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Leipzig/Gewandhaus: Nachklang im Harmonieverlust

Leipzig/Gewandhaus: Nachklang im Harmonieverlust

Cristian Macelaru dirigiert Schnittke, Mozart, Honegger – Antoine Tamestit verschmilzt mit der Viola

Drei Orchesterstücke, schwer auf einen Nenner zu bringen – Alfred Schnittke, Konzert für Viola und Orchester, Wolfgang Amadeus Mozart, Sinfonie g-Moll und Arthur Honegger, 3. Sinfonie („Liturgique“) – bieten als Gewandhauskonzert in ihrer Zusammenstellung ein Programm, das weniger Harmonie als Denkbewegung provoziert.

Von Moritz Jähnig

Sperriges Programm nach Ostern

Die Werkzusammenstellung der Gewandhauskonzerte am 9. und 10. April stellte eine Herausforderung dar. Mit nachösterlicher Auferstehungsfreude hatten die ausgewählten Stücke nur wenig zu tun. Am ehesten ließ sich noch die 3. Sinfonie „Liturgique“ von Arthur Honegger in diesen Zusammenhang rücken: Ihre drei Sätze greifen lateinische liturgische Texte auf („Dies irae“, „De profundis“, „Dona nobis pacem“) und entfalten einen Bogen von Bedrohung und Klage hin zu einer Friedensbitte.

Dunkler Moll statt Triumph in C

Diese Dramaturgie ließ sich zwar mit dem Weg von Passion zu Auferstehung in Beziehung setzen. Folgte man jedoch der Klangsprache, wurde deutlich, dass jeder Erlösungsgedanke darin letztlich konstruiert blieb. Spätestens im Schlusssatz „Dona nobis pacem“ – zumal in der die brüchige Hoffnung nahezu negierenden Interpretation von Cristian Măcelaru – verbot es sich, von einem österlichen Triumph des Lebens zu sprechen. Das Dunkle, die Moll-Atmosphäre des zweiten Satzes, wirkte über den Schluss des dritten Satzes hinaus nach; eine klangliche Aufhellung stellte sich trotz intensiven Ringens nicht ein. So mochte es eine sehr persönliche Sicht sein, darin ein Klangbild zu erkennen, das in manchen Nuancen unserer gegenwärtigen nachösterlichen Gefühlslage entsprach.

Triptychon der Grenzerfahrungen

Alle drei Werke entstanden in biographisch zugespitzten Situationen. Die g-Moll-Sinfonie KV 183 von Wolfgang Amadeus Mozart ist von scharfen Kontrasten durchzogen und zeugt von früher künstlerischer Reifung. Der Siebzehnjährige unternahm 1773 seine erste Reise nach Wien, wo er unter anderem den Werken von Carl Philipp Emanuel Bach und Joseph Haydn begegnete. Die prägenden Impulse des Sturm und Drang sowie die beginnende Emanzipation vom Vater spiegeln sich in der expressiven Zuspitzung der Sinfonie, in der sich das Aufbrechen klassischer Harmonie bereits andeutete.

Honeggers 3. Sinfonie entstand zwischen 1945 und 1946, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach den Erfahrungen von Zerstörung und moralischer Erschütterung suchte der Komponist in der „Liturgique“ nach geistiger Orientierung – ein Versuch, der bewusst ohne endgültige Auflösung blieb.

Auch bei Alfred Schnittke war die Suche nach einer Antwort zentral. Sein Konzert für Viola und Orchester entstand 1985 in einer späten, von Krankheit überschatteten Schaffensphase. Nach mehreren Schlaganfällen trägt das Werk Züge einer musikalischen Rückschau und wirkt wie ein Abschied. Die Uraufführung fand am 9. Januar 1986 in Moskau statt, interpretiert von Juri Baschmet, für den das Konzert geschrieben wurde.

Trotz ihrer unterschiedlichen Entstehungszeiten bildeten die drei Werke ein dramatisches Triptychon über menschliche Grenzerfahrungen: vom aufgewühlten Inneren eines jungen Menschen (Mozart) über den Versuch, eine kollektive Katastrophe zu verarbeiten (Honegger), bis hin zur existenziellen Spätreflexion (Schnittke).

Antoine Tamestit als interpretatorisches Zentrum

Im Zentrum des Abends stand Antoine Tamestit. Der 1979 in Paris geborene Solist trat dem Gewandhausorchester mit großer Souveränität gegenüber. Der zunächst ausgewogen angelegte Dialog mit dem Klangkörper verschob sich zunehmend zugunsten des Solisten, der dem Werk eine eindringliche Stimme verlieh. Tamestit löste die Komposition aus der Kategorie virtuoser Konzertmusik und formte daraus ein psychologisches Musikdrama, dessen Episoden er nicht lediglich durchmaß, sondern existenziell durchlebte. Seine beinahe ganzkörperliche Interpretation war von radikaler Subjektivität geprägt – ein großes Erlebnis.

Das Leipziger Publikum im leider nicht voll besetzten Großen Saal folgte dieser Lesart gebannt. Die emotionale Wucht des Schlusses ließ das Werk weniger als virtuoses Konzert denn als eindringlichen Abgesang erscheinen und hinterließ den Saal in ungewöhnlicher, konzentrierter Stille. Das Wechselspiel von klanglicher Eiseskälte und intensiver Verdichtung, die Ahnung vom bleibenden Harmonieverlust wirkte dabei weit über den Moment hinaus nach.

Hinweis Alfred Schnittke-Pflege

Die als unaufführbar geltende Oper „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schmittke (UA 1995 Hamburg) ist für den 18.9.2026 zur Premiere am Theater Meinigen angekündigt. Die Musikalische Leitung hat der dort scheidende Generalmusikdirektor Killian Farrell

Im Gewandhaus Leipzig erklingt am 11.2.2027 Alfred Schnittkes 3. Sinfonie. Es spielt das Gewandhausorchester unter Leitung Andris Nelsons

Credits

erlebtes Konzert am 9.4.2026; veröffentlicht 10.4.2026

Text: Moritz Jähnig, freier Theaterkritiker, Leipzig

Foto: © PR Gewandhaus / R_JENSGERBER webside

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