eltern umgezogen waren. In dem Wort Frühlingserwachen schwingt nicht nur die pubertäre Gefühlswelt junger Menschen in diesem Alter mit, die wir beim ersten Hinhören vernehmen. Es klingen auch Tradition und Brauchtum in der Gegend an, bei dem Lehrer mit Ihren Schülern in den Wald ziehen, um Ruten zu schlagen. Dieser frühzeitlich verwurzelte Frühlings- und Initiationsritus wird heute in der 20 000-Einwohnerstadt mit dem Mayenfest als Touristenattraktion gefeiert. Wer wie im Stück zum Beispiel der 15jährige Melchor bei dieser Lebensweise nicht mitziehen will, dem droht die Korrektionsanstalt. Korrektionsanstalt – welch ein Wort. Es gab reale Selbstmordfälle unter Gymnasiasten. Der Tod lag irgendwie in der gesunden Waldesluft dieser neuen Wahlheimat.

Wedekind, der spätere Erfolgsautor, war selbst ein Schulabbrecher. Als Arztsohn erhielt er dann allerdings Einzelunterricht und schaffte noch mit Ach und Krach seine Matura. Flucht- und Überlebensort für den geistig wachen Jungen waren Literatur und Dichtung. Der spätere Autor der „Lulu“, legt bereits 1891 mit „Frühlings Erwachen“ einen Text hin, bei dem der älteren Generation die Ohren geschlackert haben müssen. Mit Verweis auf seine suizidalen Konnotationen wird das neue Theaterstück erst einmal kassiert. Unterschwellig mag bei der offiziellen Ablehnung auch ein den Autor lebenslang begleitender Pornografievorwurf eine Rolle gespielt haben. Denn als pornografisch gilt alles, was mit seiner Darstellung dem öffentlich verordneten Sittenbild, der Reglementierung schlechthin widerspricht.

Geniales Textmaterial

Wedekind übte schärfste Kritik an Scheinmoral und schulischer Dressur. Er verfährt ohne anklagendes Pathos in einer sehr authentischen Sprache und mit böser Satire. Diese Mittel machen es dem Dichter möglich, dass erlebte Grauen konsumierbar und unterhaltsam daherkommen zu lassen. So heißt zum Beispiel der (in dieser Fassung fehlende) Arzt, der die 14jährige ungewollt schwangere Wendla mit der Diagnose Bleichsucht beruhigt, Dr. von Brausepulver.

Ob die Schwangerschaft Folge eines Liebensaktes oder einer Vergewaltigung ist, bleibt offen. Aber die persönlichen Verfehlungen der Schülergeneration interessierten schon damals Frank Wedekind weniger. Er thematisiert den tödlichen Konflikt, der aus dem Gegenüber von obrigkeitlicher Moral und freiem Entfalten aufbricht. Ihm stellt sich die Inszenierung von „Frühlings Erwachen“ 2022 am Leipziger Schauspiel.

Viel Spielwitz und Gesang

Der Regisseur Yves Hinrichs hat den Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ gegründet und inszeniert hier erstmals mit seinen Mitgliedern auf der Großen Bühne. Wobei die Jugend die Jugend spielt und vier gestandene Ensemblemitglieder das Establishmentgeben. Zu erleben ist hochintelligente Darstellerkunst, wobei die einzelnen Auftritte so vorgetragen werden, als seien sie vom Kabarettisten Wedekind für moderne Stand-up Comidiean geschrieben worden. Das funktioniert. Wenn Rektor Sonnenstich (Denis Grafe) eine große Anklagerede hält, gelingt es durch winzige Varianten, die heutigen Formen eines sittlichen Drucks zu markieren, der auch in einer Gesellschaft besteht, in der Philosophen höchste Staatsämter bekleiden. Durch den Vortrag gewinnt der Text ansatzweise jene provokante, satirische Freche, die er wohl zu Wedekinds Zeit gehabt hat.

Die Darsteller, im Besonderen die neun spielfreudig agierenden und live singenden Mitglieder des Theaterjugendclubs, sind von der Regie zu ihren persönlichen künstlerischen Stärken geführt worden. Als Auftrittsfläche hat der versierte Ausstatter Hugo Gretler eine wie unterkellerte Bühnenschräge gebaut, deren Presspappencharme zur einer Genration passt, die einfach nur auf ungehobelten Alt-Paletten-Möbeln chillen will.

Eindrucksvolle Videoeinspielungen

Dazu trägt die Jugend die einen Tik zu süß geratenen Kostüme von Marleen Hinniger. Die Jugendlichen tanzen (Choreographie Paul Spiering) sehr viel und oft wie von der Leine gelassen und das Licht tanzt mit. Die Schüler werden gespielt von Miriam Falterer (Ilse), Lukas Hartl (Hänschen Rilow), Sarah Hohendahl (Martha Bessel), Maximilian Hossner (Robert), Stine Kreutzmann (Wendla Bergmann), Franz Kemter (Melchior), Toni Leue (Thea), Willi Reimann (Moritz Stiefel), Gwendolin Kyra Schmerer (Luna). Ungewöhnlich ästhetische Videoillustrationen (Tilmann Würfel) malen im Hintergrund eindrucksvoll die Stimmung der Szenen. So der Selbstmord von Moritz. Die gesamte Inszenierung klingt und tönt und tost (Komposition Arne Herrmann, Musik Gwendolin Kyra Schmerer), die Akteure singen gefühlsgeladen oder punkig, es gibt prominente Einspieler.

„Frühlings Erwachen“, in Leipzig bei nur wenigen Texteingriffen und einigen Straffungen mit Theaterjugendclub inszeniert von Yves Hinrichs, ist eine Empfehlung für Menschen im ersten wie im zweiten Frühling.

ANNOTATION

„Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind am Schauspiel Leipzig, Große Bühne.

Regie: Yves Hinrichs, Bühne: Hugo Gretler, Kostüme: Marleen Hinniger, Komposition: Arne Herrmann, Video: Tilmann Würfel, Choreographie: Paul Spiering, Musikalische Einstudierung: Gwendolin Kyra Schmerer, Dramaturgie: Georg Mellert, Licht: Thomas Kalz, Theaterpädagogische Betreuung: Amelie Gohla,

Besetzung: Teresa Schergaut als Frau Bergmann, Sonja Isemer als Frau Gabor

Wenzel Banneyer als Herr Gabor / Der vermummte Herr, Denis Grafe als Rektor Sonnenstich / Pastor Kahlbauch. Mitglieder des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“: Miriam Falterer als Ilse, Lukas Hartl als Hänschen Rilow, Sarah Hohendahl als Martha Bessel, Maximilian Hossner als Robert, Stine Kreutzmann als Wendla Bergmann, Franz Kemter als Melchior Gabor, Toni Leue als Thea, Willi Reimann als Moritz Stiefel, Gwendolin Kyra Schmerer als Luna

Besuchte Vorstellung: Premiere 10.06.2022; veröffentlicht: 14.06.2022; weitere Termine: 16.06, 07.07.

KONTAKT zum Herausgeber

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Adresse: blog@moritzpress.de

CREDITS

Fotos: © Rolf Arnold (5)

Text: Moritz Jähnig, Theaterkritiker, Herausgeber, Leipzig

Stine Kreutzmann

Gwendolin Kyra Schmerer, Denis Grafe, Stine Kreutzmann (v.l.)

Toni Leue, Lukas Hartl

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